1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Nachrodt-Wiblingwerde

Hausarzt zu Covid: Stadium der Durchseuchung

Erstellt:

Von: Susanne Fischer-Bolz

Kommentare

Hausarzt Matthias Hartig (rechts) hat die Bewohner und das Pflegepersonal im Pertheshaus längst zum vierten Mal geimpft.
Hausarzt Matthias Hartig (rechts) hat die Bewohner und das Pflegepersonal im Pertheshaus längst zum vierten Mal geimpft. © Fischer-Bolz, Susanne

Viel hilft viel? Sollte man sich jetzt angesichts der seit Wochen steigenden Infektionszahlen dringend zum vierten Mal impfen lassen? „Nach jeder Talkshow haben wir hier Diskussionen. Das erleichtert nicht unsere Arbeit“, sagt der Nachrodter Hausarzt Matthias Hartig.

Nachrodt-Wiblingwerde – Die Verunsicherung ist groß. Politik und die Ständige Impfkommission (Stiko) sind sich augenscheinlich wieder mal nicht einig. Während Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) allen rät, die „einen ruhigeren und beschwerdefreieren Sommer haben wollen“, eine vierte Impfung in Erwägung zu ziehen, empfiehlt die Stiko den Booster vom Booster vor allem bestimmten Risikogruppen, etwa Menschen mit unterdrücktem Immunsystem, Pflegeheimbewohnern, Menschen ab 70 und Personal medizinischer Einrichtungen. Für die Hausärzte sind die unterschiedlichen Meinungen ein echtes Problem, müssen sie doch ihre Patienten beraten und impfen oder eben nicht. „Nach jeder Talkshow haben wir hier Diskussionen. Das erleichtert nicht unsere Arbeit“, sagt der Nachrodter Hausarzt, der die empfohlene Vorgabe, alle Menschen ab 70 Jahren zu impfen, erfüllt hat. Ebenso medizinisches Personal und Einsatzkräfte.

„Wir halten uns an die Wissenschaft“

So gut wie alle sind geimpft“, erzählt Matthias Hartig. Und natürlich, so sagt er, gehören auch alle Bewohner der Pflegeheime dazu. „Problematisch ist, dass die Politiker wollen, dass ab 60 Jahren geimpft wird“, so Matthias Hartig, „aber wir halten uns an die Wissenschaft. Außerdem ist ein neuer Impfstoff in der Prüfung.“ Die Impfstoffhersteller hatten schon vor Monaten begonnen, an Omikron angepasste Impfstoffe zu entwickeln. Vorlage für die Impfstoffe war die Omikron-Variante BA.1, die im Winter dominant war und inzwischen erst von BA.2 und nun von BA.4 und BA.5 langsam verdrängt wird. „Natürlich ist das Virus mal wieder schneller als die Impfstoffentwicklung“, sagte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, gegenüber der „Frankfurter Rundschau“.

Auf den neuen Impfstoff warten

So oder so hält es Matthias Hartig für sinnvoll, auf den neuen Impfstoff zu warten. Auch diejenigen, die bereits Ende vergangenen Jahres oder Anfang diesen Jahres die dritte Impfung bekommen haben, sollten sich jetzt nach Ansicht des Nachrodter Hausarztes nicht verrückt machen. „Mit weniger Lebensalter steigt die Zeit, in der man geschützt ist. Dann halten die Antikörper normalerweise länger“, sagt Matthias Hartig, „aber es wird immer noch erforscht.“ Zumindest wisse man, dass man, wenn man bereits erkrankt war, erneut an dem neuen B5-Stamm erkranken könne. „Das passiert recht häufig, aber es ist meist eine sehr schwache Erkrankung“, erklärt Matthias Hartig.

50 Prozent der Getesteten sind positiv

Auch in seiner Praxis gibt es immer mehr positive Fälle und Matthias Hartig glaubt sicher: „Wir sind jetzt in dem Stadion der Durchseuchung. Wir haben mittlerweile 50 Prozent positive Fälle von den Getesteten. Und das hatten wir nie vorher.“ Nur eine Patientin mit Vorerkrankungen musste ins Krankenhaus. Die Frage angesichts der offenbar etwas milderen B5-Variante: Sollte man sich extra anstecken, um es hinter sich zu haben? „Das würde ich nicht machen. Ich würde trotzdem noch vorsichtig sein. Die Statistik hilft nicht weiter, wenn man betroffen ist“, rät Matthias Hartig zur Vorsicht. Also: Nicht drauf anlegen. Und er rät auch von Großveranstaltungen, also von Konzertbesuchen beispielsweise ab. „Ich persönlich würde darauf verzichten, Open Air ja, aber nicht in der Halle. Warum sollte man das Risiko eingehen?“.

Nur wer unbedingt will

Übrigens: Wer in der Praxis von Matthias Hartig unbedingt eine vierte Impfung möchte, nicht aber zu der empfohlenen Gruppe gehört, bekommt auch eine Impfung. „Wir lassen es uns unterschreiben, dass sie es entgegen der offiziellen Lehrmeinung machen wollen“, so der Nachrodter Hausarzt. Die Impfstofflieferung ist unterdessen überhaupt kein Thema mehr. Gar nicht nachgefragt – deutschlandweit – ist der Corona-Impfstoff Novavax, der seit März auf dem Markt ist. „Der ist irgendwie untergegangen. Wir impfen fast nur noch Biontech“, erklärt Matthias Hartig. Erstimpflinge kämen übrigens gar nicht mehr. „Wer jetzt nicht geimpft ist, lässt sich auch zukünftig nicht mehr überzeugen“, glaubt der Hausarzt, der sich auch längst mit Long-Covid auseinandersetzt.

Long-Covid „ist dramatisch“

Zehn Prozent der Corona-Erkrankten leiden laut RKI an Long Covid, Auf Instagram werden Geschichten von 15000 Betroffenen geteilt, die seit ihrer Corona-Erkrankung arbeitsunfähig sind: @nichtgenesen heißt die Aktion. „Ich habe im Moment drei Personen, aber das ist natürlich ziemlich dramatisch“, sagt Matthias Hartig und spricht von Luftnot, Belastungsschwäche, Kraftlosigkeit, über Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Antriebsarmut. „Kunterbunt, kreuz und quer.“ Die Diagnose ist per Definition. Wenn solche Beschwerden einen Monat nach der Covid-Erkrankung immer noch anhalten, spricht man von Long-Covid, nach drei Monaten von Post-Covid. Behandelt wird bis jetzt nur symptomatisch. Matthias Hartig: „Nach meiner Erfahrung dauert es Monate, es kann aber sogar die Erwerbstätigkeit gefährden. Es geht bis zur Berentung.“ Das Medikament BC 007 hat sich angeblich bisher als wirkungsvoll gegen Long Covid herausgestellt – noch ist es aber nicht zugelassen. Die Instagram-Aktion @nichtgenesen beklagt, dass die Regierung zu wenig Geld in die Forschung steckt.

Frauen häufiger betroffen

Wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mitteilt, geht man davon aus, dass Frauen häufiger von Long-Covid betroffen sind als Männer. „Zudem scheinen Vorerkrankungen wie Diabetes Langzeitfolgen zu begünstigen. Zudem können zum Beispiel eine hohe Viruslast oder spezielle Antikörper, die sich gegen körpereigenes Gewebe richten, das Risiko für Long-Covid erhöhen.“

Auch interessant

Kommentare