Kirchturmdenken ablegen? Oder kommt kleine Gemeinde im Kreis wirklich zu kurz?

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An der Lenneterrasse: Susanne Fischer-Bolz (rechts) sprach mit Gerd Schröder, Petra Triches und Stefan Herbel (von links).

Nachrodt-Wiblingwerde – Nach der Wahl ist vor der Stichwahl am 27. September. Sorgen bereitet das von vielen erwartete Desinteresse der Wählerinnen und Wähler. Wenn am kommenden Sonntag Marco Voge (CDU) gegen Volker Schmidt (SPD) in die Stichwahl um das Amt des Landrates geht, hoffen die Parteien auf eine gute Wahlbeteiligung. Aber ob das klappen wird?  Viele sind skeptisch, auch die Nachrodt-Wiblingwerder. Erstmals gibt es gleich drei Kreistagsmitglieder aus der Gemeinde. Ein  Gespräch mit Gerd Schröder, Stefan Herbel und Petra Triches.

„In drei Kommunen gibt es eine Bürgermeister-Stichwahl. Wer dahin geht, wählt auch gleich den Landrat mit. Da bekommen wir vielleicht eine Wahlbeteiligung von 40 Prozent. Kreisweit wird es einbrechen“, befürchtet der Nachrodter Kreistags-Abgeordnete Stefan Herbel (CDU). Darin findet er Zustimmung bei den frisch in den Kreistag gewählten Gerd Schröder (SPD) und Petra Triches (UWG). „Die Menschen sind wahlmüde“, glaubt der Sozialdemokrat. „Ob Voge oder Schmidt, wird vielen Menschen egal sein“, ist sich Petra Triches sicher. Die UWG gibt keine Empfehlung, CDU und SPD werfen sich für ihren jeweiligen Kandidaten in die Bresche. 

Drei von den 76 Abgeordneten sind aus Nachrodt-Wiblingwerde

Das Fatale für die CDU: Gewinnt der Balver Marco Voge am Sonntag nicht, wird er auch nicht einfacher Abgeordneter im Kreistag sein. Die CDU hatte so viele Direktmandate gewonnen, dass die Reserveliste mit Voge darauf nicht zieht. Von der Stichwahl unabhängig ist die Zusammensetzung des Kreistages mit sieben Fraktionen. Dem Kreistag gehören die CDU (29 Sitze), die SPD (18), Bündnis 90/Die Grünen (11), die FDP (6), UWG (5), Die Linke (3) sowie die AfD (4) an. 

Drei von den 76 Abgeordneten sind aus Nachrodt-Wiblingwerde. Das klingt zwar nach wenig, ist aber in der Geschichte des Märkischen Kreises erstmalig. „Jetzt kann ich mich dort auch für unsere Gemeinde einbringen“, sagt Petra Triches (UWG). „Ich finde, Nachrodt-Wiblingwerde kommt im Kreis zu kurz“, so die Brenscheiderin, die ebenso wie Gerd Schröder (SPD) aus Veserde nun im Gemeinderat als auch im Kreistag arbeitet. Neben den zwei Kreis-Neulingen ist Stefan Herbel ein „alter Hase“. Der 57-Jährige ist bereits 21 Jahre Kreistagsmitglied für die CDU und jetzt auch noch Beisitzer im Vorstand. 

Seine Partei hat bei der Kreistagswahl ordentlich abgeräumt. „Warum, das frage ich mich auch“, sagt Petra Triches und lacht. „Das wird mit Landes- und Bundespolitik zusammenhängen“, glaubt Sozialdemokrat Gerd Schröder. Die CDU-Bewerber konnten 29 von 32 Kreistagswahlbezirken direkt gewinnen. Zwei gingen direkt an die SPD, einer an die UWG. Anders als bei der Gemeinderatswahl, bei der es eher um Personen geht, ist „der Kreis die erste Ebene, die groß und unüberschaubar ist. Da kann man nicht jeden kennen“, sagt Stefan Herbel. 

Kommunen können viele Dinge nicht alleine

Apropos unüberschaubar: Was macht der Märkische Kreis, was ein Kreistagsabgeordneter? „Der Kreis ist ein Dienstleister für die Kommunen. Das darf man nicht vergessen. Es gibt viele Dinge, die für die Kommunen wichtig sind, die sie allein nicht machen können. Beispiel ÖPNV. Durch sämtliche Kommunen fahren die Busse der MVG. Das muss ja bezahlt werden. Theoretisch wäre es möglich, den Gemeinden entgegenzukommen und weniger Kreisumlage einzufordern. Das hat aber Konsequenzen. Um bei dem Beispiel zu bleiben, würden dann weniger Busse fahren. Da muss man wissen, was man will“, erläutert Stefan Herbel. Zweites Beispiel: Keine Freunde gemacht hat sich der Kreistag mit der Schließung des kreiseigenen Marienhospitals in Letmathe. „Die Schließung war aus meiner Sicht richtig“, sagt Stefan Herbel und weiß: „Das hat der CDU auch Stimmen gekostet, obwohl es eine Entscheidung des Kreistages war, in dem CDU und SPD eng zusammengearbeitet haben.“ An dieser Stelle sagt Gerd Schröder: „Ich bin der Meinung, dass das Gesundheitswesen landes- und bundesweit zu betriebswirtschaftlich ausgerichtet ist. Das Krankenhaus war defizitär. Das ist der ÖPNV aber auch.“ 

Und das Kreiskrankenhaus in Lüdenscheid? „Wenn ich sieben Stunden in der Notaufnahme sitze, weil Kliniken drumherum geschlossen werden, dann muss man sich fragen: Wo sollen die Leute denn hin?“, meint Petra Triches. Kosten könnte man durchaus an anderen Stellen im Kreis im Blick haben, findet die UWG’lerin und blickt auf die Bauvorhaben des Kreises, die immer teurer würden: „Das Kreisarchiv, das Kreishaus beispielsweise.“ 

351 Sitzungen mit mehr als 2190 Drucksachen

Unzählige Vorlagen haben die Mitglieder des Kreistages durchzuackern. In den vergangenen zwei Wahlperioden gab es 351 Sitzungen mit mehr als 2190 Drucksachen der Verwaltung. Der scheidende Landrat Thomas Gemke hatte die Zahlen und Fakten einmal zusammengestellt. „Es zeigt eindrücklich den großen Umfang der politischen Arbeit auch auf der kommunalen Kreisebene. Sie lassen zudem den zeitlichen Aufwand erahnen, den die Abgeordneten des Kreistages und die Mitglieder seiner Ausschüsse hierfür leisten mussten – und das ehrenamtlich“, so Thomas Gemke. 

Fakt ist: Jedes Kreistagsmitglied bekommt alles. „Ich gucke mir jede Vorlage an, bis ins Detail beschäftige ich mich mit den Sachen, die mich in den Ausschüssen betreffen“, sagt Stefan Herbel, der bis jetzt im Schul- und Sportausschuss saß und im Jugendhilfeausschuss Vorsitzender war. Diesen Vorsitz würde er gern in der neuen Wahlperiode behalten. Wo Gerd Schröder und Petra Triches ihre Kenntnisse einbringen werden, wissen sie noch nicht. Petra Triches wünscht sich den Bauausschuss. Gerd Schröder sieht seinen Schwerpunkt bei den kommunalen Finanzen: „Ich bin aber Neuling und nehme das, was anliegt.“ 

Kirchturmdenken muss man ein bisschen ablegen

Die Motivation, etwas für die Heimat zu tun, ist bei allen drei Abgeordneten groß. Aber: „Heimat ist nicht nur Nachrodt-Wiblingwerde, sondern auch darüber hinaus. Das Kirchturmdenken muss man ein bisschen ablegen“, findet Stefan Herbel und ergänzt: „Wenn wir etwas beschließen, muss das für jeden Kirchturm irgendwie passen. Ich sitze da, weil ich die Verantwortung für den ganzen Märkischen Kreis habe.“

 Kommt die Doppelgemeinde im Kreis wirklich zu kurz? „Sicherlich hat eine kleine Gemeinde auch geringere Kraft, da stehen andere Städte besser da. Ich habe mich auch öfter über die Kreisumlage geärgert, aber wir können die Gemeinden und Städte im Kreis nicht gegeneinander ausspielen. Es ist ein Geben und Nehmen und der Kreis ist wiederum vom Landschaftsverband abhängig, zahlt an ihn eine Umlage. Es ist eine Wechselwirkung“, so Gerd Schröder, der viele seiner neuen Mitstreiter der SPD-Kreistagsfraktion schon kennt. Sein erstes Gefühl: „Es ist familiär.“ Die UWG ist mit fünf Leuten im Kreistag. „Viele Anträge der Kleinen sind in den letzten Jahren gar nicht beachtet worden“, sagt Petra Triches, der besonders die Kreisumlage zu schaffen macht. „Wir geben Geld aus im Kreis und die Gemeinden müssen zahlen.“

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