Fördertöpfe: Natascha Handschak versucht, große Fische an Land zu ziehen

Der Kampf gegen Windmühlen

Von diesen Listen gibt es viele, um den Durchblick bei den Fördertöpfen zu behalten. Kämmerin Gabriele Balzukat, Bürgermeisterin Birgit Tupat und Verwaltungsfachwirtin Natascha Handschak (von links) erklären, warum viele Projekte nicht so schnell umgesetzt werden wie erhofft.
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Von diesen Listen gibt es viele, um den Durchblick bei den Fördertöpfen zu behalten. Kämmerin Gabriele Balzukat, Bürgermeisterin Birgit Tupat und Verwaltungsfachwirtin Natascha Handschak (von links) erklären, warum viele Projekte nicht so schnell umgesetzt werden wie erhofft.

Natascha Handschak ist bei der Gemeindeverwaltung diejenige, die für Nachrodt-Wiblingwerde schon den einen oder anderen großen Fisch an Land gezogen hat – wie die 2,3 Millionen Euro vom Land für die Sanierung des Gartenhallenbades. Doch die Förderprogramme, die für Nachrodt-Wiblingwerde so wichtig sind, stecken voller komplizierter Hürden. Wer sich darum kümmert, kämpft sich durch einen Dschungel der Anforderungen, der Bürokratie und der Fristen

Nachrodt-Wiblingwerde – „Manchmal hat man das Gefühl, gegen Windmühlen zu arbeiten“, sagt Natascha Handschak und ergänzt: „Man arbeitet und arbeitet und ist dann in der Warteschleife, ob man Gelder bekommt oder nicht.“ Dass man leer ausgeht, ist keine Seltenheit. Auch Bürgermeisterin Birgit Tupat rauft sich beim Thema „Förderungen“ die Haare: „Am einfachsten für alle Beteiligten wäre ein großer Topf und ein Verteilschlüssel. Dann würde es auch vorangehen.“

Alle wollen sie haben

Nach dem Gemeindefinanzierungsgesetz gibt es eine Investitionspauschale, eine Schulpauschale und Sportpauschale. Der Traum aller Kämmerer wäre, wenn diese Töpfe aufgestockt würden. In der Realität gibt es stattdessen die Fördertöpfe, die alle Städte und Gemeinden natürlich gerne abgreifen würden.
Beispiel Amtshaus. In Nachrodt-Wiblingwerde gibt es ein Gemeindeentwicklungskonzept, das zur Genehmigung bei der Bezirksregierung Arnsberg vorliegt. Auf Grundlage dieses Konzeptes können Städtebau-Fördermittel abgerufen werden. Anträge sind zur finanziellen Hilfe bei der Sanierung des Amtshauses und des Anbaus gestellt. Parallel dazu hat Natascha Handschak einen Antrag auf Denkmalfördermittel auf den Weg gebracht. Und wenn der Klimaschutzmanager eingestellt wird, kann man auch einen dritten Fördertopf „anzapfen“– für die energetische Sanierung und Fotovoltaik beispielsweise. „Aber dafür muss man nachweisen, wie sich die Maßnahmen auswirken. Welchen Wert erreiche ich mit einer neuen Heizung?“, erklärt Kämmerin Gabriele Balzukat.

Die „größte Freude“

So ganz nebenbei kann man keinen Überblick über alle Förderprogramme nebst komplexer Förderbedingungen bekommen – und so stellen viele Städte eigens Mitarbeiter nur dafür ein. Natascha Handschak kümmert sich besonders um den Baubereich, andere Dinge, die sich beispielsweise um Schulen drehen, sind bei den Fachämtern angesiedelt.

Die „größte Freude“ von Natascha Handschak ist der Sozialtrakt Lennehalle. Da gab es erst einmal gute Nachrichten: Der Neubau wird zu 90 Prozent vom Bund gefördert. 1.365.750 Euro fließen nach Nachrodt. Nur fließen sie nicht wirklich so einfach in die Gemeinde. „Wir mussten zunächst einmal einen Ratsbeschluss haben, damit wir einen offiziellen Förderbescheid bekommen. Und für diesen Förderbescheid müssen wir, weil es Bundesmittel sind, mit dem Projektträger Jülich ein Koordinierungsgespräch führen. Und da rennt Frau Handschak seit Ende letzten Jahres hinterher“, erzählt Birgit Tupat, die ihrerseits dann die heimischen Bundestagsabgeordneten eingeschaltet hat.

„Wir hängen in der Uhr“

Mitte /Ende April soll das Gespräch nun endlich stattfinden. Natascha Handschak hat allein dafür eine 20-seitige Powerpoint-Präsentation für den Sozialtrakt erstellt. Und da das Koordinierungsgespräch noch nicht stattgefunden hat, kann es beim Thema Sozialtrakt erst einmal nicht weitergehen. „Wir rutschen immer weiter ins Jahr und hängen in der Uhr“, so die Bürgermeisterin.

Die Bürokratie

Die Fördermittel hängen hoch am Baum. In der Krone sozusagen. „Wir rennen uns die Füße blutig und kommen an das Geld nicht ran“, sagt die Bürgermeisterin und ihre Kämmerin betont: „Auf der anderen Seite liest man immer wieder in der Zeitung, dass die Fördermittel nicht abgerufen werden. Und das scheitert genau an solchen Sachen.“

Die Bürokratie in Deutschland ist augenscheinlich das Hauptproblem. „Es geht um viel Geld, das wissen wir. Man muss Missbrauch vorbeugen. Aber die Hürden sind zu hoch“, findet Gabriele Balzukat.

Förderrichtlinien immer anders

Hinzu kommt die Unverständlichkeit. Allein bei der Städtebauförderung gab es bis zum letzten Jahr sechs Einzelprogramme und daneben noch Sonderprogramme. Und immer sind die Förderrichtlinien anders. „Man fängt immer wieder von vorne an“, sagt Natascha Handschak. Jeder Antrag sieht anders aus. „Und ist das gemeint, was ich verstehe?“

Die Anträge laufen immer erst über die Bezirksregierung als Vorentscheider. „Und die nehmen wirklich den Hörer in die Hand und sagen, wenn etwas am Antrag verändert werden muss“, ist die Kämmerin froh über den guten Draht. Überleben könnte die Gemeinde auch ohne Fördermittel, „aber die Infrastruktur hätte keine Chance, modernisiert zu werden“, sagt die Kämmerin.

„Die Bürgermeister kommen vor Lachen nicht in den Schlaf“

Viele Förderanträge sind auf den Weg gebracht – auch einer beim „Investitionspakt Sportstätten“ für die Sportumkleide der Turnhalle Holensiepen. Als zweites Eisen im Feuer ist die Umkleide auch in der Städtebauförderung, um darüber die Barrierefreiheit fördern zu lassen. Gibt es einen Zuschlag für ein Programm, wird das zweite zurückgezogen.

Sehr wenig könnte es beispielsweise für den Neubau des Gerätehauses der Feuerwehr geben – genau 250000 Euro. „Für ein ganzes Land 3,5 Millionen Euro aufzulegen, da kommen die Bürgermeister vor Lachen nicht in den Schlaf“, sagt Birgit Tupat.

Sieben Projekte

Förderzusagen für die Gemeinde Nachrodt-Wiblingwerde: 235800 Euro für den Schulhof der Sekundarschule (das Projekt ist abgeschlossen), 84000 Euro für die Haferkiste in Wiblingwerde; 11000 Euro für die E-Ladesäulen; 2,3 Millionen für die Sanierung des Gartenhallenbades; 1,4 Millionen Euro für den Sozialtrakt der Lennehalle, 42000 Euro für die Glasfaseranbindung Grundschule Nachrodt; 34000 Euro aus dem Sonderprogramm Erhaltungsinvestition der Straßen. „Glücksbringerin“ bei der Gemeindeverwaltung ist Natascha Handschak, die viele Listen angefertigt hat, um den Überblick über die Förderanträge nicht zu verlieren, Fristen einhalten zu können. „Es ist ein Auf und Ab: Von Hurra, da kann ich etwas erreichen, bis zu ‘Jetzt muss ich wieder so viel lesen’, ist alles dabei. Aber es ist auf jeden Fall eine Herausforderung“, sagt Natascha Handschak.

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