Sicherheits-Koordinator warnt

Deutlich mehr Unfälle auf Baustellen - aus diesem Grund

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Hans Peter Drees ist Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator an der Großbaustelle Sekundarschule.

Nachrodt-Wiblingwerde – Der Sicherheits- und Gesundheitsschutz-Koordinator Hans Peter Drees hat die Großbaustelle Sekundarschule genau im Blick. Er stellt fest: Die Zahl der Unfälle auf Baustellen steigt.

Die beiden Gasflaschen müssten mindestens „angeleint“ sein. Und das große Brett, über das der Eingang erreicht werden kann, ist zwar nicht wackelig, gefällt Hans Peter Drees (70), Ingenieur aus Hemer, aber trotzdem nicht. 

Er ist Sicherheits- und Gesundheitsschutz-Koordinator (SiGeKo) für die Großbaustelle an der Sekundarschule. In Zeiten von Corona, so sagt er, hat sich die Anzahl der Unfälle auf Baustellen erheblich erhöht. 

Einen Sicherheits- und Gesundheitsschutz-Koordinator gibt es nicht erst seit Corona, oder? 

Hans Peter Drees: Nein, den gibt es schon lange. Das ist europäisches Gesetz. Ja genau. Die Baustellen sind hauptsächlich in Südwestfalen und im Ruhrgebiet, eine habe ich auch in Warstein, eine in Köln. 

Es sind immer Großbaustellen, auf denen viele Gewerke miteinander arbeiten? 

Drees: Nicht unbedingt. Sobald zwei Gewerke auf einer Baustelle sind, muss laut Gesetz ein SiGeKo bestellt werden. 

Sind in Ihrer Laufbahn schon schlimme Unfälle passiert? 

Drees: Gott sei Dank gab es in meinen 20 Jahren keine tödlichen Unfälle. 

Worauf achten Sie grundsätzlich auf den Baustellen? 

Drees: Die Gerüststellung ist wichtig, ordnungsgemäße Werkzeuge und Hilfsmittel, wie Leitern, sind wichtig. Die müssen intakt sein. Der Baumstromverteiler muss monatlich überprüft werden. Es gibt Gesetze, die eingehalten werden müssen. 

Die beiden Flaschen da vorne müssen gegen das Umfallen gesichert werden. Und natürlich ist auch der Gesundheitsschutz wichtig: Die Garten- und Tiefbauer müssen zum Beispiel eine Kopfbedeckung tragen, damit sie keinen Sonnenstich bekommen. Wie die Dachdecker. Und natürlich muss die Kleidung stimmen. 

Der Coca-Cola-Mann mit nacktem Oberkörper aus der Werbung ist also verboten? 

Drees: Das ist verboten. Ist das Durcheinander bei vielen Gewerken, die miteinander arbeiten, groß? Ich muss darauf achten, dass keine Gefährdungen stattfinden, die zwischen den Gewerken passieren können. 

Da schaue ich schon im Vorfeld und überlege, wie man das entzerren kann. Zum Beispiel übereinander auf dem Gerüst arbeiten geht natürlich nicht. Ich bespreche das mit dem Architekten. 

Gibt es Strafen, wenn Sie lauter Stolperfallen erkennen? 

Drees: Ich darf leider keine Strafen verhängen, sonst wäre ich reich (lacht), aber die Bezirksregierung und die Bau-Berufsgenossenschaft verhängen Strafen.

Ein Bauherr hat sich einmal gesträubt, einen SiGeKo zu beauftragen. Er musste hinterher 36 000 Euro Bußgeld bezahlen. 

Mit 70 Jahren haben Sie noch keine Lust auf den Ruhestand? 

Drees: Das Problem ist, dass ich nicht so einfach einen Nachfolger finde. Viele scheuen die Selbstständigkeit. Dabei ist mein Job nicht stressig, ich bin an keine Termine gebunden. Ich arbeite nicht körperlich und es macht mir Freude. 

Großbaustelle Sekundarschule: Das Umfeld ist kaum wiederzuerkennen.

Und wenn ich jemanden überzeugt habe, dann freut mich das. Wie viele Unfälle ich verhindert habe, weiß ich natürlich nicht. Aber es waren sicher eine ganze Menge. 

Aber wenn jemand vom Gerüst fällt, der selbst Gerüststangen abbaut, dann kann ich auch nichts dafür. Ich sage immer, dass das Gerüst nicht verändert werden darf. 

Hat sich Ihr Job durch Corona verändert, weil Sie auf andere Dinge achten müssen?

Drees: Eher auf zusätzliche. Und leider haben sich in Deutschland die Unfallzahlen seit der Corona-Pandemie erhöht, weil auf Baustellen viel mehr Augenmerk auf Corona gelegt wird und viel zu wenig auf die Arbeitssicherheit. 

Wie ein Unfall passiert, kann man nicht immer sofort genau sagen: Ob es eine Nachlässigkeit der Person war, die verunglückt ist, oder eine Nachlässigkeit des Unternehmers war, weil er nicht das richtige Handwerkszeug zur Verfügung gestellt hat. Das muss erst ermittelt werden, aber die Unfallzahlen sind auf jeden Fall gestiegen. 

Und ich muss natürlich auch darauf achten, dass Hygiene- und Abstandsregelungen eingehalten werden. 

Was schwierig ist, wenn zwei Männer ein Fenster tragen... 

Drees: Bei den Leuten, die zusammen arbeiten, können die Regelungen nicht eingehalten werden. Aber man kann Pausen beispielsweise entzerren. Wenn man nur eine Baubude hat, kann man das zeitlich entzerren. 

Die Dixi-Klos sind nicht Stand der Technik? 

Drees: Nein, weil man dort die Hygiene nicht einhalten kann. Die Toiletten sind täglich zu reinigen und man muss fließenden Wasser haben. 

Hier geht es zum Corona-Newsticker im Märkischen Kreis.

Mundschutz kann man nicht erwarten? 

Drees: Nein, obwohl hier einige Mundschutz tragen. 

Und mit Schlappen darf niemand aufs Dach...

Drees: Nein, aber das gibt es tatsächlich auch. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Über die Kuriositäten könnte ich ein Buch schreiben. 

Was tun Sie, wenn Sie Arbeiter ohne Helme sehen? 

Drees: Dann spreche ich mit den Leuten und schicke dem Architekten oder dem Bauleiter einen Bericht. 

Sind die Leute einsichtig? 

Drees: Es gibt solche und solche. Einige sind froh, dass es mich gibt. Viele sagen: ,Schick das an unseren Chef, der bekommt dann offene Augen für die Probleme’, 

andere lehnen mich ab und sagen: ,Du bist über hier. Wenn wir die Maßnahmen alle einhalten sollten, dann könnten wir nicht mehr bauen.’ Das ist alles dummes Geschwätz. Man kann sehr wohl sicher bauen und auch sicher arbeiten. 

Hat sich die Mentalität sehr geändert? 

Drees: Auf jeden Fall. Heute wird wesentlich mehr als früher auf die Sicherheit geachtet. In den 20 Jahren, in denen es den SiGeKo gibt, haben sich die Unfallzahlen halbiert. Das sagt eine Menge aus. 

Warum es jetzt durch Corona hochgeht, versteht man nicht. Noch wissen wir nicht, woran es liegt. 

Wie oft kommen Sie zur Sekundarschule? 

Drees: Alle 14 Tage und wenn etwas Besonderes stattfindet, komme ich zwischendurch. 

Und wer bezahlt Sie? 

Drees: Der Bauherr, in diesem Fall die Gemeinde.

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