Corona-Krise

Gefahr der Ohnmacht: Familientherapeutin spricht über Folgen der Isolation

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Die Gefahr häuslicher Gewalt steigt in Zeiten sozialer Isolation, sagt die Familientherapeutin.

Nachrodt-Wiblingwerde – Familientherapeutin Hildegard Falterbaum spricht über Folgen sozialer Isolation durch das Coronavirus und häusliche Gewalt

Sitzen Sie gerade auf heißen Kohlen, weil Sie die Familien aufgrund der Kontaktsperre nicht besuchen können? 

Teilweise ja, denn es gibt Familien, die sich gerade in einer angespannten Situation befinden und die Gefahr von extremer Überforderung von Familienmitgliedern als auch gewalttätigen Übergriffen nahe liegend ist. 

Nicht zu vergessen die Familien, in denen bestimmte Bedürfnisse innerhalb der Familie nicht wahr- oder ernst genommen werden. Dies führt oft ebenfalls zu Verschärfungen innerhalb der Familien. 

Allerdings gibt es auch Familien, die ihre eigenen Ressourcen und Möglichkeiten finden, die emotional näher aneinanderrücken. Die Familien, in denen ich aufsuchend arbeite, haben Kontaktmöglichkeiten über das Jugendamt. 

Coronavirus im MK: Potenzial in Jugendämtern

Wobei ich auch zu bedenken gebe: Die meisten Jugendämter versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Hilfen so zu organisieren, dass Gefahren durch das Virus eingedämmt werden, Mitarbeiter geschützt werden, die Organisationseinheiten arbeitsfähig bleiben, ohne die Kindeswohlgefährdung zu vernachlässigen. 

Hier sehe ich auf alle Fälle großes Potenzial für „nach der Krise“, aber auch für mögliche Zuspitzungen in gefährdeten Familien. 

Die soziale Isolation: Wie lange kann man das aushalten? Wer schafft es und wer ist gefährdet, immer mehr Probleme zu bekommen?

 Interessant finde ich, wie es innerhalb kürzester Zeit gelungen ist, soziale Isolation über unterschiedliche Medien zu überwinden. Alle Formen der neuen Medien helfen in der Tat, auch den Kindern und älteren Menschen, in Kontakt treten zu können. 

Die Frage, wie lange man den Mangel an direktem Kontakt aushalten kann, hängt auch davon ab, wie viel man gewohnt ist und ob es überhaupt jemand in meinem Einzugsbereich gibt, mit dem ich Körperkontakt haben kann. Mit der bewussten Entscheidung für die Notwendigkeit gelingt dies sicher noch eine ganze Weile. 

Coronavirus im MK: Therapeutin rät: Nicht vor anderen zurückziehen

Gefährdet sind nach meiner Erkenntnis Personen, die sich eh immer mehr zurückziehen, die keine Kontakte von sich aus suchen, sich nicht in einer Gemeinschaft aufgehoben fühlen. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben die Menschen immer wieder gezeigt, dass sie große Herausforderungen überstehen können und anschließend zu einer (neuen) Normalität gelangen konnten. 

Gibt es Patentrezepte, wie Familien durch diese Zeit kommen? 

Jeder Einzelne und jede Familie kann – und wird – Strategien entwickeln, wie sie diese Zeit des physischen Kontaktverbotes gut überstehen können. Patentrezepte gibt es nicht. 

Familientherapeutin Hildegard Falterbaum.

Die Unterschiede in der Anzahl der Zusammenlebenden, der spezifischen Kommunikations- und Interaktionsmuster, die Wohnsituation, die existenziellen Situationen, wie finanzielle Sicherheiten, Krankheiten, Arbeitssituationen, die schon bestehenden Konfliktlösungsstrategien, die Entlastungsmöglichkeiten, Hobbys, Enttäuschungen, Ängste, Verlust, auch Umgang mit Freunden für alle Familienmitglieder, oder Kontaktverbot zu Eltern und Großeltern insbesondere bei Krankheiten oder nahem Tod, spielen eine große Rolle. 

Ich kenne Familien, in denen großer Wert auf Sport, Vereine, viele Außenkontakte gelegt wird, die nun sehr intensiv das Miteinander in der Familie leben können und müssen und dies auch als Beruhigung, Entspannung, Gewinn von Zusammensein, Gemeinschaft erleben können. Leider aber nicht in allen Familien. 

Strategien können sein, sich darauf einzustellen, dass auch diese Zeit vorbei geht? 

Ja. Den Zeitstrahl in überschaubare Abschnitte einteilen. Bis kommenden Montag gelten Kontaktverbot, Schul- und Kita-Schließungen, dann gibt es die ersten Lockerungen. Positiv denken, den Fokus, den Blick auf anderes lenken und das auch angehen, hilft. 

Viele tun dies, indem sie zum Beispiel ausmisten, Gesellschaftsspiele spielen, die Medien mehr für Kontakte nutzen. Gut ist, klare Strukturen im außergewöhnlichen Alltag zu entwickeln. Nicht nur in den Tag hineinleben, sondern sich Aufgaben und Situationen stellen. 

Macht es in diesem Zusammenhang eigentlich einen Unterschied, ob ich in Nachrodt-Wiblingwerde oder in einer Großstadt lebe?

Die Umgebung bietet sicher in Nachrodt-Wiblingwerde mehr Möglichkeiten, schneller im Grünen, im Wald zu sein und mit relativ wenigen Menschen zusammenzutreffen. Also relativ schnell Entlastung im häuslichen Alltag zu finden.

In Großstädten sind die Möglichkeiten deutlich eingeschränkter, wo viele Menschen Entspannung und Entlastung suchen. 

Allerdings sehe ich eine andere große Kluft zwischen den Familien: die in kleinen, engen Wohnungen leben und die in großzügig angelegten Wohnungen oder Häusern, teilweise mit Außenanlage. Sie haben erheblich mehr Rückzugs- und Auslaufmöglichkeiten. Diese Situationen gibt es sowohl in Großstädten, als auch in Nachrodt-Wiblingwerde. 

Thema häusliche Gewalt: Die Gefahr steigt täglich. Würden Sie dem zustimmen? Haben wir uns alle nicht im Griff? 

Ja! Häusliche Gewalt ist durch viele Faktoren beeinflusst. Werte, Beziehungen, Kommunikationsmuster, belastende Situationen, Entlastungsmöglichkeiten, Abhängigkeiten, Krankheiten, Süchte, Überforderungen sind wesentliche Faktoren, die häusliche Gewalt stark beeinflussen. 

Und ich möchte hier betonen, dass häusliche Gewalt sowohl zwischen Partnern, gegenüber Kindern, gegenüber Eltern, zwischen Geschwistern, aber auch gegenüber pflegebedürftigen Personen innerhalb der Familie stattfinden kann.

+++ Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im MK lesen Sie hier in unserem Ticker +++

Mit Stress umgehen, Belastungen minimieren, Entlastung suchen sind aus meiner Sicht notwendige erste Schritte, um häusliche Gewalt zu minimieren. Verzweiflung und Ohnmacht lösen häufig unkontrollierte Handlungsalternativen aus. 

Coronavirus im MK: Vernachlässigte Kinder nicht zu lange isolieren

Ein zweiter Bereich der häuslichen Gewalt ist die Vernachlässigung. Insbesondere vernachlässigte Kinder, die jetzt kaum direkte Außenkontakte haben, leiden nicht nur teilweise unter materieller Vernachlässigung und Unterversorgung mit Essen und neuen Medien, um Kontakt mit der Schule zu halten, sondern auch unter emotionaler Vernachlässigung durch die Eltern. 

Hier wäre es wichtig, dass Entlastungs- oder Ergänzungsangebote nicht längerfristig den Kindern versagt bleiben. Ich würde nicht so weit gehen, dass wir uns alle nicht im Griff haben. Aber es gibt schon Situationen, in denen jeder von uns Verhaltensweisen an sich selbst kennenlernen kann, die in extremen Situationen plötzlich vorhanden sind. Konstruktiv wie destruktiv. 

Wann fängt Gewalt an? Schon wenn ich mein Kind anschreie? 

Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Wenn ich ein Kind in Grund und Boden brülle, lasse ich meinen ganzen Frust an diesem Kind aus. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig, (§ 1631 Abs. 2 BGB) 

Ein Kind, das nicht einfach weglaufen kann, eine Du-Botschaft erhält, die es in Grund und Boden versucht zu stampfen, erlebt eine Demütigung durch den Erwachsenen, von dem er abhängig ist, bzw. der eine wichtige, eigentlich Halt gebende, stabilisierende Person sein sollte.

Gewalt gegen Kinder: Grundsituation entscheidend

Ein wesentlicher Unterschied für eine Gesamtbewertung liegt darin, ob es dem Erwachsenen leidtut, das Kind ungerecht behandelt zu haben und dies auch mit dem Kind kommuniziert, authentische Erklärungen gibt, warum dies gerade passiert ist. 

Oder ist diese Form der Kommunikation und Bewertung eine ständige Grundhaltung in der Beziehung zwischen Eltern und Kind? Gibt es eine respektvolle Grundhaltung oder nicht? 

Europarats-Generalsekretärin Pejcinovic Buric sagte, Berichte aus Mitgliedsländern der vergangenen Wochen zeigten, dass Kinder und Frauen derzeit in den eigenen vier Wänden einem höheren Missbrauchsrisiko ausgesetzt seien. Wird der Teufel an die Wand gemalt? 

Nein, das sehe ich nicht so. Zu bedenken ist tatsächlich, dass Kinder und Frauen in abhängigen Strukturen und traditionell überlieferten gesellschaftlichen Werten stärker als Prellbock, als Zielscheibe, als Objekt behandelt wurden und werden. 

Frauenhäuser sind auch in Deutschland meist überbelegt und wenig finanziell abgesichert. Aber auch hier gilt, je weniger Entlastungsmöglichkeiten, je weniger „Flucht“möglichkeiten vorhanden, je mehr Stressmaximierung innerhalb der Familien stattfindet, desto stärker treten die Gewalt verstärkenden Verhaltensweisen in gefährdeten Familien auf. 

Wer sich mit der Gewalt gegen Frauen und Kinder – nicht zu vergessen: auch Männer können Opfer häuslicher Gewalt sein und werden – auseinandersetzt, weiß, dass dies nicht nur ein „Teufel an der Wand“, sondern eine reale Dynamik innerhalb von Familien und Gesellschaften beschreibt. 

Coronavirus im MK: Auch Optimisten haben es schwer

Hier sind viele Projekte auf einem guten Weg. Wichtig ist immer wieder, dass in extremen Situationen die Betroffenen schnell und unbürokratisch Hilfe bekommen können. Menschen, die unter Depressionen leiden, kämpfen aktuell besonders. Die Anspannung dürfte kaum auszuhalten sein. 

Aber werden es jetzt immer mehr werden und auch sonst optimistische Menschen in den Sog des Kummers gezogen? 

Auch optimistische Menschen können in den Sog von Ängsten und Rückzug geraten, depressive Tendenzen erleben. Insbesondere wenn ihnen wichtige, haltgebende Strukturen oder Kontakte fehlen. Oft finden sie aber nach einer Zeit des Rückzugs und der Orientierungslosigkeit wieder einen Weg, sich den Veränderungen zu stellen, auch darüber zu reden, sich zu öffnen. 

Wichtig ist für alle Beteiligten, sich nicht nur mit Katastrophenszenarien zu beschäftigen, sondern mit dem, was aktuell möglich – und nötig – ist. 

Denken wir an das Paar Mitscherlich (Psychoanalytiker), das in einem Buch über die depressive Gesellschaft“ nach dem Zweiten Weltkrieg wunderbar beschrieben hat, was passiert, wenn eine ganze Gesellschaft ihre Krise nicht aufarbeitet. Heute haben wir die Chancen und das Wissen. 

Können Krisentelefone helfen? Oder gibt es andere Angebote, die man sehr schnell machen müsste? 

Krisentelefone für die unterschiedlichen Bereiche sind sehr wichtig. Erreichbarkeit und Fachkompetenz für das jeweilige Fachgebiet sind notwendig. In Krisen brauchen Menschen Halt und Orientierung. Denn sie sind im wahrsten Sinne des Wortes fassungslos. 

Spazieren gehen, Yoga, im Garten arbeiten: Das machen aktuell viele Menschen. Aber irgendwann ist man 100-mal den gleichen Weg gegangen, hat alle Pflanzen eingebuddelt. Was dann?

Kontakte pflegen, auch mal wieder Briefe oder Postkarten schreiben, kreative Gedanken entwickeln. Dazu ist übrigens Langeweile oder Chaos auch ein guter Übergang, um innezuhalten und einiges im eigenen Leben oder anderer zu überdenken: Was habe ich früher gerne gemacht? Was habe ich mir schon immer mal vorgenommen? Welches Buch wollte ich schon immer mal lesen? Was ist aus dem oder der geworden? Wie geht das? 

Neugierde auf Unbekanntes entdecken, Neues ausprobieren. Und wie helfen Sie sich selbst durch diese Zeit? Nachdem ich erst einmal realisiert hatte, was diese Krise für mich persönlich beruflich und privat bedeutet, habe ich die wichtigsten Dinge zunächst einmal geregelt. 

Mich mit wichtigen Menschen ausgetauscht, mich auch meinen Ängsten gestellt. Ich kann gut alleine sein und kenne keine Langeweile, das heißt aber nicht, dass mir die persönlichen Kontakte nicht fehlen. 

Ich telefoniere viel, schreibe viel und habe mich aufs Skypen eingelassen. Ausmisten, Bücher sowie Rundgänge auf den Höhen von Wiblingwerde verhindern, dass ich mich eingesperrt fühle. 

Da ich schon viele Krisen in meinem Leben überwunden habe, bin ich trotz allem sehr zuversichtlich. Ich möchte gerne mit meinem Lieblingsspruch enden: Ich wünsche uns die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können, den Mut, das zu ändern, was wir ändern können, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

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