Fritz Mattke seit 50 Jahren Friseurmeister

Ein bewegtes Leben und der Meisterbrief

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Der Goldene Meisterbrief: Mehr als eine schöne Anerkennung. Zur Vollansicht des Fotos klicken Sie bitte oben rechts.

Nachrodt-Wiblingwerde - Vom ständigen Stehen am Friseur-Stuhl bekam er als Jugendlicher immer Nasenbluten – und hätte fast deswegen die Lehrzeit abgebrochen. Doch er rettete sich mit großen Taschentüchern über den Tag. Leider – kann man sagen – war dies nicht das einzige Problem. In einer Zeit des Krieges musste Fritz Mattke sogar Leichen frisieren. Und die Erinnerungen haben sich in sein Herz gebrannt. Heute schaut er zurück – mit einer besonderen Urkunde auf dem Schoß: dem Goldenen Meisterbrief des Friseurhandwerks.

Es gibt Dinge, die kein Mensch vergessen kann. Und die im Alter noch präsenter werden. In drei Wochen wird Fritz Mattke 88 Jahre alt. Er fühlt sich als Nachrodter, obwohl sein Herz an der Heimat hängt. Geboren in einem Dorf Nähe Stargard im heutigen Polen hatte er gerade zwei Jahre Friseur gelernt, als er kurz vor Kriegsende im Januar 1945 eingezogen wurde. Da war er 16 Jahre alt. „Und musste Panzerfäuste schleppen“. Anfang März 1945 existierte keine geschlossene deutsche Frontlinie in Pommern mehr. Russische Panzer rollten in die Städte und Dörfer ein.

Fritz Mattke hatte schon zuvor Menschen sterben sehen, denn sein Chef war auch im Lazarett tätig. Den Verwundeten wurden die Haare geschnitten und die Bärte rasiert. Einmal war er in einer Leichenhalle zum Frisieren. „Hinter mir schlug eine Tür zu. Ich habe mich so sehr erschrocken, dass ich davongelaufen bin. Ich habe einfach vieles gesehen, was ein junger Mensch nicht sehen sollte“, sagt Fritz Mattke – auch Menschen, die vor seinen Augen aufgehangen wurden. „Die erste Zeit konnte ich gar nichts essen, weil ich zu viel gesehen hatte.“

Nach Kriegsende fand Fritz Mattke seine geflohene Familie in Mecklenburg-Vorpommern wieder. „Ich musste dort bleiben, bis mein Vater im April 1946 aus der Gefangenschaft in Frankreich kam“, erzählt der Nachrodter. „Wir waren durch den Krieg und durch die Flucht alle andere Menschen geworden.“ Da ihm noch ein Jahr fehlte, beendete Fritz Mattke seine Lehrzeit, war dann eineinhalb Jahre in Berlin, wurde als anerkannter Flüchtling ausgeflogen und landete in Osthofen in der Nähe von Worms.

„Und von Osthofen kam ich dann nach Trier, da war auch ein Lager. Luxemburger Unternehmen kamen dorthin. Sie suchten deutsche Arbeitskräfte. So habe ich einige Jahre in Luxemburg gearbeitet.“ Das war von 1953 bis 1960. In dieser Zeit gründete Fritz Mattke seine Familie, es kamen zwei Kinder zur Welt – Otto und Marlene – und fast hätte alles gut sein können, wenn das Geld gereicht hätte. „Das Wirtschaftsgeld reichte nicht. Ich war aber gerne Friseur, wollte nicht in der Industrie arbeiten.“ Im Salon hatte er eine Anzeige in der Friseurzeitschrift gelesen und wechselte als Geselle nach Plettenberg. „Ich musste ja die Meisterprüfung machen. Das konnte ich dann in Dortmund.“

Ein bewegtes Leben – mit vielen Schicksalsschlägen. Und immer mit dem Mut, etwas Neues zu machen, in eine andere Region zu ziehen. Die Altmeister, die ihr Gewerbe aufgeben wollten, kamen nach Dortmund, um mit den Meister-Absolventen zu sprechen. „Und so kam auch der Wirthsmann aus Altena“, schmunzelt Fritz Mattke, der das Friseurgeschäft 1964 an der Ehrenmalstraße übernahm. Neue Station: Nachrodt-Wiblingwerde. Ganz am Anfang pendelte Fritz Mattke mit dem Zug von Plettenberg, dann zog er mit seiner Familie an die Freiherr-vom-Stein-Straße.

Dass Fritz Mattke sehr bald in den Männergesangsverein Frohsinn eintrat, half ihm sehr, Kontakte zu knüpfen und sich in der Gemeinde einzuleben. Und auch heute noch singt er den zweiten Bass beim Frohsinn und ist der älteste Aktive. An die 20 Jahre als Friseur in der Doppelgemeinde erinnert er sich gern und mit vielen Lachfältchen im Gesicht. Im Herrensalon stritten sich zumal die Schalke- mit den Dortmund-Fans. Sport war ein heißes Thema – und Politik auch. Und eigentlich wusste er alles von den Nachrodtern, Klatsch und Tratsch und natürlich alle Neuigkeiten. „Manchmal war es schon ganz interessant“, lacht Fritz Mattke. „Doch dann bekam ich einen schweren Herzinfarkt.“ Sein Sohn sprang in die Bresche und übernahm das Geschäft.

Im Alter steigt die Sehnsucht nach der Heimat immer mehr. Ein paar Mal war er schon dort. „Aber das Schlimmste ist, dass man durchs Dorf läuft und weiß, wer, wo gewohnt hat. Aber keiner kommt durch die Haustür“, versucht Fritz Mattke die Gefühle zu beschreiben. Seine Frau, mit der er 53 Jahre verheiratet war, verstarb vor neun Jahren. Seitdem lebt Fritz Mattke allein.

Zur Verleihung des Goldenen Meisterbriefes war er mit seinem Sohn, der auch in seine Fußstapfen getreten ist. „Es ist eine schöne Anerkennung“, sagt der fast 88-Jährige über die Urkunde. Aber heute würde er nicht mehr gern Friseur sein. „Gucken Sie sich heute mal die Köpfe an. Ich schaue ja jeden Samstag die Sportschau und die Bundesliga-Spieler. Das sind doch keine Haarschnitte“, lacht der sympathische Altmeister. „So wie man heute aus dem Salon kommt, ist man früher reingegangen.“

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