Trauer in der Corona-Krise: Bestatter findet Weg, damit Angehörige Abschied nehmen können 

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Urnen-Bestattungen nehmen zu.

Nachrodt-Wiblingwerde – Trauernde trifft die Corona-Pandemie sehr hart: Sie können nicht persönlich Abschied nehmen vom Toten. Bestatter Kruse hat einen Weg gefunden.

Der Tod eines geliebten Menschen ist immer tragisch. Doch was die Angehörigen in Corona-Zeiten durchmachen müssen, ist für viele kaum zu ertragen. 

Erst war es nur ein ganz kleiner Kreis, der zur Beerdigung durfte. Jetzt wurde dies zwar gelockert, doch eines bleibt eine scheinbar eine unüberwindbare Hürde: die nicht mögliche Verabschiedung nach einem Todesfall im Klinikum. 

„Das ist für die Angehörigen besonders schlimm. Nur wir kommen in die Pathologie, um die Verstorbenen abzuholen“, sagt Helmut Kruse. Dabei spielt die Todesursache keine Rolle. Einen Corona-Fall hatte Helmut Kruse bislang nicht. 

Coronavirus in Nachrodt: Tote in Leichenhalle in Einsal

Um das Leid der Angehörigen zu lindern, geht der Bestatter neue Wege. „Wir bringen die Verstorbenen in die Leichenhalle nach Einsal. Dort haben die Angehörigen dann die Möglichkeit, Abschied zu nehmen.“ Das wird gerne angenommen. 

„Es ist eine Wohltat, den Menschen noch einmal in seinen Lieblingssachen gesehen zu haben“, sagt Helmut Kruse. Beerdigungen werden nicht allerorts ähnlich gehandhabt: „Wir hatten vergangene Woche in Wiblingwerde eine Beerdigung. Da war die Begrenzung bei acht Personen. Jetzt sind dort bis zu 27 Personen möglich“, erzählt der Bestatter. 

Führen gemeinsam das Bestattungsunternehmen: Helmut und Andrea Kruse.

Für die katholische Gemeinde gilt: 22 Personen dürfen nun in die St.-Michaels-Kapelle mit Abstandsregelungen. Familienangehörige dürfen zusammensitzen. Für die evangelische Kirche in Nachrodt heißt es: Maximal 27 Personen können an den Trauerfeiern teilnehmen. Beerdigungen wurden bislang direkt am Grab gehalten. Maximal 15 Personen dürfen dabei sein. 

Coronavirus in Nachrodt: Ganz Wiblingwerde nimmt Abscheid

15 Personen – selbst das ist ein kleiner Kreis. „Wenn in Wiblingwerde jemand verstirbt, ist das ganze Dorf auf den Beinen. Ich bin immer begeistert davon“, sagt Helmut Kruse. Doch im Moment ist alles anders. „Letzte Woche waren zwar wenige in der Kirche. Doch als ich die Kirchentür öffnete, um die Urne zum Grab zu tragen, standen da mindestens 30 Leute. Mit Abstand.“

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 Es ist nicht gestattet, in den Kirchen zu singen. „Ich darf jetzt den Leuten Musik anbieten“, sagt Helmut Kruse, der sich eine professionelle Anlage angeschafft hat. Und so erklingt auch „Was kann mir schon geschehen? Glaub mir, ich liebe das Leben“ – ein Schlager zum Abschied. Ein Lied von Vicky Leandros während der Trauerfeier. 

Individuelle Musik gab es zwar schon früher, aber eher selten. Das wird sich aber, so glaubt der Bestatter, nach Corona durchsetzen. Und so ließ Helmut Kruse auch schon Musik von Queen, „I want to be free“, erklingen oder „Amoi seg ma uns wieder“ von Andreas Gabalier. 

Coronavirus in Nachrodt: Leichenschmaus fehlt

Eine große Belastung sind die nicht erlaubten Kaffee-Runden. Der Leichenschmaus dient dazu, den Angehörigen zu zeigen, dass nach der Trauer das Leben weitergeht und dass die Hinterbliebenen in der Trauerphase nicht allein sind. Das fällt komplett weg. 

Vor ein paar Tagen hat das Bestattungsunternehmen Kruse sein 85-jähriges Bestehen gefeiert. Helmut Kruses Opa hat 1935 das Unternehmen gegründet. Sein Vater baute 1954 an der Ehrenmalstraße, 1995 übernahm Helmut Kruse. Von seinen drei Kindern unterstützt Matthias seine Eltern. In all den Jahren hat sich das Bestattungswesen sehr verändert. 

Heute bietet Helmut Kruse einen Rundum-Dienst mit allem, was zur Beerdigung gehört. „Sinn ist es, den Menschen so viel wie möglich abzunehmen und sie so zu entlasten. Und das möchten die Angehörigen auch“, weiß Helmut Kruse und ergänzt: „Das Einzige, was wir nicht machen und nicht können, ist die Berechnung der Witwer-/Witwenrente. Dafür machen wir den Leuten beim Amt einen Termin.“

Coronavirus in Nachrodt: Kontakt per Whatsapp

In Corona-Zeiten läuft vieles online. Während der Bestatter normalerweise den Sterbefall persönlich beim Standesamt meldet, werden Totenschein und Urkunden eingescannt und geschickt. Die neuen Medien nutzen auch die Angehörigen. „Mit vielen Angehörigen habe ich per WhatsApp Kontakt, um Dinge abzusprechen“, sagt Helmut Kruse, offen für alles Neue. „Wenn man das nicht macht, bleibt man auf der Strecke“, ist sich Andrea Kruse sicher. 

Dass es immer weniger Erdbestattungen gibt, ist übrigens nicht der Corona-Pandemie geschuldet. Es sind die Kosten, die durchaus ein wichtiges Thema sind, und auch die Pflege des Grabes. „Die älteren Leute möchten das ihren Kindern nicht mehr zumuten“, so Helmut Kruse. 

Immer mehr im Kommen sind wahrscheinlich aus ähnlichen Gründen die Bestattungs-Vorsorgen – allein 60 sind in den Ordnern von Helmut Kruse. „Das machen auch viele junge Leute.“ Die Beerdigungskosten werden auf ein Treuhandkonto beim Bestatterverband eingezahlt. 

Das Geld ist nur für die spätere Bestattung und unantastbar. „Es gibt so auch keine Streitigkeiten in der Familie“, sieht Andrea Kruse Vorteile. Noch nicht in Nachrodt-Wiblingwerde angekommen ist der QR-Code als Grabmal-Inschrift. 

Die Digitalisierung hat in vielen Städten mittlerweile die letzte Ruhestätte erreicht. Immer mehr Grabsteinen sind mit QR-Codes versehen. Mit der Handykamera gescannt, verweisen diese Codes auf eine Internetseite mit Bildern, Videos und der Lebensgeschichte des Verstorbenen. „Ich finde das nicht schlecht“, sagt Helmut Kruse.

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