„Das Vereinsvermögen betrug 1922 sogar 5,2 Billionen Mark"

Nachrodt-Wiblingwerde –  Musik wäscht den Staub des Alltags von der Seele." Und das gemeinsame Singen macht einfach gute Laune. Beim MGV Frohsinn schon seit 115 Jahren.  "Irgendwann wird es eine Zeit geben, wo man sagt, es geht nicht mehr“, sagt der Vorsitzende..

115 Jahre gibt es den MGV Frohsinn bereits. Als er 1904 gegründet wurde, gab es viel Gegenwind. Denn Singen, so die Kritiker damals, halte die Männer von der Arbeit ab. Wenn der Vorsitzende Jürgen Huwig von dem Chor und seiner Geschichte erzählt, dann erzählt er auch ein wenig seine eigene. Er war gerade einmal 16 Jahre alt, als er in den Chor eintrat - 63 Jahre ist das her. 

„Es war Nachkriegszeit. Autos gab es nicht. Auch nicht viele Vereine. Damals zählte der Chor mehr als 60 Sänger“, berichtet der Vorsitzende. Höhepunkte waren die Sängerwettstreite. Huwig erinnert sich an die Teilnahme 1958 in Korbach. Damals gewannen die Nachrodter alle Preise. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

Chef hatte Angst vor Trinkgelage

 Als das Altenaer Kreisblatt am 6. September 1904 meldete, dass junge Männer für den Chor gesucht würden, meldeten sich gleich mehrere Interessierte. Initiator war Johannes Stahmer. Er war es auch, der den Chor am 15. Oktober 1904 in der Rastatt gründete. Heinrich Starke schlug damals den Namen „Frohsinn“ vor. 

Die Mitglieder waren überwiegend Mitarbeiter des Phönixwerks. „Der Chef wollte das damals verhindern. Er hatte Angst, dass die Sänger sonntags zu viel trinken und montags nicht richtig arbeiten. Er forderte die Auflösung. Aber es wurde immer weiter gesungen“, erzählt Huwig. 

Die Chorgeschichte ist eng geknüpft mit Nachrodt – oder damals noch dem Kelleramt. Es gibt beispielsweise Fotos mit der Straßenbahn am Nachrodter Hof. Während der Weltkriege pausierte die Chorarbeit. In jedem Krieg starben Sänger – die Gedenktafeln stehen bis heute in der Heimatstube. Huwig berichtet auch von einigen Kuriositäten. „Das Vereinsvermögen betrug 1922 beispielsweise 5,2 Billionen Mark.“ Schuld daran war natürlich die Inflation. Für Jürgen Huwig ist das Singen im Chor mehr als ein wöchentlicher Spaß in Gemeinschaft.

Konzertreise nach Paris

 „Singen im Chor gibt Kraft und spendet Trost. Alle menschlichen Emotionen finden im Gesang ihren Ausdruck“, erzählt er. Und auch die Völkerverständigung sei so viel leichter. Das habe er selbst erlebt. Denn als in den 60er-Jahren Prof. Dr. Gerhard Schulte den Chor übernahm, wurde aus dem Wettstreit-Chor mehr und mehr ein Konzertchor. Oper, Operette und Musical gehörte nun zum Repertoire, ebenso wie geistliche Musik. 1967 ging es daher auf die erste Konzertreise nach Paris. „Wir haben christliche Lieder aus dem 15. und 16. Jahrhundert gesungen – das war ein tolles Erlebnis“, erzählt der Vorsitzende.

 Es folgten etliche weitere Reisen. Beispielsweise nach England und Österreich. „Es gab natürlich auch Gegenbesuche. So kamen die ausländischen Chöre auch nach Nachrodt und es entstanden Freundschaften, die bis heute zum Teil noch bestehen“, erzählt Huwig. 

1000 Besucher in der Lennehalle

Doch die Reisen waren teuer und so begannen die Sänger Veranstaltungen zu organisieren. Wie beispielsweise die Maifeiern und das Sommerfest. „Zunächst waren es Budenfeste am Deutschen Haus. Als dann die Lennehalle kam, zogen wir um.“ 1978 wurde erstmals in der Halle in den Mai getanzt. „Wir haben die Buden einfach in der Halle aufgebaut. Es war eine super Atmosphäre“, erzählt Jürgen Huwig. Später kamen noch der Bayernabend oder große Konzerte – beispielsweise mit dem damaligen TV-Star Günter Wewel - hinzu.

 „Heute ist das kaum vorstellbar. Wir hatten teilweise mehr als 1000 Besucher in der Halle.“ Doch die Sänger wurden immer älter. Der Nachwuchs blieb aus. „Es gab das Auto und das Angebot an Freizeitaktivitäten wurde immer größer. Zudem kam die Art der Musik nicht mehr so an“, erklärt Huwig. 

Heute wünscht sich der Vorsitzende, dass der Chor noch eine Zeit singfähig bleibt. „Aber wir müssen realistisch sein. Irgendwann wird es eine Zeit geben, wo man sagt, es geht nicht mehr.“ Das Durchschnittsalter der Sänger beträgt derzeit über 82 Jahre.

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