Wenn Vegetarier sich auf die Pute freuen

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Den Kühen ist es egal, ob Weihnachten ist. Sie müssen gemolken werden, sagt Hans-Jürgen Hohage

Nachrodt-Wiblingwerde -  „Ich finde die Traditionen ganz nett“, sagt Aykut Aggül und es klingt aus seinem Mund wie ein Ritterschlag. Ist der SPD-Ratsherr doch Muslim. Weihnachten feiert er nicht. Und doch ist er heute (Heiligabend) bei seinen Nachbarn zum Essen an Heiligabend eingeladen. Wie wichtig sind Traditionen? Was gibt es zum Essen? Und wer feiert mit wem? Darum dreht sich heute das Thema des Tages. Dabei gibt es vor allem eine Überraschung: Überall ist es ein bisschen anders.

Pute gibt es bei Sabine Karisch. Das haben sich die Töchter gewünscht. Dabei sind die beiden Vegetarierinnen und essen das „gute Stück“ gar nicht. „Aber der Duft gehört für sie zu Weihnachten“, erzählt Sabine Karisch lachend. Ihre Töchter kommen heute zum Heiligabend und werden sich dann eher auf die Beilagen „stürzen“ – Klöße und Rotkohl natürlich.

Überhaupt ist das Haus voll. Denn für Sabine Karisch ist Weihnachten das Fest der Liebe. „Und da ist es bei mir Tradition, dass nicht nur die Familie kommt, sondern auch gute Freunde dabei sind. Die Kinder kennen dies von klein auf und freuen sich drauf.“ Am ersten Weihnachtstag kommt der zweite Teil der Familie, am zweiten ist dann Extrem-Sofa-Tag angesagt. Zwischendurch ist Sabine Karisch natürlich auch immer wieder im Gartenhallenbad. Zwar ist das Bad am 24. 25., 26., am 31. und 1. geschlossen, aber die Technik muss regelmäßig kontrolliert werden.

 „Wir fahren nach Thüringen“

 Ronny Sachse hofft, dass ihn dieses Jahr keine Grippe danieder schlägt. Das hatte er im vergangenen Jahr, als er Heiligabend mit 40 Fieber im Bett lag und der Notarzt kommen musste. In diesem Jahr fährt er in die Heimat. „Wir fahren alle zwei Jahre nach Thüringen und besuchen die Familie. Im Grunde werden alle abgeklappert: Oma, Opa, Tante, Onkel. Jeder bekommt sein Zeitfenster“, schmunzelt Ronny Sachse, der am zweiten Weihnachtstag wieder zurück in Nachrodt ist, um mit Mama zu feiern. Heiligabend gibt es bei Sachses traditionell Kartoffelsalat mit Würstchen. Und Geschenke gibt es auch. Ronny, Mitautor der Nachrodt-Wiblingwerder „Sargfabric“, möchte zwölf Krimis „Der Tote in der Lenne“ verschenken.

„Der Chor wurde leider aufgelöst“

Heute Abend etwas großartiges Kochen, das möchte auch Siegfried Kruse nicht. „Nicht noch am Herd stehen und brutzeln“, erzählt der Wiblingwerder, der mit seiner Frau wahrscheinlich einen Gottesdienst besuchen wird. „Aber ich weiß noch nicht welchen.“

Bis vor sieben Jahren war Siegfried Kruse Weihnachten immer sehr eingebunden. Er sang im Kirchenchor in Lüdenscheid und es war feste Tradition, dass in der Auferstehungskirche gesungen wurde. „Um 16 Uhr musste ich in der Kirche sein.“ Der Chor wurde leider aufgelöst und jetzt ist etwas Ruhe eingekehrt. Seit Jahren gibt es übrigens keine Geschenke mehr – „aber unsere Tochter bekommt natürlich etwas, eine Art pragmatische Unterstützungsmaßnahme“, schmunzelt Siegfried Kruse.

„Die Kühe machen da keinen Unterschied“

 Apropos pragmatisch: So geht es auch bei Hans-Jürgen Hohage zu. Zum Essen gibt es heute etwas Leichtes, wie er sagt, und morgen kommen Gänsekeulen auf den Tisch des Hauses. Die Kinder sind erst bei den Schwiegereltern, aber am zweiten Festtag ist die ganze Familie auf dem Hof. Dann wird gemeinsam Kaffee getrunken. Auf einem Bauernhof muss die Arbeit immer weitergehen. Weihnachten hin oder her. „Die Kühe machen da keinen Unterschied“, lacht Hans-Jürgen Hohage, der sich Gesundheit wünscht – „alles andere ist Nebensache.“ Die Kinder und Enkel bekommen Geschenke, die Erwachsenen nicht. Abends schaut Hans-Jürgen Hohage an Weihnachten gern Familienfilme, Mord und Totschlag findet der UWG-Ratsherr eher komplett unpassend im Fernsehprogramm.

Erst mit Freunden zum Weihnachtsmarkt

Schon durchaus als etwas Besonderes empfindet Jens-Philipp Olschewski das Weihnachtsfest. „Eine Tradition ist es, dass ich am Morgen des Heiligabends mit Freunden auf den Weihnachtsmarkt gehe.“ Und dann steht die Familie im Vordergrund. Mittlerweile feiern vier Generationen den Heiligabend zusammen. „Wir essen lange zusammen und die Bescherung darf natürlich auch nicht fehlen. Außerdem habe ich meinem Opa versprochen, dass ich mich ans Klavier setze und wir als Familie gemeinsam das eine oder andere Weihnachtslied anstimmen“, erzählt der CDU-Fraktionsvorsitzende.

„Die meisten Filme finde ich langweilig“

Ob Gerd Schröder auch singt, hat er nicht verraten. Traditionell gibt es Pute in Veserde. Aber die kommt erst morgen in den Ofen. Heute nämlich feiert Gerd Schröders Frau Geburtstag und die Gäste kommen von etwa 11 bis 15 Uhr zum Feiern. Und dann gibt es am Heiligabend sozusagen Resteessen.

Am ersten Feiertag geht es zu Schwager und Schwägerin, am zweiten Weihnachtstag mit Oma zum ältesten Sohn. „Als Ehepartner schenken wir uns nichts mehr. Das haben wir vor Jahren abgeschafft“, erzählt Gerd Schröder. Zeit zum Fernsehgucken bleibt kaum – und das stört den SPD-Fraktionsvorsitzenden so gar nicht. „Die meisten Filme finde ich in der Tat eher langweilig. Da setze ich mich lieber in die zweite Reihe und nehme ein Buch zur Hand.“

Mama hat gekocht wie ein Weltmeister

 Ob Birgit Tupat Zeit zum Lesen finden wird? Sie genießt die Zeit mit der Familie. „Das ist sehr traditionsbehaftet und ich mag es sehr“, sagt die Bürgermeisterin, die nie zum Weihnachtsfest in den Süden fliegen würde. Zu Essen gibt es heute eine Pute. Am zweiten Weihnachtstag geht die ganze Familie inklusive aller Nichten und Neffen zusammen essen.

Später treffen sich alle bei der ältesten Schwester zum Kaffee trinken. „Als meine Mama noch lebte, hat sie immer gekocht wie ein Weltmeister“, erzählt Birgit Tupat. Als Weihnachtsfilm mag sie die Komödie „Schöne Bescherung“, in dem Clark Griswold das Dach des Hauses mit 25000 Lichtern bestückt. „Ich habe aber kein beleuchtetes Rentier im Garten und würde auch nicht eine Weihnachtsbeleuchtung ans Haus tackern“, schmunzelt die Bürgermeisterin.

„Wir verhalten uns ruhig“

Lichterketten hat Aykut Aggül durchaus. Der SPD-Ratsherr mit türkischen Wurzeln glaubt aber, dass er einer der wenigen türkischen Bürger der Doppelgemeinde ist, die die Beleuchtungs-Aktionen rund um Weihnachten mitmachen. Heute Abend geht er also zu deutschen Nachbarn zum Essen. Und eine kleine Bescherung gibt es auch. Ansonsten „respektieren wir, wie die Christen feiern und verhalten uns ruhig. Wir haben ja unsere eigenen Feiertage“, sagt Aykut Aggül, der als Kind den katholischen Kindergarten St. Elisabeth besuchte und schon damals viel von der Festtradition miterlebt hat.

 „Ich erzähle ja auch über meine Religion. Da ist es auch selbstverständlich, dass ich auch etwas über die anderen erfahren möchte.“

 Mit den Würfeln zum Geschenk

 Heute Abend wird wieder gewürfelt bei Familie Triches. Wer eine Sechs würfelt, darf ein Geschenk auspacken. „Ich kaufe gerne Geschenke für meine Familie, kleine Überraschungen“, erzählt Petra Triches, die sich sehr aufs Fest freut, bei dem es heute Raclette gibt. Später wird dann gemeinsam gespielt: Mensch ärgere dich nicht oder Phase 10. Am ersten Weihnachtstag steht dann ein großes Treffen mit der Verwandtschaft an – 32 Leute aus drei Generationen feiern in Lüdenscheid zusammen.

Überraschungsmenü

 Auch bei Michael Schlieck ist das Treffen der Familie das Wichtigste: Heute kommen Kinder und Enkelkind „und es gibt wieder ein Vier-Gänge-Überraschungsmenü von meiner Frau“, freut sich der CDU-Ratsherr auf fröhliche Stunden. Nur der Nachtisch ist schon bekannt: Es gibt Schokosoufflé, das alle so gern mögen. „Ich stehe dann aber nicht in der Küche, sondern bin fürs Aufräumen zuständig“, verrät Michael Schlieck. Und natürlich gibt es kleine Geschenke, die Michael Schlieck aber schon vor Wochen besorgt hat. „Ich bin wirklich kein Heiligabendeinkäufer.“

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