Hebamme Sonja Schneider gibt auf

Sonja Schneider.

NACHRODT-WIBLINGWERDE - Sonja Schneider gibt auf. Rund 100 Kinder hat die examinierte Hebamme wohl zur Welt gebracht und ihr Beruf ist für sie Berufung. Doch unter den aktuellen Bedingungen kann sie es sich nicht erlauben, als freischaffende Hebamme zu praktizieren. Familienintern hat sie es diskutiert, doch es wäre nur „ein teures Hobby“ und sie würde „draufzahlen“. Sonja Schneider ist nicht die einzige Hebamme, die aufhören wird. Von einigen Kolleginnen hat sie erfahren, dass die ebenfalls ihre Hebammenkoffer definitiv einmotten werden. „Es ist nicht mehr rentabel, es ist nicht mehr kalkulierbar“, sagt Schneider. Von Peter von der Beck

Zum Hintergrund: Es sind die massiv gestiegenen Haftpflichtprämien bei stagnierenden Einnahmen, welche die Existenz des Hebammenberufes akut gefährden. So schreibt der Deutsche Hebammenverband in einer schon verzweifelt klingenden Presseerklärung, dass deshalb bald verstärkt die freiberuflichen Hebammen aus der Geburtshilfe gedrängt würden. Sei es früher selbstverständlich gewesen, dass eine Hebamme neben Vorsorge und Wochenbettbetreuung auch Geburten begleitet habe, so sei deren Anteil parallel zum Anstieg der Haftpflicht-Prämien drastisch gesunken.

Von den freiberuflichen Hebammen seien gerade noch 23 Prozent mit Geburten als Beleghebamme im Geburtshaus oder zu Hause tätig, obwohl der Trend dahin gehe, Stellen für angestellte Hebammen abzubauen und auf Beleghebammen auszuweichen.

Der Verband macht zudem eine Beispielrechnung auf: „Bei einer Rundum-Betreuung mit Vorsorge, Kursen, Geburt und Wochenbett, Stillzeit betreut eine klinisch tätige Hebamme circa 30 Frauen pro Jahr, außerklinisch zehn Frauen. Bei allen reichen die Einnahmen aus der Geburtshilfe gerade zur Deckung des neuen Versicherungsbeitrages von 3689 Euro“. Der Grund der Prämiensteigerungen: Die Schadenssummen und die Pflegekosten sind massiv gestiegen, nicht jedoch die Zahl der Fälle.

Verhandlungen scheiterten

Der Verband hatte nun jüngst große Hoffnungen auf Verhandlungen mit den Kassen gesetzt, um wenigstens auf der Einnahmenseite Vergütungen durchzusetzen, die der hohen Verantwortung der Hebammen gerecht würden. Bisher bekommen Hebammen je nach Art der Betreuung zwischen 237 und 537 Euro. Doch die Verhandlungen scheiterten. Und der Verband sieht die flächendeckende Versorgung mit Hebammen in Gefahr.

Dabei ist der Beruf der Hebamme „kein Acht-Stunden-Job“, wie Sonja Schneider betont. Der älteste Beruf der Welt sei von Idealismus geprägt. „Es ist eine tolle Möglichkeit eine werdende Familie zu begleiten“. Das alles sei nun aber nicht mehr leistbar. Die Eins-zu-Eins-Betreuung der Schwangeren sei kaum möglich. Nicht nur sie sieht ein System in Gefahr, um das viele die Deutschen beneiden würden. Sie sieht nun einen Trend, der in Richtung Geburtsfabriken gehe. Da gebe es dann kaum noch den persönlichen Kontakt.

Schneider würde jungen Frauen heutzutage nicht mehr raten, den Beruf Hebamme zu ergreifen. „Das war vor drei Jahren noch anders“. Doch sie hat noch die leise Hoffnung, dass sich etwas ändert, dass öffentlicher Druck etwas bewirkt. Am 5. Mai ist internationaler Hebammentag - dann wird es Protestaktionen geben.

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