Gnadenhochzeit am Hardtkopf

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Günter und Margarete Boll sind seit 70 Jahren verheiratet

Nachrodt-Wiblingwerde – Es ist der Glaube an Treue und ewiger Verbundenheit. Und es ist für die beiden ein Segen, so lange miteinander zusammen sein zu können: 70 Jahre sind Günter und Margarete Boll verheiratet. Gestern (10.9.2019) feierten sie am Hardtkopf ihre Gnadenhochzeit.

 „Wir mussten nicht heiraten“, schmunzelt Günter Boll. Tochter Heidemarie war also noch nicht unterwegs, als sich die beiden in Dortmund das Ja-Wort gaben. Es war Liebe auf den ersten Blick, obwohl das Paar regelrecht verkuppelt wurde. Denn Günter und Margarete haben sich nicht, wie das früher doch oft üblich war, beim Tanzen kennengelernt, sondern durch Gretchen. Das war nämlich die Nachbarin von Günter und die Freundin von Margarete. Und das war so: „Ich war mit meinem Freund im Kino. Um viertel vor acht kam ich nach Hause. Meine Mutter sagte: „’Grete war hier. Du sollst um 20 Uhr beim Lebensmittelladen sein. Dort wartet eine Margarete auf dich.’ Und da war ich neugierig“, erzählt Günter Boll und muss heute noch lächeln, wenn er an die erste Begegnung mit seiner Frau denkt. 

„Ich habe ihn mir erst einmal von Weitem beguckt“, lacht Margarete Boll. Dann ging sie die Treppen hinunter – in einem zweiteiligen Kleid. „Oh, dachte ich. Sie sieht gut aus“, erinnert sich der heutige Jubilar. Gemeinsam sind sie sodann in den Volksgarten gegangen. Da war Tanz. „Es spielte eine Drei-Mann-Kapelle. Und da saß auch Gretchen.“ Beide waren damals 18 Jahre alt. „Aber ich bin ein halbes Jahr älter“, lacht die Jubilarin. Um 21 Uhr mussten alle zu Hause sein. Es war das Jahr 1947. Der Krieg war zwar zu Ende, aber die Nachwirkungen waren noch schlimm. „Es gab auch noch Lebensmittelmarken“, sagt Margarete Boll. 

Das Hochzeitsfoto

Ihr späterer Mann war mit 17 Jahren noch zum Reichsarbeitsdienst eingezogen worden – zur Luftabwehr. Zuerst war Günter Boll an der Nordsee, dann an der Elbe stationiert. „Wir haben die feindlichen Flugzeuge abgeschossen.“ Solche Erlebnisse vergisst man nicht. „Ich habe die Zeit aber besser überstanden, als wenn ich zu Hause geblieben wäre“, sagt der 91-Jährige. „Ich war nebenbei nämlich Putzer. Ich musste vom Geschützstaffelführer die Stiefel putzen und die Stube sauber halten. Das war ein guter Job. Ich wurde von ihm nur Knolle genannt.“

 Günter Boll hat keine toten Menschen sehen müssen. Und sein Zuhause in Dortmund-Mengede wurde von den Bomben verschont. Margarete Boll hatte in der Zeit eine Ausbildung als Hutmacherin gemacht. „Jetzt ist das wieder groß im Kommen“, erzählt die sympathische Nachrodterin. Sie selbst mochte eigentlich gar nicht so gerne Hüte tragen. „Ich hatte nur einen großen Blauen mit einer weißen Kordel.“ Nach der Lehre blieb sie weitere drei Jahre im Dortmunder Geschäft. 

"Mein Vater hatte unter Tage ein Bein verloren"

Als sich Günter und Margarete kennenlernten, war sie also Hutmacherin und er Schlosser. Im zweiten Lehrjahr wurde Günter eingezogen und beendete die Ausbildung nach dem Krieg. „Als ich den Gesellenbrief hatte, wurde ich von der englischen Militärregierung sofort für den Bergbau verpflichtet.“ Auf der Zeche Gustav hatte er das Glück, dass sein Vater, der über Tage arbeitete, ein gutes Wort für ihn einlegte. 

„Mein Vater hatte unter Tage ein Bein verloren“, erzählt Günter Boll, der aber erst einmal nicht so begeistert war, über und nicht unter Tage arbeiten zu müssen. „Ich habe mit meinen Vater acht Wochen nicht gesprochen. Es war eine schlechte Zeit. Die Bergleute unter Tage bekamen einmal im Monat ein Carepaket. Das war ein Riesenpaket mit Schnaps, Bohnenkaffee, Knäckebrot, Butter und vielem mehr. Da war alles drin. Aber wir über Tage bekamen nichts. Und die Bergleute bekamen 200 Zigaretten, wir aber nur 20. Deswegen war ich sauer. Aber im Nachhinein war ich sehr froh, dass ich nicht unter Tage arbeiten musste.“ Vier Jahre arbeite Günter Boll auf der Zeche - mit insgesamt vier Wochen Urlaub. „Sonst hatte ich nie frei. Auch kein Sonntag. Da standen die Reparaturen an.“ 

Später war er 45 Jahre im Kraftwerk Gustav Knepper. – in Steinkohlekraftwerk im Dortmunder Stadtbezirk Mengede. Das Kraftwerk und seine umliegenden Gebäude sind heute nur noch eine Ruine. Kühlturm, Kesselhaus und Schornstein des ehemaligen Kraftwerks wurden Anfang diesen Jahres von Spezialisten gesprengt. So ging eine Ära zu Ende.

"Der Ring sah so billig aus"

 Am 10. September 1949 heirateten Günter und Margarete. Es war der Silberhochzeitstag der Eltern von Margarete. „Da sind wir zusammen in die Kirche“, verrät Margarete. Ihr Hochzeitskleid hatte sie von einer Schneiderin geliehen. „Es war einfach und schlicht“, sagt die Jubilarin und erinnert sich, dass Günter unbedingt heiraten wollte. Auf Rossen gebettet war das junge Paar nicht. „Man konnte zur Verlobung keine Ringe kaufen. Meine Mutter hatte eine silberne Kette. Die haben wir einschmelzen lassen und daraus Ringe gemacht“, sagt Günter Boll. Wirklich leiden konnte Margarete diese Ringe aber nicht. „Der sah so billig aus“, lacht die Jubilarin, die dann lieber von ihrer Mama den Ehering trug.

Die erste Wohnung des Ehepaars ließ auf sich warten. Die beiden lebten zunächst getrennt bei ihren Eltern, bis sie bei einer Familie ein Zimmer mieten konnten. Es war keine einfache Zeit – und eine, die man sich heute kaum vorstellen kann. Große Freude gab es deshalb, als das junge Paar nach ein paar Monaten eine Wohnung fand. „Am 25. September sind wir eingezogen, drei Tage später kam unsere Tochter zur Welt.“ Eine Hausgeburt. Heidemarie wird jetzt bald 69 Jahre alt. 

„Eine gute Ehe benötigt einen Regisseur“

70 Jahre sind Günter und Margarete Boll nun verheiratet. „Es gab auch stürmische Zeiten“, lacht die Jubilarin, die mit ihrem Mann vor 30 Jahren zur Tochter nach Nachrodt gezogen ist. Schöne Urlaubsreisen waren ein gemeinsames Hobby des Paares. Besonders Campingurlaub in Italien hatte es dem Paar angetan, später, als das Zelt nicht mehr so angesagt war, wurden die kanarischen Inseln erkundet. „Eine gute Ehe benötigt einen Regisseur“, findet Günter Boll. „Die Frau ist die Krone der Familie, der Mann ist das Haupt.“ In Nachrodt leben die beiden sehr gern. Noch bis vor Kurzem ist Günter Boll jeden Donnerstag zum Schwimmen am Holensiepen gegangen. Übrigens: Das besondere Ehejubiläum wurde gestern natürlich auch groß gefeiert – mit der Familie und Freunden im Jagdhaus Im Kühl in Iserlohn. Mit dabei war da natürlich auch die geliebte Enkeltochter.

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