Fritz Eckenga verteilt Prügel für den Sprachbrei

Er ist der Mann für den feinsinnigen Humor: Fritz Eckenga lästerte in der Lennehalle über Sprachmarotten ab und sinnierte über den Export deutscher Manager. Foto: Krumm

Nachrodt-Wiblingwerde - Viel hatte er versprochen: „ein Quantum Trost gegen das graue November-Dasein“, ein Programm „mit Sinn und Verstand“ und vor allem „ohne topmodernen Sprachunrat“: „Von vorn“ sprach Fritz Eckenga am Sonntag in der Lennehalle fast zwei Stunden lang vor gut 200 Besuchern und bot damit dem verregneten Sonntag erfolgreich Paroli.

Die Verantwortlichen des Vereins Kulturschock konnten sich derweil freuen: Solange die von ihnen organisierten Kulturveranstaltungen zumindestens eine schwarze Null erwirtschaften, kann die Kulturparty in Nachrodt-Wiblingwerde weitergehen.

Sprachkritisches hatte Fritz Eckenga in der Ankündigung für den gepflegten Kabarett-Abend versprochen, und er löste das vielfältig ein. Es gab allerdings eine Einschränkung: „Ich will nicht den ganzen Abend den Sprachspießer oder -stalinisten geben.“ Prügel für „vorverdauten Sprachbrei“ für Kurznachrichten und andere soziale Medien hatte Eckenga dennoch im Gepäck und lästerte über Menschen, die aus ihrem tiefsten Inneren – also ihrem Pansen – posten. Richtig laut konnte er angesichts eines Sprachungetüms aus Ostwestfalen werden: „Wir können Möbel.“ Denn im althergebrachten und grammatisch korrekten Deutsch verlangte diese Konstruktion nach einem ergänzenden Infinitiv. Aber solche Aufregung war eher die Ausnahme. Nicht die feisten Schenkelklopfer, sondern eher der feinsinnige Humor ist Fritz Eckengas Metier. Das hat Nachteile für die Zuhörer: Aufmerksamkeit ist gefragt, und zuweilen braucht es einen Moment, bis die Tragweite des gerade Vernommenen erfasst ist.

Im Gegenzug gibt es eine breite Spannweite an literarischen Verfahren und Stilen: Der Barde trägt Gedichte vor, liest fiktive Briefwechsel mit einer Verflossenen, mimt zwei Kerle oder auch Mutti und Tochter im Gespräch. Und dann pflegt er wieder sein Ego und lästert gleichzeitig über sich selber: „Es gab Auftritte, da hat an dieser Stelle mein Haar geflattert“ – beim Traum vom Vorstandsposten in einem großen Unternehmen nämlich: „Einmal in verantwortungsvoller Stellung das Schicksal mit Händen anfassen, einmal 10 000 Leute entlassen und versichern, wie Leid mir das tut.“ Ja, die Zyniker und Dilettanten aus Wirtschaft und Politik bekommen im Rudel ihr Fett weg, wenn Eckenga über den Export deutscher Köpfe sinniert: „Hartmut Mehdorn privatisiert Portugal, Thomas Middelhoff führt Frankreich in eine geordnete Insolvenz, Klaus Wowereit wird delirierender Bürgermeister von Griechenland – ‚arm, aber sexy’.“ Der Vorteil eines solchen Vorgehens liegt auf der Hand: „Danach werden die Europäer wissen, dass wir es auch nicht immer so leicht gehabt haben.“

Soviel Spott über’s Aktuelle ist eher selten bei Fritz Eckenga, der sich stattdessen immer wieder gerne über sich selber lustig macht: Nach der Pause berichtet er von angeblichen Besucherstimmen zu seinem Auftritt – „ein bisschen wortlastig“, „alles ganz nett“, aber es fehle doch „das politisch Scharfzüngige“. Mag sein, aber er meint das auch so. Immer mal wieder kommt der Verdacht auf, dass so eine große Arena wie die Lennehalle nicht der optimale Ort für so ein Programm mit sehr unterschiedlichen Tonlagen ist. Doch die Besucher haben Spaß und sind wahrnehmbar für den Mann im grellen Rampenlicht: „Sie sind ein wunderbares Publikum. Nein – jetzt mal ernsthaft. Sie sind so nett zu mir“, freut sich der Spaßmacher. Und lästert über jene Interviews nach dem Fußballspiel, denen nur ein Per Mertesacker Glanz verleihen kann. Ansonsten schweigt der Erz-Dortmunder an diesem Abend über den Fußballsport, und er sagt auch warum: „Das waren nicht so leichte Wochen für mich.“ - Thomas Krumm

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