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Gaby Beil entsetzt über Diskussion um die Bücherei

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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„Die Bücherei dient auch als Treffpunkt und fördert das soziale Miteinander. Viele Kunden möchten Lesetipps, die ich gerne gebe“, sagt Bücherei-Leiterin Gaby Beil (rechts).
„Die Bücherei dient auch als Treffpunkt und fördert das soziale Miteinander. Viele Kunden möchten Lesetipps, die ich gerne gebe“, sagt Bücherei-Leiterin Gaby Beil (rechts). © Fischer-Bolz, Susanne

Es ist kein schönes Gefühl, wenn alle über einen sprechen, man selbst aber nicht beteiligt ist. Was sagt die Büchereileiterin Gaby Beil dazu, dass die Kommunalpolitiker in den Ausschüssen und im Rat über Kosten und Nutzen der Gemeindebücherei diskutieren und die Zukunft ungewiss erscheint?

Nachrodt-Wiblingwerde – „Ich glaube Matthias Lohmann noch nie in der Bücherei gesehen zu haben, persönlich kann ich mich jedenfalls nicht an ihn erinnern“, so Gaby Beil. Der fraktionslose Ratsherr Matthias Lohmann war es nämlich, der angemerkt hatte, dass man allen Nutzern der Bücherei eher einen Amazon-Gutschein kaufen könnte als viel Geld für eine neue Bücherei zu investieren. Dabei orientierte er sich an der Zahl der Besucher in der Bücherei. Es gebe Tage, da würde kein einziges Buch ausgeliehen, was sicher daran liege, dass sich die Zeiten geändert hätten und die Menschen eher elektronisch lesen würden. Matthias Lohmann hat mit seinem Vorstoß eine Debatte ausgelöst.

Ob das der Lieferdienst von Amazon bietet?

„Woher möchte Herr Lohmann denn wissen, dass es hier Tage ohne eine einzige Buchausleihe gibt? Ich kann mich nach 31 Dienstjahren nicht an einen solchen Leerlauf erinnern. Ich sitze hier nicht und drehe Däumchen. Die Bücherei dient auch als Treffpunkt und fördert das soziale Miteinander. Viele Kunden möchten Lesetipps, die ich gerne gebe. Ob das alles der Lieferdienst von Amazon bieten kann, ist zumindest fraglich“, sagt Gaby Beil. Es gebe durchaus noch viele Leser, die Bücher aus Papier ausleihen möchten, und für das elektronische Lesen gebe es das Online-Angebot der Bücherei, „das obendrein noch günstiger ist, als wenn man Bücher auf anderem Weg online runterlädt. Freiwillige Leistungen können Kommunen nicht nur auf Wirtschaftlichkeit betrachten, dann gebe es auch zwischen Menden und Meinerzhagen kein einziges kommunales Frei- oder Hallenbad mehr.“

Zukunft der Bücherei ist ihr nicht egal

Obwohl Gaby Beil Ende des Jahres in den Ruhestand geht, ist ihr die Zukunft der Gemeindebücherei nicht egal. „Ich hoffe, dass jeder Mandatsträger der Einrichtung die Bedeutung beimisst, die sie verdient“, sagt die Büchereileiterin und findet die Idee gut, irgendwann OGS, Jugendzentrum und Bücherei in einem neuen Gebäude neben der Grundschule unterzubringen. Bis dahin könnten die Flyer, die Ronny Sachse (SPD) vorschlug, um die Bücherei etwas mehr in den Fokus zu rücken, nach Ansicht von Gaby Beil gar keine schlechte Idee sein.

Über diese Kosten wird diskutiert

Wer Kunde in der Gemeindebücherei ist, zahlt eine Jahresgebühr in Höhe von 24 Euro, es reduziert sich auf 20 Euro, wenn man das Lastschriftverfahren nutzt. Ehepartner zahlen 15 Euro. Die Aufwendungen bei der Gemeinde liegen für Sach- und Dienstleistungen in diesem Jahr bei 29 850 Euro, die Erträge werden mit 7 750 Euro angegeben. Hinzu kommen Personal- und Gebäudekosten, Anschaffungen, Internet, Steuern, so dass man für 2022 von einem Minus in Höhe von 81 000 Euro ausgeht. Die Büchereileiterin hat eine 19,25 Stunden-Stelle, wobei sie zwei Tage, dienstags und donnerstags vormittags und nachmittags in der Nachrodter Gemeindebücherei ist, und freitags für vier Stunden aufgrund der interkommunalen Zusammenarbeit in der Stadtbücherei Altena arbeitet. Es gibt in Nachrodt jährlich zwischen 2 500 und 3 000 Ausleihen.

Kommentar von Susanne Fischer-Bolz zu den Diskussionen um die Bücherei

Jetzt nicht so ein Fass aufmachen

Wenn das nicht mal ein schlechter Zeitpunkt für die Diskussion um die kleine Gemeindebücherei ist. Für Gaby Beil, die 30 Jahre die Bibliothek leitet und bald in den Ruhestand geht, ist es alles andere als Anerkennung. Und für ihre Nachfolgerin dürfte es ein „super Gefühl sein“, wenn Kommunalpolitiker ihrem neuen Arbeitsplatz gleich mit dem Rotstift drohen. Bis das Haus gebaut ist, in dem OGS, Jugendzentrum und Bücherei untergebracht werden könnten (oder keine Bücherei, wenn es nach Ratsherr Matthias Lohmann geht), vergehen noch Jahre. Da muss man jetzt nicht so ein Fass aufmachen. Grundsätzlich: Natürlich muss sich die Bücherei den aktuellen Entwicklungen anpassen – von der Online-Ausleihe (was sie bietet) bis zu Social-Media. Aber ausschlaggebend sind doch ganz andere Dinge. Die Bücherei ist ein gesellschaftsstärkender Ort, einer, der Begegnungen und Austausch ermöglicht. Dort gilt das Lesen noch als Bastion – und genau das brauchen die Menschen dringend. Nicht alle können sich Bücher kaufen und freuen sich deshalb, sie ausleihen zu können. Was im Übrigen auch viel nachhaltiger ist. Soll Literatur nur den Menschen vorbehalten sein, die die finanziellen Mittel dafür haben? Ein anderer Aspekt: Bürger können sich unabhängig informieren – das Angebot ist weder von wirtschaftlichen Interessen noch von politischer Beeinflussung geprägt. Ja, wenn man nur kaufmännisch denkt, kann man an allen Ecken und Enden sparen. Wie bei der Rastatt. Jeder liebte sie. Jeder vermisst sie. Doch man riss sie ab. Ein großes Nichts ist übriggeblieben. Das wird so bleiben. Wer jetzt auch noch das Aus für die Gemeindebücherei diskutiert, ist ein weiterer Totengräber für die Gemeinde.

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