Nicht der Traumjob, aber ein Beruf für’s Leben

Mehr als 30 Jahre produzierte und verkaufte Gunter Schneider mit seiner Frau Marie-Luise in Nachrodt und Einsal Fleisch- und Wurstwaren. Jetzt erhielt er von der Handwerkskammer Südwestfalen mit ein wenig Verspätung den goldenen Meisterbrief. Foto: Machelett

Nachrodt-Wiblingwerde - Sein Leben hatte sich Gunter Schneider eigentlich ganz anders vorgestellt. Dass er einmal Fleischermeister werden würde, damit hatte er als Kind wahrlich nicht gerechnet. „Ich träumte von einem Leben als Anstreicher. Metzger stand nie auf meinem Wunschzettel“, verrät der 75-Jährige. Und doch machte er nicht als Anstreicher, sondern als Fleischer Karriere. Nun bekam er seinen goldenen Meisterbrief.

„Wir waren elf Kinder. Da konnte nicht lange nach einer Lehrstelle gesucht werden. Als Anstreicher gab es nichts und so musste ich das nehmen, was da war. Und das war eben eine Lehre zum Fleischer“, erinnert sich der Nachrodter. So kam er als 14-Jähriger 1953 im hessischen Biedenkopf in die Lehre. Berührungsängste habe er damals nicht gehabt. Zum einen, weil er schon als Kind immer beim Nachbarn zugeschaut habe, wie er die Wurst machte. Zum anderen, weil Fleisch damals noch etwas Besonderes gewesen sei: „Früher gab es vielleicht einmal in der Woche oder zu besonderen Anlässen ein Stück Fleisch.“ Dennoch sei der Start auch für ihn hart gewesen. Eigentlich habe er ein wenig Zeit zum Eingewöhnen gebraucht, doch darauf wurde keine Rücksicht genommen. „Das war halt damals so.“

Nach der Lehre musste Schneider seine Heimat verlassen. Über seinen Lehrmeister fand er Arbeit in der Metzgerei Schäfer an der Lennestraße in Altena. Von da an ging es für den Hessen nur noch bergauf. Am 2. Oktober 1963 folgte die Meisterprüfung und am 28. Februar 1967 wagte der Nachrodter den Schritt in die Selbstständigkeit. Mittlerweile war er verheiratet. „Ohne meine Frau wäre das gar nicht gegangen“, erzählt er. Gemeinsam übernahmen Marie-Luise und Gunter Schneider eine leerstehende Metzgerei in Einsal. Das Geschäft lief gut, Schneiders Wurst war gefragt bei den Kunden. Seine Frau Marie-Luise, die eigentlich Textilverkäuferin war, hatte derweil eine zweite Ausbildung zur Fleischereiverkäuferin absolviert. Gemeinsam waren die Schneiders ein eingespieltes Team.

1970 kam dann das Angebot, die Metzgerei Claas direkt an der Bundesstraße zu übernehmen. Die Schneiders zögerten nicht lange und schlugen zu. 30 Jahre lang verkauften sie in dem Ladenlokal Wurst und Fleisch. Morgens um 4 Uhr begann der Tag für den Fleischermeister in der Wurstküche. Außerdem schlachtete er auch noch selbst, zuerst am Schlachthof in Altena, dann in Lüdenscheid und später in Iserlohn. „Ich suchte mir meine Tiere genau aus. Es war mir wichtig, dass ich meinen Kunden sagen konnte, woher die Ware stammt.“ Doch nach und nach schlossen alle Schlachthöfe in der Region. Von nun an ließ sich Schneider die Ware liefern. Verarbeitet wurde sie aber weiter in der eigenen Wurstküche. „Besonders beliebt war unsere Fleisch- und Schinkenwurst“, verrät er. Die sei immer nach einem speziellen Rezept hergestellt worden. „Die Schwierigkeit lag darin, tagtäglich gleiche Qualität abzuliefern. Es ist eben ein Handwerk, das muss man lernen“, erklärt der Fleischermeister.

Wenn er am Mittag in der Fleischküche fertig war, half er seiner Frau beim Verkauf. Mittlerweile beschäftigten die Schneiders sogar einen Lehrling und einen Gesellen. Zahlreiche Stammkunden schworen auf die Wurst aus Nachrodt. Als Gunter und Marie-Luise Schneider im Jahr 2000 schließlich in Rente gingen, war der Abschiedsschmerz groß. „Ich vermisse die Arbeit und den Kontakt mit den Kunden schon“, sagt Marie-Luise Schneider heute. Doch dafür haben die beiden nun viel Zeit für ihre beiden Enkelkinder. „Das ist noch einmal eine wunderbare Lebensaufgabe“, sagt Gunter Schneider. - Lydia Machelett

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