Gartenhallenbad wird 50: Ohne die Bürger wäre das Schwimmbad längst zu

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Allen Grund zur Freude gibt es im Gartenhallenbad: Es wird 50.

Nachrodt-Wiblingwerde – Das Gartenhallenbad wird 50: eine Erfolgsgeschichte. Denn die Bürger selbst retteten ihr Bad vor dem Aus. Eine Geburtstagsparty gibt es nicht - aus einem bestimmten Grund.

„Man kann aus einem Ackergaul kein Rennpferd machen.“ Mit diesen Worten hatte ihr Martin Luig die Schlüssel vom Gartenhallenbad übergeben. „Da kann ich mich noch gut dran erinnern“, sagt Sabine Karisch, Vorsitzende des Trägervereins Gartenhallenbad, und lacht. „Wir brauchen kein Rennpferd, ein Traber reicht mir“, hatte sie damals geantwortet. Das war 2013. 

Fünf Jahre hatte zuvor die Bädergesellschaft Iserlohn die Leitung des Bades unter ihren Fittichen. Und heute? Längst „trabt“ das Bad nicht, sondern rennt tatsächlich. Nun wird es 50 Jahre alt. Am 12. Juni 1969 wurde das Gartenbad eröffnet. 

Allen Unkenrufen und vielen misstrauischen Stimmen zum Trotz, die einst daran zweifelten, dass Ehrenamtliche das stemmen könnten, ist das Schwimmbad am Holensiepen für viele Menschen auch heute ein Segen: für die vielen Gäste, die zum Rehaschwimmen kommen, für die vielen Kinder auch aus den umliegenden Städten, die dort das Schwimmen erlernen, für die Frühschwimmer, die Schwangeren, die Frauen, die gern unter sich ins kühle Nass springen und natürlich für „Otto-Normal-Schwimmer“. 

Sabine Karisch, Vorsitzende des Trägervereins Gartenhallenbad.

Ein Fest zum 50. Jubiläum wird es nicht geben. „Wir wollten eigentlich mit der SpVgg feiern, die ihr 100. Jubiläum hat, aber das hat nicht geklappt. Da war keine Zusammenarbeit möglich. Das finde ich schade“, sagt Sabine Karisch. 

Eine Gegenveranstaltung gibt es nicht. Das Team aus Träger- und Förderverein will sich für den Herbst oder Winter etwas Schönes einfallen lassen. „Man könnte einen Schnuppertag anbieten mit allen Angeboten und Kursen, die wir im Gartenbad haben.“ 

Das Gartenbad hat seinen Namen wieder verdient. „Früher, als ich Kind war, war dort, wo jetzt immer das Osterfeuer stattfindet, alles Liegewiese“, erinnert sich Sabine Karisch. Im Zuge der ersten Sanierung mit Wärmedämmung gab man die Außenanlage auf. „Dann haben wir später im Ehrenamt den Garten wieder fertiggemacht und Rollrasen verlegt“, erzählt Karisch. Der Start in eine neue Ära. 

Allerdings ohne einen einzigen Cent. „Das war nicht mutig, das war bescheuert“, sagt die erste Vorsitzende des Trägervereins. Sie hat die ersten Angestellten von privatem Geld bezahlt. „Dann habe ich es später aus den Einnahmen wieder zurückgenommen.“ 

Die Erfolge stellten sich aber glücklicherweise schnell ein. „Hans Wehr wollte schon immer ein Therapiebad daraus machen und hat recherchiert.“ Und so gibt es jetzt Kurse für 280 Rehapatienten montags, dienstags, donnerstags und freitags. „Bei uns herrschen jeden Tag 29 Grad, donnerstags sogar mehr als 30.“ Die Besucher, sagt Sabine Karisch, merken schon einen Grad Unterschied im Wasser. 

Das Angebot ist vielfältig und wird auch diskutiert – wie das Frauenschwimmen. Es kommen in erster Linie muslimische Frauen. „So ein Angebot gibt es kaum. Es kommen Frauen extra aus Düsseldorf hierhin.“ Werbung läuft über Direktkontakt, über die Moschee und die Schulen. „Es kommen auch deutsche Frauen, die sich nicht gerne öffentlich zeigen.“ 

Und: Es gibt augenscheinlich reichlich Vorurteile. „Eine Frau hat mich angesprochen, dass sie samstags nicht mehr ins Schwimmbad kommen wolle. In das Siffwasser würde sie nicht gehen, nachdem freitags die muslimischen Frauen da gewesen wären. Die würden nicht duschen und alle vermummt ins Becken gehen. Ich konnte es nicht fassen“, sagt Karisch, die das Frauenschwimmen durchaus als wichtigen Teil der Integration sieht. 

Doch mancher hat sie auch schon gefragt, ob sie nicht gleich einen Halbmond an der Fassade anbringen wolle. Gleichwohl sitzt sie zwischen den Stühlen, führt auch Diskussionen mit den muslimischen Frauen. „Ich bin mit einer Frau aneinander geraten, die so etwas wie einen Schlafanzug trug – mit ausgestelltem Bein. Das ist ein Sicherheitsrisiko. Sie kann sich verheddern. Doch sie konnte kein Deutsch. Eine andere hat sich dann aufgeregt, dass sie solche Diskussionen nicht führen wolle. Da waren 45 Frauen und Kinder im Bad. Alle würden jetzt gehen und keiner mehr kommen. Sie hat versucht, alle aufzuwiegeln. Das hat sie dann aber nicht geschafft.“ 

Karisch findet, dass nur durch einen Dialog Integration gelingt. „Schwimmen erlernen, sehen wie andere Frauen leben. Türkische Mädchen kommen im Bikini schwimmen und können Mama und Oma mitbringen. So haben die Kinder, die voll integriert sind, ihre Angehörigen dazu gebracht, ins Bad zu gehen. Es ist doch viel besser, wenn das jemand vorlebt.“ 

Das Gartenbad: Es lebt von den Besuchern. Den Kleinen und den Großen. Und von den Ehrenamtlichen, die ihr Herz an das Schwimmbad verloren haben. Das sind so viele, dass man Sorge hat, jemanden zu vergessen: Norbert und Edith Hammerschmidt, Petra Löber, die „alten Herren“ der Jedermänner mit Hans Wehr, die komplette Mannschaft der Rettungsschwimmer mit Marina Tonelli, Janina Jochheim, Jörg Schnepper, Jana, Lisa und Jule Becker, Brigitte Menzel als Mädchen für alles, Christian Pohlmann, die 40 Helfer rund um Förderverein und Trägerverein. „Ronny und Aykut kann ich auch immer anrufen. Und Johannes Fischer steht immer an meiner Seite. Ohne ihn würde vieles nicht laufen“, sagt Sabine Karisch. 

Endlich, so sagt sie, sei die Wichtigkeit von Schwimmbädern auch in der Politik ganz oben angekommen: „Immer mehr Kinder ertrinken, immer mehr Kinder erlernen das Schwimmen gar nicht. Schulschwimmen wird nicht mehr angeboten. Das wäre auch hier passiert, wenn das Bad geschlossen worden wäre. Jeder einzelne Tag, an dem das Bad geöffnet ist, ist ein guter Tag.“ 

Das sieht auch Bürgermeisterin Birgit Tupat so und schickt einen „Herzlichen Glückwunsch“ zum 50-jährigen Jubiläum. „Dem Trägerverein ist Respekt zu zollen. Dass das Bad ununterbrochen geöffnet ist, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. In vielen Nachbarkommunen wird der Ruf immer lauter, die Bäder wieder zu eröffnen.“ Jährlich ertrinken mehr als 400 Menschen in Deutschland, weil sie nicht schwimmen können. In Nachrodt können sie Schwimmen lernen.

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