Pfarrer Kube: „Erinnern muss fruchtbar bleiben“

Die Schülerinnen Marines da Costa Silva (l.) und Cheyenne Kähler trugen am Ehrenmal in Nachrodt ein Gedicht und Gedanken zum Volkstrauertag vor. - Fotos: Griese

Nachrodt-Wiblingwerde - In drei Trauerfeiern an den Ehrenmalen in Nachrodt, Wiblingwerde und Veserde hat die Bevölkerung der Gemeinde am Sonntag der Kriegstoten und Opfer von Terror und Gewaltherrschaft gedacht. Im Blickpunkt stand dabei der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren.

100 Jahre sind eine lange Zeit, doch der Schrecken des Ersten Weltkriegs wirkt bis in die Gegenwart nach. Darauf verwies auch Pfarrer Wolfgang Kube, der die Gedenkrede am Ehrenmal in Nachrodt hielt. „Wir wissen, dass dieser Krieg der Auftakt noch weiterer Leiderfahrungen wurde, die für viele noch ganz real sind“, sagte er mit Blick auf den später ausgebrochenen Zweiten Weltkrieg und die daraus entstandene Teilung der Welt in Ost und West. Kube betonte, dass die Erinnerung an die Opfer wichtig sei. „Gedenken und Erinnern dürfen nicht ihren Sinn verlieren in der Routine, Erinnern muss fruchtbar bleiben“, sagte er und zitierte den Philosophen Ernst Bloch, für den nur solches Erinnern fruchtbar war, „welches daran erinnert, was noch zu tun ist“. Der Volkstrauertag müsse von jeder neuen Generation wieder fruchtbar gemacht werden, führte Kube diesen Gedanken weiter. Und aus dem Erinnern entstehe die Pflicht zur Verantwortung für den Erhalt des Friedens.

Dabei sei der Frieden in dieser Zeit gefährdet, mahnte Pfarrer Kube. Gefährdet sei er „überall dort, wo uns Ungerechtigkeiten gleichgültig lassen, wo wir unsere Hände in Unschuld waschen, anstatt zu handeln“. Dem Gedenken an die Gefallenen werde nicht gerecht, wer wegsehe bei rechter Gewalt, sondern aufstehe gegen Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit und fehlende Zivilcourage nicht als Toleranz ausgebe.

Mitgestaltet wurde die Gedenkfeier an der Ehrenmalstraße vom MGV Frohsinn Nachrodt mit einigen Liedern und von den beiden Hauptschülerinnen Cheyenne Kähler und Marines da Costa Silva, die Gedanken und Gedichte zum Volkstrauertag vortrugen. Bürgermeisterin Birgit Tupat und ihr ehrenamtlicher Stellvertreter Michael Schlieck legten einen Kranz nieder.

In Veserde und Wiblingwerde hielt Presbyterin Barbara Kreft die Gedenkrede. Sie war für die kurzfristig verhinderte Pfarrerin Dr. Tabea Esch eingesprungen und stiegt mit dem Gedicht „Nähe schenken“ ein, in dem Annegret Kronenberg die Situation in einer Familie schildert, die ihren Vater durch den Krieg verloren hat. Durch solche Lebensgeschichten und Lebensschicksale werde Erinnern lebendig, fand Barbara Kreft. „Das Erinnern wird lebendig, wenn wir uns die Lebensgeschichten von Menschen vor Augen führen: getötete Soldaten, unzählige Opfer in der Zivilbevölkerung, ermordete Juden, Behinderte, Homosexuelle, Roma, Sinti, ihre Schicksalen, ihre Leiden, ihre Trauer“, führte sie aus.

Gedenktage wie der Volkstrauertag ließen die Gegenwart und die Herausforderungen der Zukunft klarer erkennbar werden, fand Barbara Kreft. „Wir sehen heute was kommen kann, wenn wir unachtsam werden. Die Welt ist heute unruhig und mit Kriegen und Krisen an vielen Orten dieser Welt bedarf es unserer Aufmerksamkeit und Hilfe“, sagte sie und blickte auf drei Ereignisse in den vergangenen 100 Jahren zurück: Die Erste Weltkrieg sei zum Geburtshelfer des Nationalsozialismus und des Kommunismus geworden, nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Welt im Kalten Krieg geteilt worden. Der Mauerfall 1989 – kein halbes Jahrhundert nach den Schrecken des Krieges – sei dann für viele ein Geschenk gewesen. „Daran erinnert uns der Volkstrauertag und ermahnt uns, gegen Krieg und Gewalt, gegen Terror und Vernichtung unsere Stimmen zu erheben und für das Recht auf Leben jedes einzelnen Menschen einzutreten“, erklärte die Presbyterin und rief dazu auf, für das Recht der vielen Flüchtlinge auf ein Leben in Freiheit und Menschenwürde einzustehen.

Die Gedenkfeier in Veserde wurde musikalisch vom MGV Wiblingwerde mitgestaltet, der auch am Ehrenmal in Wiblingwerde sang. Außerdem spielte an der Gedenkstätte in Wiblingwerde der CVJM-Posaunenchor. An beiden Stellen wurden auch Kränze niedergelegt. - Volker Griese

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