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Energiekrise raubt Firmenchef im MK den Schlaf

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Walzwerke-Geschäftsführer Dr. Bodo Reinke möchte optimistisch bleiben.
Walzwerke-Geschäftsführer Dr. Bodo Reinke möchte optimistisch bleiben. © Fischer-Bolz, Susanne

Schritt für Schritt rückt er näher, der energiepolitische Ernstfall. Die Unternehmen arbeiten an Notfallplänen, für manche wird es „spitz auf Knopf“ um nicht weniger als um ihre Existenz gehen.

Vom Gas abhängig, weil keine Alternativen möglich sind, sind die Walzwerke Einsal. Und Geschäftsführer Dr. Bodo Reinke gibt zu, dass ihm das Thema Energie durchaus den Schlaf raubt.

„Alles, was wir weniger verbrauchen, hilft“, so Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zur Energiekrise. Die Industrie sei dazu ein Schlüsselfaktor. Ist sie das?

Aktuell verbraucht die Industrie 37 Prozent des in Deutschland genutzten Erdgases, die Haushalte 31 Prozent. Die Industrie alleine kann das Problem nicht lösen. Da werden sehr große Anstrengungen von allen Seiten notwendig sein.

Nach einer neuen Umfrage müssten im Fall eines Lieferstopps neun Prozent der Betriebe, die Erdgas nutzen, ihre Produktion voll stoppen und 18 Prozent deutlich einschränken. Wo stehen die Walzwerke in diesem Zusammenhang?

Ich glaube, dass neun Prozent fast untertrieben sind. Ich glaube, dass es zu mehr Problemen kommen wird, vielleicht nicht zu Komplett-Stillständen, aber zu größeren Einschränkungen. Viele Unternehmen benötigen Gas für ihre Produktionsprozesse. Walzwerke Einsal natürlich auch, erheblich sogar. Wenn wir kein Gas haben, werden nicht nur einzelne Unternehmen, sondern ganze Lieferketten stillstehen. Beispielsweise nützt es ja nichts, wenn wir Gas haben, um walzen zu können, aber kein Rohmaterial bekommen, weil die Stahlschmelzbetriebe keinen Stahl mehr liefern, oder weil in der Weiterverarbeitung der Automobilindustrie die Bänder stehen. Dann kommen ganze Ketten zum Stillstehen. Was das genau bedeuten wird, können wir uns alle noch gar nicht ausmalen, aber es wird zu erheblichen Verwerfungen kommen.

Sie sagten, die Walzwerke benötigen viel Gas. Wie viel verbraucht Ihr Unternehmen im Jahr?

Wir bauchen 20 bis 30 Millionen Kilowattstunden Gas.

Verbraucht ein Unternehmen jährlich mehr als 1,5 Millionen Kilowattstunden, muss es im Fall einer Notfalllage mit einer deutlichen Reduzierung der Gaslieferungen rechnen oder sogar mit einem kompletten Stopp. Sie wären also auf jeden Fall betroffen. Und die Bundesnetzagentur hat bereits die Befragung durchgeführt?

Exakt. Es gibt natürlich Erhebungen darüber, das ist die erste Stufe des Alarmplans. In der nächsten Stufe versucht man sich vorzubereiten. Es gibt theoretisch die Möglichkeit, dass es im Laufe des Jahres dann zu Reduzierungen, zu Rationierungen kommen wird. Was das bedeutet, kann keiner so richtig abschätzen. Klar ist, wenn Gas rationiert wird, werden wir in unserer Produktion Einschränkungen haben.

Es ist bei der Erhebung gleichzeitig abgefragt worden, welche Energiespar-Maßnahmen Unternehmen einsetzen wollen oder können, nicht wahr?

Es ist ja nicht so, dass es die Bundesnetzagentur erfunden hat, dass man Energie spart. Das tun wir schon lange und haben ein eigenes Interesse daran. Aber es gibt für unsere Hauptprozesse, und das ist Stahl erwärmen, keine technologische Alternative zu Gas. Wir können unsere Gebäude anders heizen, aber es ist technologisch nicht möglich, auf absehbarer Zeit auf eine andere Energiequelle umzusteigen. Es sind ja einige Sachen im Gespräch, das eine wäre Flüssiggas. Rein theoretisch wäre dies vielleicht möglich, aber dann müssen so großen Mengen Flüssiggas beschafft werden, dass ich davon ausgehe, dass auch das dann knapp wird und wir früher oder später der gleichen Rationierung unterliegen.

Es klingt resigniert. Raubt Ihnen das Thema den Schlaf?

Ja, in der Tat. Das ist eine große Bedrohung. Und ich bin froh, dass mittlerweile das Wirtschaftsministerium wieder ins Leben gerufen wurde, nachdem es jahrelang gepennt hat. Jetzt wünsche ich mir, dass auch einige andere Entscheidungsträger langsam wach werden und aus ihren Träumen herauskommen. Wir streiten uns seit Jahren damit rum, dass wir unser Wasserkraftwerk reparieren dürfen. Und dürfen es nicht. Ich kann nur sagen: Bitte dringend aufwachen. Wir können uns einen übertriebenen Artenschutz nicht leisten, es sei denn, man ist so ehrlich, dass wir dafür Millionen von Arbeitsplätzen aufgeben wollen – zugunsten von irgendwelchen Insekten.

Welche Maßnahmen haben die Walzwerke ergriffen, um Energie zu sparen oder umweltfreundlicher zu werden?

Wir haben regenerativen Strom. Wir haben unsere Wasserkraftanlage, die, wenn sie gut laufen würde und die Behörden uns nicht immer wieder hindern würden, ein Viertel unseres Strombedarfs liefert. Wir haben eine Fotovoltaikanlage, die auch noch mal ein, zwei Prozent dazu liefert. Was das Gas angeht, haben wir einige organisatorische Maßnahmen in der Produktionsplanung getroffen, sodass wir beispielsweise unsere vollgeheizten Öfen so nutzen, dass sie immer gefüllt sind. Letztlich macht alles Sinn, aber nur wenige Prozente, keine Lösung des Hauptproblems.

Die Fotovoltaikanlage ist auf dem Verwaltungsgebäude?

Ja, sie ist neu und die nutzen wir natürlich hier für unsere Batterie- und Hybridfahrzeuge und das Rechenzentrum zum Beispiel.

Sie haben auch noch große Wiesen. Gibt es weitere Überlegungen für Fotovoltaik?

Ja, durchaus. Aber das macht trotzdem keine nennenswerten Mengen mit Blick auf unseren Gesamtverbrauch aus. Ein Industrieunternehmen hat da andere Dimensionen im Energieverbrauch als ein Haushalt. Wahrscheinlich werden wir auch weitere Fotovoltaikanlagen aufbauen, aber dann reden wir weiter von ein, zwei Prozent Stromeinsparung. Ein großes Walzwerk benötigt aber eine große Leistung. Das kann man natürlich mit einer Solaranlage, mit der ich Kühlschränke und Lüfter betreiben kann, nicht wirklich vergleichen.

Es sind also eher Kleinigkeiten, die Sie machen können?

Ja, wir kaufen natürlich auch grünen Strom. Das machen wir schon lange. Aber ehrlich gesagt ist unser größtes Problem das Gas.

Jetzt plant Bundeswirtschaftsminister Habeck ein Gasauktionsmodell. Das soll industriellen Gasverbrauchern Anreize bieten, Gas einzusparen. Im Kern geht es darum, dass Industriekunden, die auf Gas verzichten können, ihren Verbrauch gegen Entgelt verringern, das über den Markt finanziert wird – und das Gas zur Verfügung stellen, damit es eingespeichert werden kann. Der Mittelstand schlägt Alarm. Die kleinen und mittleren Unternehmen werden beim Bieten mit der zahlungskräftigen Großindustrie nicht mithalten können. Wie sehen Sie das?

Ja, ich glaube auch, dass das ein Modell ist, das zu sehr vielen Problemen führen wird, obwohl die Idee nicht ganz schlecht ist. Doch wenn die Leute, die am meisten zahlen, diejenigen sind, die vielleicht einfach mit der Energie Bitcoins produzieren, wäre es sicher besser, wenn man das Gas umleitet für die Leute, die Brötchen produzieren, weil wir die dringender brauchen als Bitcoins, nur um ein Beispiel zu nennen. Aber die Idee kann natürlich ein Anreiz sein, um Leute zum Energiesparen zu bringen, gerade die Unternehmen, die eine Alternative haben. Wenn beispielsweise jemand auf Strom umstellen kann oder ganze Prozesse verändern kann, dann sind es gute Anreize. Aber wir müssen uns darauf konzentrieren, dass das wenige Gas nicht verschwendet wird.

Eine Krise türmt sich auf die nächste. Corona, der Ukrainekrieg, der Fachkräftemangel, die Energiekrise.

In der Tat haben wir eine Reihe Dinge, die zusammenkommen. Ich glaube, dass wir uns auf Dauer auf Veränderungen einstellen müssen, auch darauf, dass wir unseren hohen Lebensstandard nicht mehr halten werden, bewusster mit Ressourcen umgehen müssen. Auch im Privaten.

Aber Sie sorgen sich nicht um die Existenz der Firma?

Nein, existenzielle Gefahren sehe ich nicht. Ich möchte meinen Optimismus auf jeden Fall behalten.

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