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Dramatische Lage: 370 Hektar Fichtenwald ist tot

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Von: Susanne Fischer-Bolz

Am Sassenscheid in Nachrodt: Riesige Mengen Holz warten auf den Abtransport.
Am Sassenscheid in Nachrodt: Riesige Mengen Holz warten auf den Abtransport. © Fischer-Bolz, Susanne

Es sind erschreckende Zahlen und Fakten: 370 Hektar Fichtenbestände sind in Nachrodt abgestorben. Und auch Laubbäume erwischt es mehr und mehr.

Nachrodt-Wiblingwerde – Das sind alle Bestände der Forstbetriebsgemeinschaft, die zwischen 20 und 100 Jahre alt sind. Die Bäume mussten (und müssen noch) gefällt werden und werden nach und nach abgefahren.

Riesige Kahlflächen sind entstanden. Und: Borkenkäfer sind auch auf andere Nadelbaumarten, auf Kiefer und Lärche, übergesprungen. Buchen und Birken überlebten aufgrund der Trockenheit nicht. Der Wald ist ein anderer geworden.

Von der Situation berichtete Förster Christof Schäfer im Rahmen der Sitzung des Planungs-, Bau- und Umweltausschusses. Die UWG-Fraktion hatte um diese Informationen gebeten.

Eschentriebsterben, Rußrindenkrankheit und Co.

„Die Landschaft verändert sich dramatisch. Die massenhafte Borkenkäfer-Vermehrung und der Kahlschlag sind niemanden verborgen geblieben. Es geht aber ein bisschen unter, dass auch die Laubwälder ein Problem haben“, so Christof Schäfer. Buchen und Birken würden massiv unter der Trockenheit leiden, wie zum Beispiel im gemeindeeigenen Wald zwischen Mestekämper-Stadion und Tunnel.

Zusätzlich bereite das Eschentriebsterben und die Rußrindenkrankheit am Bergahorn Probleme, gerade mit Blick auf die Verkehrssicherung. „Wenn wir Fichtenbestände abgeerntet haben und die Laubbäume stehen an den Straßenrändern frei, dann reichen schon veränderte Windverhältnisse und Bäume stürzen auf die Straße“, so der Förster.

16.000 Festmeter Holz 2020 geerntet

Das Problem mit dem Borkenkäfer begann 2018 und stellt den Orkan Kyrill, der 2007 mit Windgeschwindigkeiten bis zu 225 km/h wütete, deutlich in den Schatten. „Bei Kyrill gab es einen Riesen-Knall und es lag eine Fläche von 150 Hektar am Boden. Damals konnte man damit kalkulieren. 2018 begann mit dem Sturmtief Friederike“, erinnert sich Christof Schäfer. Es gab wenig Sturmholz, aber weit verstreut. Eine Aufarbeitungsmenge von 4000 Festmetern kam zusammen.

Mit der folgenden, extrem trockenen Witterung hatte niemand gerechnet. „Das führte dazu, dass sich die Borkenkäfer massenweise vermehrten. Die Auswirkungen setzten sich 2019 fort“, so der Förster. 10 000 Festmeter mussten im ersten Jahr geerntet werden, 2020 waren es dann 16 000 Festmeter.

Sägewerke völlig überfordert

„Die Strategie, möglichst die kleinen Bestände, das Frischeholz rauszuholen, um möglichst viele Käfer zu vernichten, haben wir 2020 über Bord geworfen. Wir haben es so geändert, dass wir das Holz vor dem Verderb geerntet haben“, erklärt Christof Schäfer.

Beim Holzpreis gab es in den vergangenen Jahren eine Berg- und Talfahrt. 2018 wurden 50 Euro pro Festmeter gezahlt, 2020 waren es 30 Euro. „Da gehen die Erntekosten noch ‘runter“, so der Förster. Es blieb nichts übrig. Die heimischen Sägewerke waren mit den Holzmengen völlig überfordert. 2019 eröffnete sich die Möglichkeit, das Holz nach Asien zu exportieren.

Was bleibt, ist der Blick nach vorn – auf die großen Herausforderungen. Und dazu gehören auch die Wege, die aufgrund des Abtransportes der Bäume schwer gelitten haben. „Große Sorgen machen mir die zukünftigen Wegeverhältnisse. Wenn die Einnahmequellen für die Waldbesitzer komplett wegbrechen, ist natürlich auch die Bereitschaft gering, in die Wege zu investieren“, vermutet der Förster, der aber die Aufrechterhaltung der Infrastruktur enorm wichtig findet.

Aufforstung: Viele Waldbesitzer wollen es nicht

Beim Thema Aufforstung haben viele Waldbesitzer signalisiert, dass sie gar nichts mehr anpflanzen wollen, „was auch keine Lösung ist“, findet Christof Schäfer. Es gibt verschiedene Strategien und Aufforstungsempfehlungen, wobei überwiegend Laubholz vorgesehen ist. „Laubholz ist überaus empfindlich. Das ist nicht so einfach wie mit der Fichte, die man nur richtig herum in den Boden stecken muss.“ Er empfiehlt eine Nutzbaumart zu etablieren und ist selbst gespannt, wie die Wälder der Zukunft aussehen werden.

„Mit welchen Kosten muss der Waldbauer rechnen, um die Flächen wieder aufzuforsten?“, wollte Christian Pohlmann (SPD) wissen. Während man bei einer Fichtenkultur mit 2500 Bäumen pro Hektar, so erklärte Christof Schäfer, mit etwa 3000 Euro rechnen muss, „sind andere Baumarten vom Anschaffungspreis teuer“. Manuell würden die Pflanzen in den Boden gebracht. Die Kosten hätte man einigermaßen im Griff, wenn man beispielsweise einen 10x10-Meter-Verband Douglasie, 500 Pflanzen pro Hektar, mit einem Stückpreis von sieben Euro vorsehe und den Rest als Naturverjüngung plane.

Herbe Folgen für Tiere

Die Forstbetriebsgemeinschaft Nachrodt-Wiblingwerde hat eine Waldfläche von etwa 1400 Hektar, die 114 Waldbesitzern gehört. Die Gemeinde besitzt etwa zwölf Hektar Wald, in dem es großflächige Ausfälle nicht gibt.

„Es gibt auch in den Nachbarstädten kreative Ideen für die Wiederaufforstung. Kann man vielleicht mit Schulen auch etwas machen, um der nächsten Generation das Thema näherzubringen?“, regte Sonja Hammerschmidt (UWG) an. Die Planungen, so sagte Christof Schäfer, seien noch nicht konkret, aber man sei für gute Ideen offen.

Es gebe zum Beispiel auch die Anfrage eines Investors einer Baumarktkette, der in Aufforstung investieren wolle. Wie Jens-Philipp Olschewski (CDU) vermutet, haben die vielen Kahlflächen auch Auswirkungen auf die Tiere. Das Wild findet keine Deckung mehr.

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