Doppelgemeinde lebt über ihre Verhältnisse

Mit gut 300 Teilnehmern war die Einwohnerversammlung am Dienstagabend gut besucht. Es wurde deutlich: Die Menschen in Nachrodt-Wiblingwerde wollen nur ungern auf liebgewonnene Errungenschaften verzichten.

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Günter Tebbe, Berater der Gemeindeprüfungsanstalt, versuchte in der Einwohnerversammlung am Dienstagabend das Schreckgespenst vom Ausbluten der Gemeinde zu vertreiben: „Nachrodt-Wiblingwerde wird kein Trümmerhaufen. Das Allermeiste bleibt erhalten, so dass man sich hier noch wohlfühlen kann“, sagte er. Nur: So richtig glauben wollte ihm das kaum einer der gut 300 Anwesenden in der Lennehalle.

Die Gemeinde hatte die Einwohner zusammengetrommelt, um sie über die Sparmaßnahmen und Mehrbelastungen zu informieren, die im Zusammenhang mit der Konsolidierung des Gemeindehaushaltes zu erwarten sind. Wie schon dem Rat zeigte Tebbe auch den Einwohnern auf, wo Nachrodt-Wiblingwerdes Probleme liegen: Zu üppige Infrastruktur bei gleichzeitig zu geringen Einnahmen. Mit anderen Worten: Die Doppelgemeinde lebt über ihre Verhältnisse. „Es ist wie in jedem guten Haushalt: Die Einnahmen bestimmen über die Ausgaben“, veranschaulichte Tebbe die Situation und appellierte an die Einwohner, gemeinsam mit der Gemeinde zu Lösungen zu kommen. Ansonsten drohe die Einsetzung eines Beauftragten der Bezirksregierung, der dann anstelle von Rat und Verwaltung über die Gemeindefinanzen bestimme.

Die Einwohner hörten etwa eine halbe Stunde geduldig zu, dann machten sie ihren Befürchtungen und ihrem Ärger zwei Stunden lang Luft. Kinder und Jugendliche äußerten ihre Sorgen über die geplante Schließung des Jugendzentrums: „Wo sollen wir dann hin? Auf die Straße?“, lautete eine Frage. Ebenfalls ein bedenkenswerter Einwand: „Was wird aus dem Stöbertag und dem Ferienspaß, wenn das Jugendzentrum geschlossen wird?“ Außerdem biete das JZ nicht nur Spaß, sondern auch Hilfe bei Hausaufgaben und anderen Problemen.

Auch das Gartenhallenbad liegt ihnen ganz offensichtlich am Herzen: „Wenn das geschlossen wird, gammeln wir doch nur vor dem Fernsehen 'rum. Das will doch auch keiner“, gaben sie zu bedenken. Das Bad steht mit einem jährlichen Zuschussbedarf von rund 225 000 Euro ganz oben auf der Streichliste.

Einige Erwachsene suchten nach dem Sinn von Schulschließungen, nachdem erst vor kurzem (Grundschule Wiblingwerde) oder in Kürze (Sekundarschule) Geld in die Gebäude investiert worden sei. Andere unterbreiteten Vorschläge, wie beispielsweise durch eine Freiwilligenbörse die Unterhaltungskosten öffentlicher Anlagen gesenkt werden könnten. Eine drastische Reduzierung der Kinderspielplätze auf nur noch zwei Anlagen, die dann von ehrenamtlichen Paten in Schuss gehalten werden könnten, war ein weiterer Vorschlag.

Auch Möglichkeiten zur Steigerung von Einnahmen, beispielsweise durch Tourismusförderung, wurden diskutiert: Nachrodt-Wiblingwerde könne im Windschatten von Altena und Iserlohn mitsegeln und auf diese Weise ein gutes Stück vom Kuchen abbekommen.

Applaus gab es für die etwas populistische Forderung, die Ratsmitglieder könnten durch einen zumindest teilweisen Verzicht auf ihre Aufwandsentschädigung ein Signal setzen und zur Haushaltkonsolidierung beitragen. Ein eher geteiltes Echo fand die Forderung, über die Notwendigkeit von Obdachlosen- oder Asylbewerberheim nachzudenken.

Auf die Vorschläge und Einwände der Bürger hatten die Vertreter von Politik und Verwaltung überraschend wenige Antworten. Mehrfach verwies Bürgermeisterin Birgit Tupat darauf, dass die viel diskutierte Liste ja nur Vorschläge enthalte, über deren Umsetzung noch zu beraten sei. Das wird nun ab Montag, 11. Juni, in den Ausschüssen der Gemeinde passieren. Zuvor können sich aber auch die Bürger noch am Meinungsbildungsprozess beteiligen: Bei Edeka-Clever, in der Bäckerei Wallrabe und im Amtshaus liegen Fragebögen aus. Außerdem gibt es das Formular, in dem jeder seine Meinung zum Thema anonym mitteilen kann, zum Download auf der Internetseite der Gemeinde. Bis zum 9. Juni sollen die Fragebögen zurückgegeben werden. ▪ Volker Griese

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