Feuchtigkeit setzt der alten Dorfkirche zu

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Diplom-Restaurator Teodor Galon trägt in der Wiblingwerder Kirche die letzte Putzschicht auf. „Es gab hier schon einiges zu tun an der Substanz“, blickt der Fachmann auf die fast abgeschlossenen Arbeiten zurück.

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ „Man muss Respekt vor der Substanz dieses Bauwerks haben“, sagt Teodor Galon und lässt den Blick durch den Raum schweifen. Im Hintergrund erklingt aus dem Radio Musik von Johannes Brahms: Trio Es-dur, op. 40 für Waldhorn, Violine und Klavier. Das passt zu der Szene an diesem Morgen in der 700 Jahre alten Dorfkirche von Wiblingwerde.

An der Kirche, die drei Dorfbrände weitgehend unbeschadet überstanden hat, hat der Zahn der Zeit genagt. Zuletzt ist sie vor mehr als 40 Jahren renoviert worden. Deshalb ist jetzt Teodor Galon hier. Der Mann ist Diplom-Restaurator und arbeitet für die Olper Kirchenmalerei Rademacher im Auftrag der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Wiblingwerde. Zwischen 120 000 und 140 000 Euro lassen sich Kirchengemeinde und Denkmalschutz die Restaurierung der spätromanischen Hallenkirche kosten.

Muffiger Geruch verschwindet

„Das Hauptproblem ist die Feuchtigkeit“, erklärt Teodor Galon und weist auf die Nordwest-Wand des Kirchenturmes. Die Tatsache, dass das Regenwasser vom Turmdach ohne Regenrinne über lange Zeit einfach an der Fassade heruntertropfen konnte, hat der Mauer arg zugesetzt: Der Innenputz hat Schimmel angesetzt und bröckelt ab. „Wir haben den ganzen Putz bis auf die Steine abgeschlagen – insgesamt sieben Kubikmeter“, erklärt der Restaurator, dass hier mit reiner Kosmetik längst nichts mehr zu machen war. Eine Etage höher, auf der Orgelbühne, war es nicht ganz so schlimm, hier musste nur die obere Putzschicht herunter.

Ein großes, weit verzweigtes Gerüst füllt derzeit noch den gesamten Innenraum der Wiblingwerder Dorfkirche aus. ▪

In drei Lagen wird die Wandoberfläche mit Sanierputzen unterschiedlicher Körnung nun wieder hergestellt. Im Untergeschoss trägt Galon gerade die letzte, feine Schicht auf. Mit einem Schwamm behandelt er die Oberfläche, die später wie fast alle anderen Wände in der Kirche noch einen offenporigen Anstrich mit Mineralfarbe erhalten wird. „Der Kirchenraum wird dann wie neu aussehen – und auch wieder besser riechen“, verspricht der Restaurator augenzwinkernd.

Damit spielt er auf den muffigen Geruch an, der das Gotteshaus zuletzt erfüllt hat. Auch dafür war die Feuchtigkeit die Ursache. „77 Prozent Luftfeuchtigkeit – das ist zu viel für eine Kirche“, erklärt Galon und verweist auf ein Hygrometer in einer der Fensternischen, das den Wasserdampfgehalt der Luft ermittelt. Unter so feuchter Luft leide nicht nur die Bausubstanz, sondern alles in den Kirche, betont der Experte. Das, meint er, müsse in Zukunft unbedingt unter Kontrolle gebracht werden, zum Beispiel durch kontrolliertes Lüften, aber auch durch Heizen mit den neuen, leistungsstärkeren Heizungen, die auch noch eingebaut werden sollen.

Alte Malerei entdeckt

Die durch Feuchtigkeit entstandenen Schäden sind aber nur ein Aspekt. Im Gewölbe der Kirche haben Teodor Galon und seine Kollegen mehrere Risse entdeckt, die aber glücklicherweise nicht tiefer reichten. Sie konnten mittlerweile durch ein eingeputztes Gewebe befestigt werden. Im Altarraum war der Putz zum Glück stabil. Die Malereien in der Apsis, die erst vor knapp 100 Jahren überhaupt wieder entdeckt worden sind, sind weitestgehend intakt. Allerdings, schränkt der Restaurator ein, sei da nicht alles original. „Da ist auch schon einmal einfach etwas übermalt worden“, hat er wenig fachmännische Restaurierungsversuche erkannt.

Inzwischen geht man mit Jahrhunderte alten Wand- und Deckenmalereien respektvoller um. Ein Beispiel dafür findet sich an einem der Deckenbögen im Kirchengewölbe. Die Restauratoren haben dort Reste der möglicherweise ursprünglichen Malerei aus dem 13. Jahrhundert entdeckt. „Die Denkmalbehörde war schon hier und hat sich das angesehen“, sagt Teodor Galon. Viel unternommen wurde zwar nicht, aber die betreffende Stelle muss nun abgedeckt werden, bevor hier der letzte Anstrich aufgebracht wird. Damit ist der Fund zumindest gesichert, bis vielleicht irgendwann einmal genügend Geld und Interesse vorhanden ist, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Neue Beleuchtung und Beschallung

Es geht aber nicht nicht um die Wiederherstellung der alten Bausubstanz oder die Konservierung der Malereien an Wänden und Decken. Die Kirchengemeinde nutzt die Arbeiten auch, um ihr Gotteshaus behutsam zu modernisieren. So sind in den vergangenen Wochen auch viele Leitungsschlitze in die Wände gestemmt worden, denn die Kirche erhält auch neue Leuchten und eine neue Beschallungsanlage. Die dafür notwendigen Leitungen werden unter der neuen Wandoberfläche demnächst nicht mehr zu sehen sein.

Noch etwa vier Wochen werden die Arbeiten in der Dorfkirche dauern. Bereits Ende dieses Monats soll das Gerüst verschwinden, das derzeit noch den ganzen Innenraum ausfüllt, danach stehen dann nur noch kleine Restarbeiten an. „Es gab hier schon einiges zu tun an der Substanz“, blickt Teodor Galon auf seine fast abgeschlossene Arbeit zurück. „Das sollte jetzt aber auch für die nächsten 30 Jahre in Ordnung sein“, ist der Restaurator überzeugt, das älteste Bauwerk in der Doppelgemeinde wieder kuriert zu haben. ▪ Volker Griese

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