Bürgerbegehren schweren Herzens aufgegeben

+
Elmar Knipp und Friedhelm Wolff wollten für den Friedhof an der Wiblingwerder Straße kämpfen.

Nachrodt-Wiblingwerde - Wenn das Pferd tot ist, muss man sich nicht mehr drauf setzen. Oder: Die Idealisten wurden von der pragmatischen Politik zu Fall gebracht. Das Bürgerbegehren zum Erhalt des Friedhofes an der Wiblingwerder Straße wird ad acta gelegt. Schweren Herzens haben Friedhelm Wolff, Elmar Knipp und Edith Fuchs die Segel gestrichen. Jammern wollen sich nicht, aber aufzeigen, warum sie die Entscheidung treffen mussten.

Ordentlich Gegenwind haben die drei Akteure bekommen. Die Kostenschätzung geht nämlich wahrlich durch die Decke: In den Jahren seit spätestens 2012 bis 2017 ist durch den Betrieb des Friedhofes ein Defizit von rund 152000 Euro aufgelaufen, was einer jährlichen Belastung von aktuell rund 26500 Euro entspricht. Ein solches Defizit ist von einer Kirchengemeinde dieser Größe nicht zu verkraften und wurde bisher aus der jetzt erschöpften Friedhofsrücklage gedeckt.

 Seit 2012 sind die Bestattungszahlen auf dem Friedhof um 53 Prozent gesunken, was einen Rückgang der gebührengestützten Refinanzierung der Anlage um 47 Prozent bedeutet.

Hinzu kommen rund 60000 Euro für die Sanierung der Friedhofsanlage und 185000 Euro für die Sanierung der Friedhofskapelle. Ein Abriss der Kapelle würde mit geschätzt rund 48000 Euro zu Buche schlagen. Das sind die nüchternen Fakten.

 Ob die Verantwortlichen der evangelischen Kirchengemeinde in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten unverantwortlich gehandelt haben, sodass es zum Desaster kommen musste? Diese Frage steht auf einem anderen Blatt – und ist oder war beim Bürgerbegehren komplett außen vor. Friedhelm Wolff, Elmar Knipp und Edith Fuchs wollten das beschlossene Schicksal des Friedhofes an der Wiblingwerder Straße nicht sang- und klanglos hinnehmen, sondern arbeiteten für das Ziel, dass die Gemeinde den Friedhof übernimmt und somit rettet.

Anhebung der Grundsteuer B

 Doch dafür gibt es wohl keinen einzigen Strohhalm mehr, an dem man sich hangeln könnte. Denn: „Die Finanzierung der aufgelaufenen Sanierungskosten und der laufenden Betriebskosten würde zu einer drastischen Erhöhung der Bestattungs- und Nutzungsgebühren und im Falle einer kommunalen Übernahme zu einer erneuten deutlichen Anhebung der Grundsteuer B führen, da die Gemeinde als Stärkungspaktkommune unter Haushaltssicherungskonzept zusätzliche Ausgaben ohne Gegenfinanzierung nicht tätigen kann und darf“, erklärt Elmar Knipp.

Und „zu allem Überfluss“: In Nachrodt gibt es ausreichend Friedhofsflächen. Selbst nach Wegfall des Friedhofes an der Wiblingwerder Straße ist sie noch mehr als ausreichend, was eine Berechnung ergeben hat. Deshalb besteht aus Gründen des Bedarfs keine zwingende Notwendigkeit, den evangelischen Friedhof in Nachrodt als kommunalen Friedhof zu übernehmen. Die Erhaltung des Friedhofes an der Wiblingwerder Straße als Monopol-Friedhof könne nur dann in Betracht gezogen werden, wenn die Friedhöfe Kapellenweg und Wiblingwerde aufgegeben und alle Bürger der Gemeinde dann ausschließlich auf diesem Friedhof beigesetzt würden. Unwahrscheinlich, dass das gewollt ist.

Und wenn, würden die Nutzungsgebühren an einer Grabstelle ungeachtet der Art des Grabes heftig ansteigen. Drastisch, wenn man bedenkt, dass dies bei einer Erdbestattung statt 1040 Euro dann 2600 Euro und bei Urnenbeisetzung statt 730 Euro dann 2600 Euro bedeuten würde.

 Jetzt siegt die rationale Seite

 Gibt es also etwas, was für den Kampf um den Erhalt des evangelischen Friedhofes spricht? Eigentlich nicht. Rein sachlich gesehen. Emotional gibt es 1000 Gründe, warum die Initiatoren des Bürgerbegehrens, die sich übrigens auch eine gutachtliche Stellungnahme eingeholt haben, weitermachen würden. Der Jurist kommt zu dem Ergebnis, dass im konkreten Falle keine Möglichkeit zur rechtlichen Durchsetzung gegeben ist.

Dass die rationale Seite siegt, sehen Friedhelm Wolff, Elmar Knipp und Edith Fuchs als vernünftig an, wenn sie auch sehr traurig sind. „Das Bürgerbegehren hat keine Aussicht auf Erfolg“, sagt Friedhelm Wolff.

Auch glaubt er ebenso wenig wie Elmar Knipp, dass es einen großen Rückhalt aus der Bevölkerung gibt. „Vielen, mit denen ich gesprochen habe, geht das Thema am A... vorbei“, sagt Elmar Knipp. „Und die Leute zeigen uns einen Vogel, wenn auch die Grundsteuer B erhöht würde.“

Abgesehen davon gebe es auch immer weniger Bindung an den Friedhof, sondern gar Bestattungs-Tourismus. Die Mentalität „Wo ist es am günstigsten?“ mache auch vor dem Friedhof nicht halt. Das Anliegen, dass die Gemeinde den evangelischen Friedhof übernimmt, ist damit vom Tisch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.