Ernte wird für Bauern zum Wettlauf mit der Zeit

Regina Weustermann macht der verregnete Sommer allmählich Sorgen, weil auf ihren Feldern bereits die ersten Ähren zu Boden sinken – es droht eine beträchtliche Ernteeinbuße.

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Noch ist alles im grünen Bereich, doch allmählich wird's bedrohlich. Mittlerweile macht sich bei den heimischen Landwirten nicht mehr nur Ärger über das schlechte Wetter breit, es wird vielmehr – zumindest mittelfristig gesehen – zu einem ernsten Problem.

Die Bauern der Region sind vom derzeitigen Klima in unterschiedlicher Weise betroffen. So können Landwirte, die ihre Äcker als Grünland betreiben, die derzeitige Situation besser überstehen. Sie betreiben in der Regel Milchwirtschaft und verwenden das gemähte Gras als Futter für das Vieh. Dieses Gras wird in drei Schnitten gemäht, die zeitlich recht kurz voneinander entfernt liegen. Aus diesem Gras wird die Silage hergestellt. Dazu wird der Grasschnitt getrocknet, bis seine Restfeuchte unter 35 Prozent liegt. Nur dann ist die Silage zur Fütterung des Viehs geeignet.

Ortslandwirt Günter Buttighoffer hofft, dass innerhalb der nächsten zwei Wochen eine Wetterbesserung einsetzt.

Die Landwirte, die Ackerbau betreiben, sind dagegen in größerem Maße betroffen. Regina Weustermann aus Brenscheid, die neben der Schweinezucht auch Ackerbau betreibt, erklärt, warum das so ist: „Wir haben Gerste und Hafer gesät. Durch die schweren Regenfälle der vergangenen Woche nehmen die Ähren das Wasser auf und werden dadurch schwerer“. Dies führe dazu, dass die Halme knicken und die Ähren zu Boden sinken. Dieser sei jedoch so nass, dass die Ähren des Getreides aufquellen würden. Darüber hinaus würden sich Pilze bilden, die das Getreide schädigen. „Und das führt dann zu einem erheblichen Qualitätsverlust, erklärt Weustermann, auf deren Feldern schon die ersten so genannten Nester zu erkennen kind. Das ist ein Stück des Ackers, auf dem schon die ersten Ähren geschädigt wurden. Und diese Nester werden mit jedem Regentag größer. Durch die Minderqualität sei darüber hinaus auch auf dem Markt nur ein geringerer Preis zu erzielen.

Nicht das ganze Getreide wird verkauft, ein Teil wird auch als Futter innerhalb der Schweinezucht verwendet. „Doch die Tiere sind sehr empfindlich“, weiß Regina Weustermann. Die schlechte Qualität des Getreides schädige darüber hinaus auch die Sauenzucht.

Martin Hohage, der als Landwirt ausschließlich Milchwirtschaft betreibt, verfolgt die Wettervorhersagen in Funk und Fernsehen mit wachsender Besorgnis. „In drei Tagen sind 60 Liter Wasser auf einen Quadratmeter gefallen. Das ist schon heftig“, blickt er zurück. Hohage hat zwar schon die Ernte aus seinem Grünland gezogen. „Aber das Gras ist nicht trocken zu kriegen“, sagt er. „Dazu sind mindestens zwei oder drei trockene Tage notwendig. Die haben wir aber im Augenblick nicht.“

So ganz langsam verliert Hohage seine ansonsten gute Laune. Er beginnt, sich Sorgen zu machen. Das nasse Gras beziehungsweise die daraus gewonnene minderwertigere Silage enthalte nur wenig Energie. Das wiederum schlage sich auf die Milchproduktion nieder. Außerdem bestehe derzeit auch kaum eine Möglichkeit, die Felder zu befahren. Die schweren Traktoren würden im Boden versinken und die Grasnarbe nachhaltig schädigen.

Martin Hohage hat innerhalb von drei Tagen eine Niederschlagsmenge von 60 Litern pro Quadratmeter registriert. „Das Gras ist nicht trocken zu kriegen“, sagt der Landwirt vom Hohenhagen.

Dieses Problem hat auch Günter Buttighoffer, Ortslandwirt und Kreisverbandsvorsitzender. „Wir können die Kühe derzeit nur im Stall halten“, erklärt Buttighoffer. Denn wenn die Tiere ins Freie gelassen würden, sänken sie mit ihren Hufen so tief in den Boden ein, dass große Löcher entstünden. Buttighoffer erklärt jedoch ausdrücklich, dass man – zumindest innerhalb der nächsten Tage – noch nicht von einem Problem reden könne. Zwar solle man die bestehende klimatische Situation nicht verharmlosen, es müsse allerdings in den nächsten zwei Wochen eine Wetterbesserung eintreten, die auch mehrere Tage anhält. Sei das nicht der Fall, wäre gerade bei den Landwirten, die Ackerbau betreiben, mit erheblichen Ausfällen zu rechnen.

Risikofaktor Nummer eins ist also wieder einmal das Wetter. Das tangiert die heimischen Landwirte natürlich in erster Linie. Denn es beeinflusst ihre Produktion erheblich. Sie können ihre Felder nicht überdachen lassen, um sie vor Regen zu schützen. Sie haben auch keine Möglichkeit, das Klima zu beeinflussen, um einen besseren Ertrag zu erzielen. Wie auch immer es kommt, die Landwirte müssen es hinnehmen. Sie sind vom Klima abhängig, sie können sich nicht ins Trockene zurückziehen und zuschauen, wie der Regen die Fensterscheiben entlang läuft. Ihr Kapital liegt nicht unter dem Kopfkissen oder in einem Safe. Es liegt genau vor ihrem Fenster, auf ihren Feldern und Wiesen. Und dort ist es den Witterungsverhältnissen schonungslos ausgesetzt. Deshalb hoffen sie, dass tatsächlich bald eine Besserung eintritt. Denn sonst könnte sich das anhaltend schlechte Wetter letztlich doch noch zu einem ernsten Problem auswachsen. ▪ Hartwig Bröer

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