Schutz gegen Corona

Hausarzt: Astrazeneca „völlig harmlos“ 

Eine Apothekerin zieht in einem Impfzentrum den AstraZeneca-Impfstoff auf.
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Die Hausärzte sollen beim Impfen einbezogen werden, sagt Hausarzt Matthias Hartig aus Nachrodt.

Matthias Hartig hat Impfungen gegen Corona in Pflegeeinrichtungen verabreicht. Im Interview spricht der Hausarzt aus Nachrodt über seine Erfahrungen mit den Impfungen und Impfstoffen, räumt mit Vorurteilen gegenüber Astrazeneca auf und spricht über einen großen Wunsch.

NRWs Gesundheitsminister Karl Laumann hat am Montag angekündigt, dass alle Menschen mit Pflegestufe 5 zeitnah ein Impfangebot zu Hause erhalten sollen. Auch Hausärzte sollen dabei einbezogen werden.
Ja, an die Bettlägerigen hat lange überhaupt keiner gedacht. Sie können ja nicht in die Impfzentren. Darauf habe ich hingewiesen, aber es gab keine Antwort.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sagt voraus, dass schon im März die Kapazität der Impfzentren nicht mehr ausreichen könnte, um alle dann verfügbaren Dosen zu verimpfen. Spätestens im April müsste mit flächendeckenden Impfungen in den Praxen begonnen werden, oder?
So früh wie möglich. Die Impfstoff-Kapazität soll nun ja im März erheblich erweitert werden, im April wird es also höchste Zeit, dass wir mitmachen,
Es heißt, bis zu 75 000 der bundesweit 102 000 Arztpraxen könnten an der Impfkampagne beteiligt werden. Wie kommt man auf diese Zahl?
Wir sind von der Kassenärztlichen Vereinigung gefragt worden. Es gab eine Erhebung. Und wir machen das gerne. Wahrscheinlich ist es für diese Zahlen insgesamt so gelaufen.
Der Nachrodter Hausarzt Matthias Hartig (Mitte) mit seinem Team:.
Hausärzte impfen ja schon immer. Das ist ihr tägliches Geschäft. Aber ist man dem Ansturm tatsächlich gewachsen?
Das ist nur eine Frage der Organisation, das kann man leisten. Natürlich ist es eine erhebliche Mehrarbeit. Ich habe gerade die Information bekommen, dass der Biontech/Pfizer- und der Moderna-Impfstoff fünf Tage unter normalen Kühlschrank-Bedingungen lagerbar sind.
Fünf Tage sind genug Zeit für uns. Wir haben den direkten Draht zu den Patienten. Wir könnten Impflisten erstellen und so planen, dass nichts übrig bleibt, nichts vergammelt und die Leute relativ fix durchgehen.
Ich stelle mir das ganz praktisch vor: Sie bestellen die Leute ein...
Genau. Das wäre ähnlich wie wir es im Moment mit den Testungen machen. Für die Lehrer, Erzieher, Mitarbeiter von Schulen gibt es Schnelltests und mit den PCR-Tests testen wir die symptomatisch Kranken. Sie kommen kurz vor Schluss in die Sprechstunde, damit sie den anderen nicht über den Weg laufen.
Und genauso könnte man Impfzeiten schaffen. Die Geimpften müssen eine Viertelstunde in der Praxis bleiben und werden überwacht. Das wäre alles gut machbar, wenn man vernünftig plant.
Könnte die Dokumentation eine Hürde sein?
Das ist wieder ein deutsches Problem, da lacht man sich kaputt. Ich habe ja in den Altenheimen geimpft. Es ist sagenhaft, was an Dokumentation gefordert wird. Da waren wohl Leute dran, die nichts von der täglichen Arbeit verstehen. Aber es ist nun mal so. Augen zu und durch.
Wenn die niedergelassenen Ärzte impfen sollen, müssten sie aber auch unbedingt selbst geimpft sein, nicht wahr?
Ja, das ist unbedingt wünschenswert. Ich hatte das Glück, als Teil des mobilen Impfteams geimpft zu werden. Das steht so in den Bestimmungen. Mein Praxisteam und ich sind durchgeimpft.
Bekommen Sie jetzt bereits viele Anfragen von Impfwilligen?
Seit Wochen. Pausenlos. Auch jeder, der wegen etwas anderem kommt. Manche kommen auch nur deshalb. Wir machen eine gründliche Impfberatung und es nimmt viel Raum bei uns ein.
Ich gehe davon aus, dass Astrazeneca auch ein großes Thema ist, oder?
Ja natürlich. Doch es gibt gravierende Neuigkeiten. Möglicherweise fällt die Altersbegrenzung. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin rechnet damit, da es eine neue Studie aus Schottland gibt. Sie besagt, dass Astrazeneca sehr wohl gut wirksam ist im Alter.
Das war zuvor nicht untersucht worden, die Firmen haben das verpennt. Die Diskussion ist also bald vom Tisch. Zu zehn Prozent gibt es wohl Nebenwirkungen wie bei einem grippalen Infekt für ein, zwei Tage. Aber das ist ungefährlich und kein Argument, es nicht zu verimpfen.
Astrazeneca ist also kein Impfstoff zweiter Klasse?
Nein. Das zeigt sich nach Veröffentlichung der Studien immer deutlicher. Und wenn schon die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin damit rechnet, dass die Altersbeschränkung zeitnah fällt, dann dürfte einiges daran sein.
Wenn man als Laie die Impfstoffe vergleichen will, stößt man immer auf eine Wirksamkeit von schlappen 60 Prozent bei Astrazeneca. Das könnte der Knackpunkt der Verunsicherung sein.
Ja, das glaube ich. Aber das stimmt so nur, was die Krankheitsfälle angeht. Wenn man sich die schweren Verläufe anguckt – Krankenhausaufenthalt, Intensivstation oder Tod –, dann zeigt sich eine Wirksamkeit von 90 Prozent und mehr. Das heißt, dass die Leute zwar ein bisschen erkranken, aber völlig harmlos.
Das wissen nicht viele...
Genau. Und es wird auch immer verkürzt dargestellt. Es kommt ja darauf an, dass wir schwere Verläufe verhindern. Bezogen auf dieses Ziel ist die Wirksamkeit über 90 Prozent.
Sie würden also jedem anraten, auch Astrazeneca zu nehmen?
Auf jeden Fall. Man muss nur darauf hinweisen, dass es einem vielleicht zwei Tage schlecht geht.
... was allerdings auch bei den anderen Impfstoffen passieren kann. Eine junge Frau in meinem Umfeld wurde mit Biontech/Pfizer geimpft und hat nach der zweiten Impfung mit Schüttelfrost und schlimmen Gelenkschmerzen zu kämpfen.
Ja, bei Biontech kann das typischerweise bei der zweiten Impfung passieren, bei Astrazeneca nach der ersten. Das ist harmlos und kein Grund, von der Impfung Abstand zu nehmen.
Lehrer und Erzieher, die erst kürzlich aus der Prio-Gruppe 3 in die zweite Priorisierungsgruppe aufgerückt sind, sollen ab 8. März ihre Impfung erhalten können. Dennoch gab es im Vorfeld bereits Streit. Ist das ein Anfang von vielem Unmut, der zu erwarten ist? Geht es für uns alle nur noch darum: Wann bin ich endlich dran?
Tja. Ich habe leider keine Durchführungsbestimmungen, wie es aussehen wird, wenn wir Hausärzte dann impfen dürfen. Im Moment wird es ja zentral verwaltet. Ich denke, dass sich das Problem in Luft auflösen wird, wenn genug Impfstoff da ist.
Wäre es gut, wenn das eine Entscheidung der Hausärzte würde?
Ja, wir wissen ja, wer gefährdet ist.
Ein Jahr Corona: Am Anfang, so kann ich mich erinnern, waren Sie nicht so besorgt.
Das hatte ich tatsächlich unterschätzt. Dass es so eine Welle mit so vielen schlimmen Folgen, mit Mutationen, mit teilweise explosionsartigen Vermehrungen gibt, damit hatte ich nicht gerechnet.
Man kann noch lange kein Fazit ziehen. Das Jahr war arbeitsreich, aufregend, aber nicht nur was Covid 19 angeht. Soziale Vereinsamung, Depressionen, Angsterkrankungen, wirtschaftliche Nöte: Das spielt alles bei den Patienten beim Allgemeinmediziner auch eine Rolle.
Hat das auch Sie ein Stück verändert?
Ja natürlich. Das hat meine Arbeit verändert und mich auch.
Es gab auch schwere Verläufe und Todesfälle in Nachrodt-Wiblingwerde unter Ihren Patienten?
Ja, auch unter meinen Patienten. Man wird demütig, nimmt es ernst, ist vorsichtiger, konsequent in den Hygieneregeln. Es hat viel verändert. Es hat auch Auswirkungen auf die gesellschaftliche Sicht gehabt.
Einerseits wie die Menschen darunter leiden, andererseits hat man gemerkt, dass man ganz froh sein kann, in einem Land wie Deutschland zu leben. Was an Hilfen geleistet wird, wird doch gern manchmal kleingeredet. Gemessen an den Schäden, die ohne Staatshilfe passiert wären, ist die Situation im Moment doch einigermaßen glimpflich. Alle Infos und aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im MK finden Sie in unserem News-Blog. 

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