„Kein patriotischeres Dorf als Nachrodt“

Friedrich Petrasch

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Die Revolutionsjahre 1918 bis 1921 hat der Nachrodter Friedrich Petrasch in der neuesten Ausgabe der landeskundlichen Zeitschrift „Der Märker“ aufgearbeitet. Dabei hat er besonderes Augenmerk auf die Verhältnisse in Nachrodt-Wiblingwerde gelegt – und festgestellt, dass der Revolutionsgedanke hier auf ebenso fruchtbaren Boden gefallen ist wie in den Großstädten des Deutschen Reiches.

Petrasch stützt sich in seinem Artikel vor allem auf Aufzeichnungen des damaligen katholischen Pastors Ferdinand Eickhoff von der St. Josef.-Pfarrei in Nachrodt, aber auch auf Zeitungsmeldungen, Gemeinderatsprotokolle und verschiedene andere Quellen. Detailliert zeichnet er nach, wie die Novemberrevolution auch auf die Doppelgemeinde übergriff. „Vor dem Kriege und in den ersten Kriegsjahren gab es im weiten deutschen Reiche kaum ein patriotischeres Dorf als Nachrodt“, zitiert er Pastor Eickhoff und erbringt damit den Nachweis, dass die Bevölkerung der Doppelgemeinde zunächst durchaus kaisertreu gewesen ist.

Die ehemalige katholische Schule, wo heute Gemeindebücherei und Jugendzentrum untergebracht sind, nutzte der Arbeiter- und Soldatenrat als Tagungsort und Lebensmittellager. Das Gebäude wurde zeitweise mit Waffen verteidigt.

Die Entsagungen der Kriegszeit haben aber dann offenbar ihre Spuren hinterlassen, bis laut Eickhoff im „Steckrübenjahr 1916/17“ – wegen der Krise der Nahrungsmittelversorgung musste sich die Bevölkerung überwiegend von Steckrüben ernähren – die Entsagungsfreude der Menschen an ihre Grenzen stieß. In dem Artikel wird geschildert, wie die Stimmung in der Bevölkerung kippte, wie gewissermaßen der Boden für revolutionäres Gedankengut bereitet wurde. „Nachrodt war mit einem Tage eine Hochburg der Sozialdemokratie und Revolution geworden“, zitiert Petrasch den Nachrodter Pastor, der auch beschreibt, wie sich im November 1918 in der ehemaligen Gaststätte Hohage an der heutigen Dorfstraße ein Arbeiter- und Soldatenrat bildete, der sein Büro und ein Lebensmittellager in der katholischen Schule – heute Gemeindebücherei und Jugendzentrum – einrichtete. Im Gärtnerhäuschen des Hauses Löbbecke ist demnach ein Wachlokal für die bewaffnete Sicherheitswehr des Arbeiter- und Soldatenrates eingerichtet worden. Die bewaffneten Garden, von denen in dem Artikel einige namentlich genannt sind, waren notwendig, um die Lebensmittelvorräte zu verteidigen, denn – auch davon berichtet Pastor Eickhoff – aufgrund der Lebensmittelknappheit kam es zu Einbrüchen, Diebstählen und Wilderei. Ende 1919 soll der Rehbestand bei Wiblingwerde fast vollständig vernichtet gewesen sein.

Friedrich Petrasch berichtet in seinem Artikel auch von Volksversammlungen, zu denen der Arbeiter- und Soldatenrat einlud. Bei dieser Versammlung in der Gaststätte Hohage ging es darum, auch die bürgerlichen Kreise an der Verwaltung der Gemeinde zu beteiligen. Damit war offenbar die Rückkehr zu Normalität eingeleitet. Jedenfalls löste sich der Arbeiter- und Soldatenrat, den Petrasch als „Übergangsinstitution“ bezeichnet, knapp drei Monate später auf.

Petrasch beschreibt auch eine Auseinandersetzung um den 1914 eingesetzten und zunächst durchaus beliebten Amtmann Otto Jenrich, dem aber nach Kriegsende vorgeworfen wurde, hohe Gemeindeschulden angehäuft zu haben. Für den Autor sind diese Konflikte aus heutiger Sicht Folgen einer Kriegs- und Mängelwirtschaft, für ihn muss Jenrich als voll rehabilitiert gelten. Nachdem Jenrich auf eigenen Wunsch und aufgrund gesundheitlicher Probleme in den Ruhestand versetzte worden – das gab es also auch damals schon –, trat Robert Reinecke seine Nachfolge an.

„Der Märker“ ist im heimischen Buchhandel oder bei der Landeskundlichen Bibliothek (Bismarckstraße 15, Altena, Tel. 02352/9667055) erhältlich. Er kostet 10 Euro plus Versandgebühr.

Die Versorgungslage in der Bevölkerung konnte aber offenbar auch der neue Mann nicht nachhaltig verbessern. Die Lebensmittelversorgung sei regelmäßig Thema bei den Gemeinderatssitzungen gewesen, hat Friedrich Petrasch weiter recherchiert. Er berichtet von steigenden Milch- und Kartoffelpreisen, von subventionierten Brotpreisen und Schwarzhandel – und von angeblichen Mauscheleien im Lebensmittelamt.

Die inzwischen weitgehend erloschene revolutionäre Begeisterung in der Bevölkerung muss wohl in den Tagen des so genannten Kapp-Putsches – ein gescheiterter Putschversuch von Reichswehrangehörigen gegen die Regierung – neu aufgeflackert sein. Es wurde eine Bürgerwehr gebildet, es gab Versammlungen, Nachrodter Truppen unterstützen das im Raum aktive Freikorps Lichtschlag. Die Aktionen verliefen aber mehr oder weniger schnell im Sande.

Einweihung des Kriegerehrenmals in Nachrodt im Jahr 1932.

Petrasch beschreibt neben den revolutionsbedingten Auseinandersetzungen auch die normalen Arbeitskonflikte der Tarifparteien, „die ihre besondere Note ebenfalls durch Kriegsauswirkungen mit bekamen“, wie er formuliert. Damit meint er die Folgen der Versuchs der Regierung, die hohen Reparationsleistungen durch das Drucken von immer mehr Papiergeld zu bezahlen. Die Folge waren die Hyperinflation der Jahre 1922/23 und Streiks.

Der Autor geht schließlich noch der Frage nach, was die Bevölkerung der Doppelgemeinde eigentlichen aus Krieg und Notzeiten gelernt hat und kommt zu der Erkenntnis, dass von einer kritischen Aufarbeitung kaum die Rede sein könne. In Veserde und Wiblingwerde seien 1921 Kriegerdenkmäler mit patriotischen Liedern und einer wenig konstruktiven Zukunftsperspektive eingeweiht worden. „Es fehlten sowohl Einsicht in eigene Schuld als auch realistische Bemühungen um Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern und um eine dauerhafte Friedensordnung in Europa“, findet er kritische Worte.

Friedrich Petraschs 20-seitige Betrachtungen im „Märker“ enden in den Jahren des Niedergangs der Weimarer Republik. Die NSDAP habe in Nachrodt lange Zeit keine Rolle gespielt, hat er in seinen Quellen recherchiert. Sprunghaft gestiegen sei sie in der Gunst der Wähler seit den Reichstagswahlen 1930. „In der Bürgermentalität der 1920er Jahre waren Vorstellungen verbreitet, an welche der Nationalsozialismus nahtlos anknüpfen und die er in seinem Sinne radikalisieren konnte. Widerstand war vom Bürgertum in seiner großen Mehrheit nicht zu erwarten, bilanziert Petrasch. Ein Fazit, das sich ganz sicher nicht nur auf Nachrodt-Wiblingwerde bezieht. ▪ Volker Griese

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