Kyrill-Schäden werden noch lange sichtbar sein

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Förster Christof Schäfer zeigt, wie groß die Buchen sind, die damals gepflanzt wurden

Nachrodt-Wiblingwerde - Es ist der 17. Januar 2007. Förster Christof Schäfer ist in seinem Haus in Verserde. Draußen nimmt ein Sturmtief immer mehr an Fahrt auf. Die ersten Mülltonnen fliegen durch die Straßen. Vereinzelt fallen Ziegel von den Dächern.

Sturm und starken Wind kennt man im Höhendorf, dass dieser Sturm Namens Kyrill anders sein wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Von seinem Fenster aus blickt Schäfer auf das Windrad am Rand von Veserde. „Drumherum wurde es immer lichter. Man konnte es nicht genau erkennen, aber es war klar, dass dort Bäume gefallen sein mussten – aber das wahre Ausmaß konnte man noch nicht sehen“, erinnert sich der Förster.

Die ganze Nacht knackt es rund um Veserde. Die Feuerwehr ist im Dauereinsatz und Schäfers Handy steht nicht mehr still. Bäume auf der L692, der K24, der B236, Brenscheid ist nicht mehr zu erreichen, Rennerde auch nicht mehr, am Waldstück geht schon seit Stunden nichts mehr und jetzt auch noch Opperhusen.

Katastrophe erst am nächsten Tag sichtbar

„Mir war schon in der Nacht klar, dass das kein gewöhnlicher Sturm war, aber die wahre Katastrophe sah man am nächsten Tag“, erzählt Schäfer. Er fuhr herum, sein Telefon klingelt Sturm, am anderen Ende Landwirte mit zitternder Stimme, sie hatten innerhalb einer Nacht ihre Altersvorsorge, ihr Sparbuch verloren. Denn wenn sie Geld brauchten, gingen sie bisher in den Wald und schlugen Holz. „Ich war sprachlos. Wohin man sah, war Chaos. Ich hatte keine Ahnung, wie wir das bewältigen sollten. Ich stand vor einem Rätsel.“

Kyrill in Altena und Umgebung

Doch dem kurzen Moment der Schockstarre folgt Aktionismus, jetzt heißt es einen klaren Kopf zu bewahren, die Straßen frei zu räumen – allein das würde Tage und Wochen in Anspruch nehmen, so viel ist klar. Ein Plan wird erstellt. Zunächst müssen die wichtigen Verbindungen frei geräumt werden.

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„Wir hatten Glück, wir hatten einen Harvester in der Gemeinde, da wir gerade eine Durchforstung am Opperhusen hatten.“ Ohne den Holzvollernter wäre es wohl nicht so schnell gegangen. Die L692 war nach wenigen Tagen wieder voll befahrbar, ebenso die Brachtenbecke. Länger dauerte es in Brenscheid und vor allem auf der K24.

Mehr als 100 betroffene Waldbesitzer

„Die Waldbesitzer riefen schon am ersten Tag an, wollten wissen, wie wir es angehen, wo das Holz hinkommt, wie wir aufforsten.“ Ein Masterplan muss her. Entscheidungen getroffen werden – unkonventionelle Entscheidungen, es geht um Millionen, um Existenzen, mehr als 100 Waldbesitzer sind betroffen. Schäfer rät zur Ruhe, nichts zu überstürzen. Er ist der Mann der Stunde, alle Hoffnungen ruhen auf ihm und der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG). Als die Gemeinschaft das erste Mal im Schloss Hotel Holzrichter zusammenkommt, sitzen dort mehr als 100 Waldbesitzer und Waldbauern.

Mehr als 100 verzweifelte Gesichter und es rollt auch die eine oder andere Träne an diesem Abend. „Einige dort hatten fast alles verloren. Das war auch für mich nicht leicht. Man wollte helfen, musste aber einen kühlen Kopf bewahren.“ Der Plan der FBG lautete: Wir handeln als Solidargemeinschaft. „Es war einfach klar, dass wir diese Flächen unmöglich innerhalb weniger Wochen durch- und aufforsten können. Damit niemandem Nachteile entstehen haben wir alles gemeinsam verkauft und dann anteilig ausgezahlt.“ Dadurch schaffen sich Schäfer und sein Team Zeit. Können mit Sinn und Verstand beginnen, das Chaos zu bewältigen und verschiedene Strategien entwickeln.

Auswendiger Abtransport

Glücklicherweise können die Wiblingwerder gute Verträge aushandeln. Sehr viel Holz geht an die Papierfabrik Stora Enso. „Der Abtransport war das größte Problem.“ Nasslager wurden gebaut, Wege neu geschaffen, unkonventionelle Lösungen mussten gefunden werden. Schäfer findet kaum noch Schlaf. Er spricht mit Behörden, Einkäufern, Waldbauern, Waldarbeitern und weiß, dass er noch mehr Waldarbeiter auftreiben muss. Kyrill wird zu einer Bewährungsprobe für den jungen Förster.

Nach ein paar Tagen ist das ganze Ausmaß sichtbar. 60.000 Festmeter Holz lagen auf dem Boden, noch ein wenig wird hinzukommen, da auch die Bäume, die zu fallen drohten, gefällt werden mussten. „Das war das 10-fache des Jahreseinschlags. Bestimmt um die 80.000 Bäume.“ 150 bis 200 Hektar Wald waren weg, einfach so, über Nacht.

„Aber Kyrill hat auch gezeigt, wie Zusammenarbeit in der Not funktionieren kann. Zudem ist auch der Wald bunter geworden, wir haben nicht mehr nur Fichte gepflanzt.“ Bis 2020 wird es wohl noch dauern, bis die neuen Bestände sicher stehen und nicht mehr so intensiv gepflegt werden müssen wie heute. 40 bis 50 Jahre wird es dauern, bis der Wald wieder so aussieht, wie vor Kyrill.

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