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Elf ukrainische Flüchtlinge finden Zuflucht in der Idylle

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Gernot Rescher (stehend, zweiter von links) hat in seinem Haus mitten in der Idylle Becke insgesamt elf Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen.
Gernot Rescher (stehend, zweiter von links) hat in seinem Haus mitten in der Idylle Becke insgesamt elf Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen. © Fischer-Bolz, Susanne

Marschflugkörper und Granaten wünscht sich die Ukraine zum Kampf gegen Russlands Truppen. Dringend, so die Forderung, sollen weitere Waffenlieferungen erfolgen. Damit die Heimat verteidigt werden kann. Auch von den Ehemännern der Frauen, die jetzt in Nachrodt-Wiblingwerde einen ganz besonderen Unterschlupf gefunden haben.

Nachrodt-Wiblingwerde – Anna malt ein Herz in die Luft und zeigt auf Gernot Rescher. Denn in der Becke, dort, wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen, dort, wo es kaum einen krasseren Unterschied zum Kriegsgebiet geben könnte, haben er und Maik Lenz insgesamt elf ukrainische Flüchtlinge aufgenommen.

Direkt Betten und Schränke gekauft

„Wir haben hier 550 Quadratmeter, also genug Platz für alle. Und natürlich dürfen die Flüchtlinge so lange bleiben, wie sie wollen“, sagt Gernot Rescher. Der selbstständige Dachdecker- und Zimmerermeister hat über seine Kunden Kontakt in die Ukraine. Er signalisierte nicht nur sofort nach Ausbruch des Krieges, helfen zu wollen, er richtete auch direkt mit dem Miteigentümer des Hauses in der Becke die Gästezimmer ein, kaufte Betten und Schränke.

Ein kleines Lächeln

„Die ersten sechs Flüchtlinge sind vor eineinhalb Wochen gekommen“, erzählt Gernot Rescher. Der 54-Jährige spricht Russisch („aber 40 Jahre habe ich es nicht gemacht“) und kann sich deshalb mit seinen Gästen gut austauschen. Zwischendurch geht es auf Englisch weiter und wenn alle Stricke reißen, hilft der Google-Übersetzer, der manchmal ein „Kauderwelsch“ fabriziert, aber funktioniert und trotz aller Erlebnisse ein kleines Lächeln bei den Flüchtlingen hervorzaubert.

Vier Kinder sind dabei

Während eine Familie aus Oleksandrija in der zentralen Ukraine stammt, sind zwei andere Familien aus Kramatorsk, einer Großstadt mit etwa 160000 Einwohnern in der Oblast Donezk im Osten der Ukraine. Vier Kinder sind dabei: neun Monate, sechs, sieben und 15 Jahre alt. Zudem eine Ärztin, eine Krankenschwester, eine Erzieherin und eine Lehrerin. Dass tatsächlich auch ein Mann zu den Geflüchteten im Haus von Gernot Rescher gehört, ist auf den ersten Blick ungewöhnlich, dürfen doch die Männer nicht aus der Ukraine ausreisen. Doch Olec ist Lkw-Fahrer und arbeitete bei einer Spedition in Polen. Bei Ausbruch des Krieges war er unterwegs und konnte später seine Familie aus der Ukraine retten. „Die Spedition gibt es nicht mehr. Es hat sich jetzt aber eine deutsche Familie mit uns in Verbindung gesetzt, für die seine Spedition als Subunternehmer gefahren ist. Nun prüfen sie, ob sie Olec Arbeit besorgen können“, erzählt Gernot Rescher. Warum es die Spedition in Polen nicht mehr gibt, weiß er nicht.

„Wir fühlen uns wohl hier“

„Wir fühlen uns wohl hier“, sagt Anna. Die 33-Jährige telefoniert jeden Tag in die Ukraine, „die Verbindung ist immer noch da.“ Sie möchte am liebsten sofort zurück, „aber Kramatorsk wird bombardiert und wenn die Sirenen heulen, verstecken sich alle in den Kellern.“ Die Bilder, die die Frauen von ihren Lieben in der Ukraine bekommen, zeigen sie nicht gern. Die Angst, dass den in der Heimat zurückgebliebenen Familienmitgliedern etwas passieren könnte, ist hautnah und spürbar. Und dennoch stehen die Frauen mit all ihrer Kraft und Tapferkeit hinter der Entscheidung des ukrainischen Präsidenten, dass Männer kämpfen sollen. „Männer sind die Verteidiger unseres Landes. Das ist eine gute Entscheidung. Aber für uns ist es so schwierig, eine Trennung zu ertragen. Wir haben in Frieden gelebt und wollen Frieden. Unser Präsident tut alles, um unser Land zu schützen“, zeigt sich Anna kämpferisch, während ihrer Mama Oksana einfach nur möchte, dass der Krieg bald vorbei ist. Und doch würde sie sich freuen, wenn sie ein bisschen Deutsch lernen könnte, „das kann ja nie überflüssig sein“, findet die 53-jährige Ukrainerin, die wie die anderen Flüchtlinge bei der Gemeinde mittlerweile angemeldet ist und nun zur Ausländerbehörde nach Menden muss.

„Das muss ja auch erst mal alles koordiniert werden“

Gernot Rescher und Maik Lenz kümmern sich um alles, natürlich auch um Kleidung, Spielzeug, Verpflegung. „Es gibt auch Freunde und Nachbarn, die uns unterstützen. Und darüber sind wir sehr froh. Eigentlich läuft bis jetzt alles im privaten Bereich“, erzählt Gernot Rescher. Von offizieller Seiten fühlt er sich trotzdem nicht alleingelassen, der Kontakt zur Gemeindeverwaltung ist gut. „Das muss ja auch erst mal alles koordiniert werden. Da kann man niemanden einen Vorwurf machen.“ Seine Gäste danken die Freundlichkeit mit leckerem Essen, das sie gemeinsam kochen. So gab es schon Borsch, eine Suppe, die mit Roter Bete und Weißkohl zubereitet wird. „Schmeckt sehr gut“, sagt Gernot Rescher. Er revanchierte sich mit Schweinebraten. Große Unterschiede in der Esskultur gibt es indes aber nicht. „Wir sind sehr dankbar, hier zu sein“, sagt Oksana. Für Gernot Rescher und Maik Lenz stellt sich trotz aller Kraftanstrengung nicht die Frage, ob es richtig war, die Ukrainer aufzunehmen. „Das ist es auf jeden Fall. Und wir versuchen es ihnen hier so schön wie möglich zu machen. “

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