Gericht wartet auf ein Geständnis

Nachrodt-Wiblingwerde - Die Hauptgeschädigte hat es nicht leicht im Hochstapler-Prozess vor dem Amtsgerichts Altena: Gute vier Stunden verbrachte die ehemalige Nachrodterin auf der kalten Bank vor dem Saal 201, bis sich das Schöffengericht erneut vertagte. Befragt wurde sie nicht.

Der Fall

Ein 28-jähriger Oberhausener muss sich im Amtsgericht Altena wegen Betruges verantworten. Der bereits in einem anderen Verfahren verurteilte Mann hatte sich zunächst seiner Haftstrafe entzogen, indem er von Mai bis Oktober 2012 unter dem Pseudonym Gregory James Earl of Gloucestershire bei einer 28-jährigen Frau in Nachrodt unterschlüpfte. Diese und ihren Bruder soll er durch eine angebliche Krebserkrankung veranlasst haben, ihm insgesamt 36 000 Euro zu übergeben. Außerdem soll er von Nachrodt aus Internet-Bestellungen getätigt haben, die nie bezahlt wurden.

Möglicherweise war diese Geduldsprobe aber die letzte in einem Prozess, der nach Maßstäben eines Amtsgerichts schon zu einem Mammutprozess angewachsen ist. Denn der angebliche Earl, möglicherweise aber auch Duke of Gloucestershire, hat für morgen eine Erklärung angekündigt. Angesichts der Beweislage ist nicht auszuschließen, dass diese Erklärung auch ein Geständnis oder doch zumindestens ein Teilgeständnis einschließen könnte. Ansonsten könnte das Gericht wohl noch ein paar Sitzungstage weiterverhandeln.

Stoff gäbe es genug, wie die jüngste Sitzung deutlich machte: Ein Autohändler berichtete davon, wie der Earl unter falschen Personalien Autos bestellte und Autos für Probefahrten auslieh, ohne dass für ihn dabei rechtsverbindliche Folgen entstanden: „Er hat nie selber Nutzungsverträge unterschrieben“, erinnerte sich der Händler. Stattdessen machte sein Unternehmen Verträge mit der Geprellten aus Nachrodt, die der Earl als seine Lebensgefährtin, und mit der Wuppertaler Freundin, die der Earl als seine „Assistentin“ vorstellte. Personalausweis? Führerschein? Der englische Adlige brauchte all das nicht vorzuzeigen, weil er nicht selbst die Verträge schloss. „BMW ist ein Premiumprodukt“, stellte der Zeuge fest. Nach dieser Maßgabe gestalte sein Unternehmen auch die Vertragsabschlüsse in einer möglichst angenehmen (und dezenten) Atmosphäre.

Der Angeklagte bestritt nicht, dass der Sinn seiner Auftritte und die Unterzeichnung „verbindlicher Bestellungen“ vor allem einem Zweck dienten: „Der Sinn der Sache waren die Probefahrten.“ So konnte der Earl, der sich immer fahren ließ, mit hochklassigen Fahrzeugen bei seinen Frauen protzen und punkten. Die unterschriebenen Verträge standen dabei offenbar auf tönernen Füßen, denn solange die Fahrzeuge nicht ausgeliefert wurden, wurde der Vertrag nicht verbindlich. „Weil nicht geliefert wurde, ist der Firma auch kein Schaden entstanden“, sagte der Zeuge.

Das Gericht gab dem falschen Grafen mehrfach Gelegenheit, sich die für ihn recht schwierige Beweislage vor Augen zu führen. Doch trotz mehrerer intensiver Zweiergespräche mit seinem Anwalt Frank Hatlé konnte sich der 28-Jährige noch nicht zu einer weitergehenden Erklärung durchringen. Richter Dirk Reckschmidt zeigte dem Angeklagten die Konsequenz seiner Aussagen auf: „Nach dem, was ich hier von Ihnen höre, haben alle Zeugen hier vor Gericht gelogen.“ Ja mehr noch: „Wir müssten annehmen, dass sich alle Zeugen zusammengetan haben, um Sie mit dieser kruden Geschichte reinzureißen!?“

Nach diesem ersten Hinweis, dass das Schöffengericht skeptisch gegenüber der vom Angeklagten ins Feld geführten Verschwörungstheorie ist, hat der 28-jährige Oberhausener am Freitag eine weitere Chance, eine Erklärung abzugeben, wie sich das Ganze aus seiner Sicht abgespielt hat. Die Chancen stehen gut, dass eine solche Erklärung nicht weit von dem entfernt wäre, was die Zeugen geschildert haben. - thk

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