Nachrodt-Wiblingwerdes Bürgermeisterin im Interview

Flutkatastrophe: „Ausmaß konnte man nicht ahnen“

Das Hochwasser und seine Folgen in Altena und Nachrodt
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Das Hochwasser hat Nachrodt stark getroffen.

Das Ausmaß ist verheerend, die Schäden gehen in die Millionen. Nachrodts Bürgermeisterin spricht über Frühwarnsystem, Flutschäden und eine Angst, die bleibt.

Hätte Sirenenalarm als Warnung etwas für die Menschen geändert? Blickt die Bürgermeisterin jetzt täglich mit Sorge auf die Wetter-Apps, ständig auf der Hut vor dem nächsten Unwetter-Desaster? Und wie sollen die Spendengelder in Nachrodt-Wiblingwerde gerecht verteilt werden? Ein Interview mit Birgit Tupat.

Erst – und immer noch – Corona, dann das Unwetter. Kann man dies als die schlimmste Zeit für die Bürgermeisterin bezeichnen?
Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Endlich hatte ich beim Thema Corona das Gefühl, dass man Luft holen kann, die Zahlen heruntergehen. Jetzt hätte man einen ruhigen Sommer vor sich gehabt. Doch dann kam Bernd.
Bernd hat in Nachrodt-Wiblingwerde gewütet. In der Spitze fielen 182,4 Liter Regen auf den Quadratmeter. Konnte man das im Vorfeld irgendwie ahnen?
Es gab Unwetterwarnungen. Ja. Aber die gab es bei Kyrill auch. Bei jedem Windhauch wurde gewarnt. Aber bei Stark-Regen habe ich mir keine 200 Liter auf den Quadratmeter vorgestellt. Man konnte es einfach nicht einschätzen, so ein Ausmaß nicht ahnen. Selbst Wetterexperten wie Sven Plöger nicht, der so eine Zelle auch noch nie gesehen hatte.
Es gibt seit einiger Zeit Warntage, an denen die Sirenen geprobt werden. Aber keine wurde ausgelöst.
Das stimmt. Die erste Alarmierung der Feuerwehr war um 1 Uhr nachts. Nach zwei Einsätzen in Wiblingwerde ging es richtig rund. Wenn man die Sirenen gehört hätte, was hätte man damit dann angefangen? An der Situation hätte es nichts geändert.
Die Feuerwehr war super schnell, es wurde ein Einsatzstab im Gerätehaus gebildet und so konnten die Einsätze nach und nach abgearbeitet werden. Dass nicht jeder, der anrief, sofort dran war, ist verständlich. Der Wehrleiter war an vielen Stellen selbst vor Ort und natürlich wissen wir auch um die neuralgischen Punkte, unsere Wasserläufe, Bäche, die durch Fällarbeiten noch mehr in Mitleidenschaft gezogen waren.
Kann man die Schäden beziffern?
Stand heute (2. August) sind es 7,7 Millionen Euro Straßenschäden. Aber das ist nicht das Ende. Es wird mehr und mehr sichtbar. Aber das kann man alles beheben. Wir haben keine Personenschäden. Kein Feuerwehrmann hat auch nur einen Kratzer abgekommen, kein Bürger wurde verletzt. Das ist das einzig Wichtige.
Nachrodts Bürgermeisterin Birgit Tupat ist froh, dass niemand verletzt wurde beim Unwetter.
In Altena ist ein Feuerwehrmann im Einsatz ums Leben gekommen. Die Nachricht erreichte direkt auch die Nachrodt-Wiblingwerder Einsatzkräfte.
Ja und jeder war zutiefst erschüttert. Das steckt man nicht einfach weg und geht zum nächsten Einsatz.
Für eine kleine Feuerwehr waren die Unwettereinsätze eine Riesenleistung.
Absolut. Sie hatten 92 Einsätze und haben Großartiges geleistet, vorbildlich. Natürlich kann man immer mehr Leute gebrauchen.

Hochwasser in Altena und Nachrodt: Die Bilder am Donnerstag

Das Hochwasser und seine Folgen in Altena und Nachrodt
Das Hochwasser und seine Folgen in Altena und Nachrodt
Das Hochwasser und seine Folgen in Altena und Nachrodt
Das Hochwasser und seine Folgen in Altena und Nachrodt
Hochwasser in Altena und Nachrodt: Die Bilder am Donnerstag
Sie haben auch mit Bürgern sofort in der Situation gesprochen, zum Beispiel mit den Bewohnern am Eickhoff.
Das war mir sehr wichtig. Als klar war, dass dort zwei Pflegebedürftige wohnen, habe ich versucht, sie zu erreichen. Das Festnetz funktionierte nicht mehr. Ich habe von meiner Schwester eine Handynummer bekommen. Gott sei Dank. Das ist ein Vorteil einer kleinen Gemeinde, dass man sich kennt und weiß, wo es schwierig werden kann.
Man zieht natürlich ein Resümee, zur Ausstattung der Feuerwehr beispielsweise.
Ja, es wird zum Beispiel eine bestimmte Pumpe benötigt und die ist auch schon bestellt. Oder auch Regenjacken. Wir waren übrigens froh, dass die Stadtwerke Iserlohn uns mit Pumpen ausgeholfen haben.
Die Hilfe war super. Auch von unseren Bauunternehmen. Ohne ihre Unterstützung wäre es ganz anders ausgegangen, aber wir haben verlässliche Ansprechpartner. Und natürlich werden die auch bezahlt.
7,7 Millionen Euro Schäden. Ist schon Geld vom Land geflossen?
400 000 Euro haben wir bereits bekommen. Man muss unterscheiden: Was ist notwendig, um die Gefahr abzuwenden? Danach geht es um den Wiederaufbau. Wir haben zum Beispiel den Wördener Bach gemeldet, Kreinberg, Hallenscheider Weg, Eickhoff.
Schauen Sie jetzt mit Sorge auf die Wetterberichte? Haben Sie Angst vor dem nächsten Unwetter?
Natürlich guck’ ich jetzt anders, vor allem, wenn Stark-Regen angesagt ist. Aber ich starre nicht auf jede Wetter-App. Es gibt solche Ereignisse, mit denen wir zukünftig rechnen müssen, ebenso mit Trockenheit. Man muss gucken, wie man damit umgeht, ob man einige Dinge verbessern kann.
Der Bauamtsleiter hält ein Rückhaltebecken an den jetzigen Fischteichen für sinnvoll.
Ja klar. Aber auch das hat nur ein gewisses Fassungsvermögen. Und man kann Kanäle nicht so dimensionieren, dass man da ein Haus ‘reinstellen kann. Auch Bachläufe sind nicht unendlich zu verbreitern. Wir werden darüber mit Fachleuten sprechen.
Es gab und gibt eine große Hilfsbereitschaft. Spendengelder für Nachrodt-Wiblingwerder Unwetter-Opfer gingen beim Crowdfunding der Stadtwerke Iserlohn, auf das gemeindeeigene Spendenkonto bei der Sparkasse und bei der katholischen Kirchengemeinde ein. Wie viel ist es und wie wird es verteilt?
Rund 100 000 Euro plus das Geld der Kirchengemeinde. Wir haben dazu aufgerufen, dass sich die Bürger melden, einmal für die Soforthilfe des Landes, einmal für die Spendentöpfe. Wir werden uns mit Sandra Schnell von der Kirchengemeinde zusammensetzen. Wir wollen uns absprechen, weil wir vielleicht auch dieselben Meldungen haben. Bei uns haben sich 24 Bürger gemeldet.
Jetzt könnte man es sich einfach machen und das Geld durch 24 teilen. Das wäre aber möglicherweise nicht gerecht.
Nein. Das wollen wir nicht tun. Es gibt sicher Menschen, bei denen die ganze Wohnung geflutet war. Das werden wir uns angucken. Gab es dort Einsätze der Feuerwehr oder legt man uns vielleicht Fotos vor? Vielleicht kommen ja auch noch Meldungen und Leute, die es nötig hätten, sich aber noch gar nicht gemeldet haben, weil sie denken, dass das Geld für andere wichtiger wäre.
Andererseits können wir natürlich auch nicht eine 40 Jahre alte Küche bezahlen, die im Keller stand. Wir sagen auch allen Betroffenen, dass sie mit den Versicherungen sprechen müssen, aber Elementarschäden sind oft nicht versichert.

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