Er denkt mit Wehmut an seine DDR

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Heinz Liebold.-

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Die Frage, was denn die deutsche Einheit Gutes gebracht habe, beantwortet Heinz Liebold erst nach längerem Schweigen: „Der Bürger in Ostdeutschland kann nun frei reisen - bloß kann er es nicht finanzieren“. Und frei nach Lothar DeMazière ergänzt Liebold: „Die DDR war kein Unrechtsstaat, aber es gab Unrecht“. Liebold, nach der Wende immerhin für einige Jahre SPD-Unterbezirksgeschäftsführer Aue West-Erzgebirge, kam 1997 in den Westen.

Heute ist er Verkaufsleiter in dem kleinen Nachrodter Betrieb Lübold von der Crone, MBZ Obernahmer Ltd. Und verkauft medienwirksam diverse Sorten Signal- und Trillerpfeifen: An Schiedsrichter, an die Deutsche Bundesbahn oder auch an die Linkspartei und Protestler. Doch selbst in Afghanistan hört man deutsche Flötentöne. Hier werden die von der Cronschen Pfeifen bei der Polizeiausbildung eingesetzt.

Liebold ist eine politischer Mensch - durch und durch. Er ist in verschiedensten Bereichen tätig und sagt: „Ich bin Sozialist“.

Seine Biographie: Liebold stammt aus dem Erzgebirge, kommt aus einer sozialdemokratisch geprägten Familie. Man schaute nach Westen. „Wenn Herbert Wehner im Bundestag sprach - dann hörten auch wir Kinder zu“. Liebold machte Abitur, lernte aber Dachdecker bei der Baufirma des Onkels („Es gab viele kleine Selbstständige in der DDR“). Liebold war auch vier Jahre bei der NVA, studierte später Energetik (Kraftwerkstechnik) über den 2. Bildungsweg auf der „Arbeiter- und Bauernfakultät“. Als Schichtführer arbeitete er dann im Energiekombinat von „Karl-Marx-Stadt“. Politisch engagierte er sich gegen Ende der 80-er Jahre in der DDR. „Ich war aktiv in der Friedensbewegung der Kirche“. Dann kam die Wende, er wurde SPD-Unterbezirksgeschäftsführer, blieb das bis 1995. Liebold machte sich dann 1997 nach Westdeutschland. Privat lief nicht alles rund. Über etliche Jahre war er alleinerziehender Vater. Mit der Partei SPD brach er 1999. Wie viele andere trat er aus, als unter der Regierung Schröder/Fischer die Beteiligung am Kosovokrieg abgesegnet wurde.

Liebold engagierte sich im linken politischen Spektrum. Über die Bildungsgemeinschaft „Salz“ (Soziales, Arbeit, Leben, Zukunft) lernt Liebold jemanden kennen, der ihn mit seinem jetzigen Chef bekannt machte. „Die Chemie stimmte“. In Nachrodt schließlich zog man in einen Fabrikkomplex und etablierte als weiteres Standbein das Signal- und Trillerpfeifengeschäft. Man reaktivierte alte Kundenlisten und auch Liebold nutzte seine Kontakte. Im Herbst 2010 zeigt Liebold seine Überraschung über die Verkaufserfolge: „Dass das so gut einschlägt!?“ Er mischt nun ein wenig mit in der Welt des Kapitals und bleibt doch ganz links mit starker DDR-Duftnote. Er flucht über den Ausverkauf und die Vernichtung der hochwertigen DDR-Exportindustrie, ist überzeugt, dass bestimmte Kreise die DDR-Wirtschaft nach der Wende „absichtlich ruiniert“ haben, schimpft über skrupellose opportunistische Politiker. Und er wird ganz wehmütig, wenn er „an den Zusammenhalt der Menschen, an die Solidarität“ denkt. Fortschrittlich und beispielhaft sei die DDR gewesen bei der Gleichbehandlung von Mann und Frau in Wirtschaftsbetrieben. Und für das Bildungssystem hat er nur höchstes Lob übrig. Das sei nun alles dahin - das damalige Regime habe alles zugrunde gerichtet.

All das ist Geschichte: Leibold will bis zum Ruhestand weiter Pfeifen verkaufen. Und auch so hat er genug um die Ohren, leitet zum Beispiel die Regionalgruppe der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba Dortmund/östliches Ruhrgebiet/Sauerland. Auch mit der SPD ist er noch nicht fertig. Er sei nach wie vor bei der „Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten (!) in der SPD“ tätig. Seine neue politische Heimat hat er allerdings woanders.- Peter von der Beck

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