Auflehnung gegen die sprachliche Monokultur

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Landrat Thomas Gemke übergab den Wiblingwerder Grundschülern die ersten Exemplare des Plattdeutsch-Schulbuches.

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Es sei das einzige Werk seiner Art in Westfalen, stellte Dr. Wilhelm Bleicher fest. Der wissenschaftliche Leiter des Arbeitskreises Niederdeutsch im Heimatbund Märkischer Kreis stellte am Montagnachmittag in Wiblingwerde das plattdeutsche Schulbuch „Vi küert Platt“ („Wir sprechen Platt“) vor.

Der Arbeitskreis hatte vor gut zwei Jahren ein Team gebildet, das die Aufgabe hatte, ein solches Schulbuch zu entwickeln. Mitarbeiter waren unter anderem Johannes Illerhaus und Ernst Schnepper sowie der inzwischen verstorbene Klaus Potthoff aus Nachrodt-Wiblingwerde. Herausgekommen ist ein gut 100 Seiten umfassendes Lese- und Arbeitsbuch mit vielen kindgerechten, farbigen Illustrationen, Spielen, Rätseln, Malbildern und natürlich plattdeutschen Texten und Aufgaben. Dazu gehört eine CD, die es den Kindern ermöglicht, den originalen Klang der sauerländischen Mundart zu üben.

Wilhelm Bleicher betonte bei der Vorstellung des Buches, wie wichtig es sei, die heimische Mundart vor dem Aussterben zu retten. Die sprachliche Globalisierung, die sich ausbreitende sprachliche Monokultur bringe vor allem die Dialekte in Not. „Auch dagegen ist dieses Werk eine Art Auflehnung“, so Bleicher.

Auch Landrat Thomas Gemke bemerkte, dass das identitätsstiftend Merkmal einer Mundart oft unterschätzt werde. „Andere Gegenden in Deutschland sind da schon weiter. Dort sind Beiträge in alten Dialekten schon feste Bestandteile im Radio und in der Zeitung“, sagte Gemke und verwies darauf, dass das sogar bei jungen Menschen gut ankomme. Auch die Mundart des Sauerlands, das Plattdeutsche, dürfe nicht vergessen werden. Es solle vielmehr auch für junge Menschen eine lebendige Sprache bleiben, wünschte sich der Landrat, der nach eigenem Bekunden selbst kein Platt mehr spricht. Das jetzt vorgestellte Schulbuch könne dabei helfen, auf die plattdeutsche Sprache aufmerksam zu machen, die Teil der Heimatgeschichte sei, war Gemke überzeugt, dass „Vi küert Platt“ dazu beitragen könnte, die Mundart in die nächste Generation zu retten.

Den Beweis dafür antreten können die Wiblingwerder Grundschüler, die an der Plattdeutsch-AG teilnehmen, in der einmal pro Woche eine Schulstunde dem Sauerland-Dialekt gewidmet ist. 16 Kinder lernen dabei von Ernst Schnepper aus Herlsen die Sprache, die für ihre Urgroßväter die ganz normale Alltagssprache gewesen ist. „Die Kinder interessieren sich und haben viel Spaß dabei“, schilderte Schnepper seine Erfahrungen. Die Plattdeutsch-AG der Grundschule Wiblingwerde erhielt am Montag die ersten Exemplare des neuen Buches. „Wir haben die Kinder schon heiß gemacht, und am nächsten Donnerstags geht's los“, schien auch Ernst Schnepper kaum erwarten zu können, mit seinen Schützlingen mit dem Buch arbeiten zu können. Neben der Grundschule in Wiblingwerde gibt es derzeit nur noch zwei Schulen in Schalksmühle, die sich dem Plattdeutschen widmen.

„Vi küert Platt“ kostet inklusive Begleit-CD 8,90 Euro; Schulen erhalten das Buch ab zehn Exemplaren für 5,90 Euro. ▪ Volker Griese

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