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Fluchtrucksack packen? Ukraine-Krieg weckt schlimme Erinnerungen an Zweiten Weltkrieg

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Ingeborg Becker (links) und Inge Westerwell erzählen vom Zweiten Weltkrieg und ihren Sorgen heute.
Ingeborg Becker (links) und Inge Westerwell erzählen vom Zweiten Weltkrieg und ihren Sorgen heute. © Fischer-Bolz, Susanne

„Ich habe sehr viel Angst. Trefft ihr irgendwelche Vorbereitungen? Fluchtrucksack packen? Meine Gedanken kreisen 24 Stunden um diese Situation“, schreibt eine junge Nachrodterin in sozialen Medien. Die Angst vor einem Dritten Weltkrieg ist bei vielen Menschen groß. Ingeborg Becker und Inge Westerwell wissen, wie der Krieg wirklich ist.

Altena/Nachrodt – In Nachrodt-Wiblingwerde gibt es keine Luftschutzbunker. Das hat Bürgermeisterin Birgit Tupat im Rat nach einer Anfrage bekannt gegeben. Ganz augenscheinlich gibt es immer mehr Menschen, die sich sorgen. Ingeborg Becker und Inge Westerwell wissen, wie der Krieg ist – nicht von Bildern oder aus Erzählungen, sondern aus eigenen leidvollen Erlebnissen. Sie waren Kinder im Zweiten Weltkrieg. „Es ist nichts anderes als Tod, Verwüstung, Flucht und Leid“, sagt Inge Westerwell. Die Nachrodterin ist heute 90 Jahre alt. Sie hat die zwei Jahre jüngere Ingeborg Becker, die von 1994 bis 1999 stellvertretende Bürgermeisterin in Altena war, beim Seniorensport kennen- und schätzengelernt.

Bombenhagel in Düsseldorf

„Ich habe immer geglaubt, dass wir und die nachfolgenden Generationen keinen Krieg mehr erleben müssen“, sagt Inge Westerwell. Während sie im Zweiten Weltkrieg nicht aus Nachrodt flüchten musste, weil die ländliche Region nicht direkt angegriffen wurde, hat Ingeborg Becker in Düsseldorf hautnah den Bombenhagel erlebt. Erst 1958 ist sie nach Altena gekommen. Die Kinder aus Düsseldorf sollten beschützt werden. Deshalb wurde die kleine Ingeborg 1943 mit ihrer ganzen Klasse nach Radevormwald geschickt und dort in einer Familie aufgenommen. „Da bin ich bei einem sehr netten Ehepaar gewesen“, erzählt die langjährige Kommunalpolitikern. „Abends sind wir vor die Tür gegangen und haben den Bombenhagel gesehen. Und ich wusste, dass meine ganze Familie mittendrin war, dort, wo die Bomben fielen. Das fand ich ganz furchtbar. Alle waren im Beschuss und ich in Sicherheit. Das war sehr einschneidend.“ Als sie zurück in Düsseldorf war, sah sie rechts und links Häuser brennen und die Glut und Trümmerteile prasselten auf die Straßen.

„Nur eine Brandbombe“

Ihr Elternhaus wurde von „nur“ einer Brandbombe getroffen, als alle im Keller saßen. „Die Keller waren durchgängig, überall waren Durchgänge, damit man noch wegkam, wenn ein Haus verschüttet war. Es gab einen Blockwart, der schaute, ob auch alle im Keller saßen. Jeder hatte ein Köfferchen.“

„Als Kind fühlt man sich trotz allem beschützt“

Was machen solche Erlebnisse mit den Menschen? „Ich glaube, dass es ein großer Unterschied ist, ob man dies als Kind oder als Erwachsener erlebt“, sagt Ingeborg Becker. Als Kind fühle man sich trotz allem sehr beschützt und „erkennt die Tragik nicht“, glaubt Inge Westerwell. In Nachrodt gab es kaum Trümmer. „Die Flugzeuge sind alle über uns weggeflogen, alle Richtung Ruhrgebiet.“ Trotzdem verharrte auch Inge Westerwell im Keller. Ihre Familie nahm 1946 Flüchtlinge auf. Ein Jahr zuvor hatte es von der Gemeinde Kontrollen gegeben. Es ging darum, zu gucken, wo Platz war, der dann beschlagnahmt wurde. Drei Zimmer gab die Familie für eine Mutter mit ihren drei Kindern aus Ostpreußen ab. Der Mann war gefallen. „Sie hatte nichts. Eine Tasche und drei kleine Kinder. Genau wie die Flüchtlinge heute aus der Ukraine“, sagt Inge Westerwell traurig.

Den Vater nicht erkannt

Im Krieg waren in der alten Schneider-Werkstatt ihres Vaters 20 Soldaten untergebracht. Ihr Vater selbst war im Krieg, in Russland. 1946 kam er nach Hause. Und Inge Westerwell hat ihn nicht erkannt. „Er kam an einem Sonntag. Meine Mutter machte eine Mittagsruhe. Da kommt hier ein Mann, abgemagert in Soldatenuniform herein. Ich wollte gerade fragen ‘Was möchten Sie hier‘?“, da entpuppte er sich als mein Vater.“ Versorgt wurde die Familie während der Kriegswirren vom Bruder des Vaters, der in der Rüstungsindustrie arbeitete. „Wir haben nicht gehungert wie andere“, sagt Inge Westerwell, die es für durchaus möglich hält, dass der Krieg, den Russland gegen die Ukraine angezettelt hat, auf weitere Länder übergreift.

„Putin ist unberechenbar“

„Putin ist unberechenbar“, so die Nachrodterin. „Der braucht nur auf den roten Knopf zu drücken.“ Dass der russische Präsident davor zurückschreckt, glaubt dagegen Ingeborg Becker. „Ich glaube, dass selbst ein Herr Putin sich das nicht zutrauen will.“ Nach ihrem ersten Aufenthalt in Radevormwald war sie ab 1944 in der Kinderlandverschickung in Thüringen. Dorthin, nämlich nach Finsterberge, kam später auch ihr Opa, dem die Familie Bargeld und Schmuck mitgegeben hatte. Als der „Russe kam, haben wir 1945 weiße Betttücher aus den Fenstern gehangen.“ Doch drei russische Soldaten nahmen dem Opa alle Wertsachen weg. Mit ihm machte sich Ingeborg Becker den weiten Weg zu Fuß von Finsterberge nach Düsseldorf auf. „Wir waren froh, wenn wir im Schweinestall schlafen durften.“

Hitlergruß und die Ohrfeige

Dass sie zu Hause in Nachrodt bleiben konnte, empfand Inge Westerwell immer als Segen. Als die Amerikaner 1945 ins Dörfchen kamen, hat sich die Bevölkerung auch mit weißen Fahnen ergeben. „Hier war eine große Kompanie mit vielen Pferden. Dann musste der Deutsche seine Kompanie an den Amerikaner übergeben. Ich habe es vom Fenster aus gesehen. Er war wohl so aufgeregt, dass er den Hitlergruß machte. Da bekam er vom Amerikaner eine Ohrfeige. Das Bild vergesse ich nicht“, erzählt Inge Westerwell. Zum ersten Mal sah sie dann auch dunkelhäutige Menschen. „Die waren sehr kinderlieb.“ Die deutschen Soldaten kamen in Gefangenschaft. Ihre Pferde wurden eingefangen und geschlachtet. Es gab Pferdefleisch und alle waren froh, etwas zu Essen zu haben.

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