"Ich denke, ich bin zu alt"

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Ernst-Ulrich Pühl dankt Hans-Otto Seuster.

 Nachrodt-Wiblingwerde – Es ist das Ende eine Ära. Es beginnt eine Zeit, die sich irgendwie niemand so richtig vorstellen kann. Die Forstbetriebsgemeinschaft ohne Hans-Otto Seuster? 42 Jahre leitete er die Geschäfte. Bewegte Millionen. Jetzt, mit 84 Jahren, ist Schluss.

 „Ich weiß nicht, aber ich denke ich bin zu alt. Wer macht noch so einen Vorstandsposten mit 84?“ Hans-Otto Seuster fällt der Abschied schwer, keine Frage. 42 Jahre lang war die Forstbetriebsgemeinschaft ein elementarer Bestandteil seines Lebens. Am 1. Juli gibt er seinen Posten ab. Im Rahmen der Hauptversammlung wurde er verabschiedet. Bis Anfang Juli wird er seinen Nachfolger Christian Hülle einarbeiten.

Jeder, der Mitglied in der Forstbetriebsgemeinschaft ist, kennt die „Schnipsel“. Kommt so einer, gerade einmal so groß wie eine viertel DIN-A4-Seite, weiß jeder: Es wurde Holz verkauft. Minimalistisch, aber genau, wurde alles dokumentiert. So arbeitet Seuster. „Alles drauf, was der Steuerberater braucht oder Sie wissen müssen“, lacht Seuster. Dafür benötigt es keine seitenlangen Erklärungen. Neulingen erklärte er knapp: „Das, was unten steht, bekommst du. Dann kommt noch die Rechnung von den Waldarbeitern, die bezahlst du und dann bleibt ein bisschen über.“ Ein beruhigendes Gefühl. Nein, es war kein schnelles Abwimmeln, eher eine väterliche Geborgenheit im Sinne von „es wird alles gut, lass mich nur machen“.

Dass das tatsächlich so ist, bewies Seuster bei Kyrill. „Das war definitiv meine allergrößte Herausforderung“, erzählt er rückblickend. „Damals waren wir über Nacht plötzlich Unternehmer. Verkauften das Zehnfache an Holz. 1,5 Millionen Euro wurden bewegt – und es gab nicht eine einzige Reklamation.“ Darauf ist Seuster auch heute noch stolz.

Udo Kalthoff findet anerkennende Worte: „Ich weiß noch, dass ich damals die Kasse geprüft habe. Mehr als 770 Belege.“ Vier Förster und etliche Vorstandsmitglieder hat Seuster kommen und gehen gesehen – er blieb. „Es stand einfach nie zur Debatte, dass ich aufhöre. Ich war einfach Geschäftsführer.“ Er mag seine Arbeit. Vor allem den Kontakt zu den Waldbesitzern, den Förstern und dem Forstamt. „Es war mir immer wichtig, gut zusammen zu arbeiten. Und das haben wir auch. Sonst wäre das so alles gar nicht möglich.“

Als Seuster 1977 Geschäftsführer wurde, führte er noch ein Kassenbuch. „Alles wurde genauestens in einer großen Kladde ausgeschrieben. Aber wehe, am Ende fehlten 10 Pfennig. Dann ging die Sucherei los.“ Seuster stellte schnell auf eine elektronische Lösung um. Überhaupt war er offen für Neues. Kritisch, aber offen. Viele der aktuell 111 Mitglieder kennen gar keine Forstbetriebsgemeinschaft ohne Seuster. Er ist überhaupt erst der zweite Geschäftsführer.

 „Die FBG wurde 1973 gegründet. Damals war Herr Hölper Geschäftsführer. Als er das Amt abgab, wurde ich gefragt. Seitdem sitze ich hier“, erinnert sich Seuster. Und würde er allein auf sein Herz hören – würde er dort vermutlich auch noch die nächsten Jahre sitzen. „Es fällt mir schon schwer, aber es ist an der Zeit.“ Eine Ehrenamtsgeschichte, die landesweit seines Gleichen sucht. Zum Dank bekam er am Mittwochabend im Schlosshotel unter anderem die Ehrenurkunde des Waldbauernverbandes verliehen.

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