Schwimmen gegen die Vorurteile: 60 Frauen mit Bikini und Burkini

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Treffpunkt für Freundinnen: das Frauenschwimmen.

Nachrodt-Wiblingwerde –  Jeden Freitag sind die Frauen unter sich im Gartenhallenbad. Über das Frauenschwimmen, bei dem viele Frauen mit Migrationshintergrund mitmachen, kursieren viele Gerüchte. Ein Besuch vor Ort.

So ist das mit den Vorbehalten. Zweifeln. Klischees. Man hört sie allerorts. Gehen die Musliminnen verhüllt ins Wasser? Warum wollen sie unter sich sein? Und wollen sie das wirklich? Und vielleicht die wichtigste Frage: Sind wir im Jahr 2019 weiter weg von Integration und einem Miteinander als je zuvor? 

Also packe ich den Badeanzug ein und gehe zum Frauenschwimmen ins Gartenhallenbad. Frauenschwimmen gibt es immer freitags. Es heißt nicht „Schwimmen für Musliminnen“. Aber deutsche Frauen kommen selten. Höchst selten. Dafür tummeln sich im Bad mindestens 60 Frauen und Kinder mit Migrationshintergrund. Ein buntes, witziges Treiben, das sich hauptsächlich im Nichtschwimmer-Bereich abspielt. Niemand zieht hier seine Bahnen und versucht sich in Fitness. Ich also auch nicht. 

Töchter bringen Mütter Schwimmen bei

Es geht hauptsächlich ums Schwimmen lernen. „Geht das schon?“, sagt eine ältere Frau, die mit Schwimmflügeln auf mich zukommt. „Du musst die Beine mitnehmen“, antworte ich lachend. „Das klappt schon noch.“ Wohin das Auge blickt: Töchter oder deren Freundinnen bringen den Älteren, den Mamas oder Tanten, das Schwimmen bei. Dabei ist der Ton liebevoll, die Geduld scheinbar unendlich. 

Währenddessen toben die Kinder am liebsten auf der Rutsche. Teenager kichern und quatschen am Beckenrand. Mutige springen vom Startblock. Einige halten sich die Nase zu. Das mache ich auch immer so. Gesprochen wird zu mehr als 80 Prozent Deutsch. Und: Es gibt von heißen Bikinis über Leggins mit T-Shirt bis hin zum Burkini die ganze Modevielfalt zu sehen. Verhüllt ist keine einzige Frau. 

"Jeder redet nur hinterm Rücken über uns"

Dass ich jetzt dabei bin, durchs Becken plansche, wird sehr wohl zur Kenntnis genommen. „Schön, dass mal eine deutsche Frau kommt“, sagt eine junge Mutter, die mit ihren drei Kindern im Gartenhallenbad ist. „Wir sind hier unter uns. Ganz ungezwungen“, erzählt sie mir auf die Frage, warum so viele Musliminnen ins Gartenbad kommen.

Sie fühle sich einfach wohler nur unter Frauen. Und es sei ihr eigener Wunsch, nicht der ihres Mannes. Das gelte ebenso für ihr Kopftuch, das sie trage. Dass Frauen mit Kopftuch Vorurteilen ausgesetzt sind, weiß auch eine Frau, die ich nach dem Schwimmen auf dem Parkplatz treffe. Das Kopftuch sei ein Symbol der Religion, nicht der Unterdrückung. „Aber jeder redet ja nur hinterm Rücken über uns.“ 

Frauen kommen bis aus Rhein- und Ruhrgebiet

In der Tat. Was vielleicht auch daran liegt, dass man kaum Kontakt zueinander hat. Oder keinen Kontakt will. Bei den Menschen, die am wenigsten mit Muslimen zu tun haben, ist die Skepsis am größten. Das geht aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor. Die Hälfte der Deutschen, so heißt es, fühlt sich durch den Islam bedroht. 30 Prozent im Osten und 16 Prozent im Westen wollen keine Muslime als Nachbarn. Wenn man sich kennenlernt, wird die Akzeptanz größer.

Die Betreuerinnen: Martina Wruck (links) und Sybille Löchel kümmern sich um die Sicherheit

 

Kennenlernen könnte man sich beim Frauenschwimmen zum Beispiel, das seit sechs Jahren am Holensiepen angeboten wird. Mittlerweile kommen sogar Frauen aus dem Ruhrgebiet und dem Rheinland, wie Sabine Karisch, Vorsitzende des Trägervereins Gartenhallenbad, erzählt. 

Vorurteil: Alle gehen vermummt ins Wasser

Sie kennt die Vorbehalte, wird nicht selten auch damit konfrontiert: Die Musliminnen würden nicht duschen und alle vermummt ins Becken gehen. Ein großer Irrtum. „Integration kann durchaus von Frau zu Frau beginnen. Für mich ist das Schwimmen ein Treffpunkt, ein Sport, wo die politische Gesinnung nichts zu suchen hat“, sagt Sabine Karisch. 

Und für Frauen, die gern ihre Bahnen ziehen wollen, wird ein Bereich abgetrennt. Übrigens: Sybille Löchel, die das Frauenschwimmen lange Zeit allein begleitet hat, ist nun aufgrund des großen Zulaufes zusammen mit Martina Wruck für die Sicherheit zuständig. Beide finden die Atmosphäre großartig. Mit Recht. 

Übrigens: Eigentlich sollte das Bad heute nach der Grundreinigung wieder öffnen. Doch aufgrund einer technischen Störung dauert es noch ein paar Tage.

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