Lernen zuhause: So funktioniert's zusammen am Küchentisch

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Lernen am Küchentisch: Nicht immer einfach für Hanna und Philipp.

Da sitzen sie nun allerorts. An den Küchentischen. An den Schreibtischen in ihren Zimmern. Und versuchen, den Stoff, den sie sich jetzt allein zu Hause erarbeiten sollen, in den Kopf zu kriegen. Hilfe gibt es meistens von Mama oder Papa, die aber, je nach Schuljahr, auch mal an ihre Grenzen stoßen. 

Nachrodt-Wiblingwerde –Die erste Freude über die schulfreie Zeit hat sich in der zweiten Woche schon etwas gelegt. Der Frust ist ziemlich nah. Ein Gespräch mit Hanna und Philipp. Philipp ist Gesamtschüler und besucht die sechste Klasse. Hannah ist Realschülerin, steht ein Jahr vor ihrem Abschluss und ist in der neunten Klasse. 

„Geil schulfrei“, war Hannas erster Gedanke, als die Schulschließungen beschlossen wurden. Die erste Woche haben die Geschwister einfach mal fast nichts gemacht. „Wir hatten keinen E-Mail-Verteiler. Da habe ich mich erst einmal gekümmert und alle angeschrieben“, erzählt Hanna. Am Mittwoch kamen die ersten Aufgaben für Mathe. „Dann haben wir ein Schulportal bekommen, um das sich ein Vater eines Siebtklässlers gekümmert hat. Jede Klasse hat einen Ordner für jedes Fach und einen Zugangscode und Passwort“, so die 15-Jährige. 

Liegestütze will niemand machen

Jetzt gibt es also für jedes Fach Aufgaben. „Oder auch nicht“, sagt Hanna lachend. In Erdkunde ist bis jetzt nichts eingetrudelt. Dass die Sportlehrerin Aufgaben schickte, hat für größere Diskussionen bei den Schülern gesorgt. „Wir sollen nach den Corona-Vorschriften joggen gehen. Alleine am besten. Und dann sollen wir noch Liegestütze machen. Alle haben gesagt, dass sie das sowieso nicht machen.“ 

Sportlichen Spiele würden Hanna besser gefallen. In Mathe ist die Lage durchaus schwierig. „Da gibt es ein neues Thema zum Erarbeiten“, sagt Hanna. In Klasse neun kommt ihre Mutter an ihre Grenzen. „Bei mir kommt es aufs Thema an. Geometrie ist leichter, lineare Funktionen konnte ich nicht“, gibt Ricarda Hecht zu. 

Doch die Lehrer haben Mathe-Videos verlinkt. „Youtube-Videos, die wir uns angucken können. Das finde ich gut. Aber wir können die Lehrer auch anschreiben oder anrufen. Sie haben Sprechstunden in der Schule.“ Skype- oder WhatsApp-Konferenzen gibt es aktuell noch nicht. 

Eltern sehr gefordert

Die Eltern sind extrem gefragt. Zusätzlicher Stress. Denn das zweite Halbjahr soll nicht verloren gehen. „Sie müssen schon was lernen“, sagt Ricarda Hecht. Nächstes Jahr steht für Hanna der Abschluss an. Das macht ihr Kummer. „Ich habe Sorge um die Sachen, die ich dann nicht kann, wenn es in die Zentralprüfungen geht. Dass man gar keinen Unterricht mehr hat, ist schon ein komisches Gefühl. Man hat Angst, dass man es nicht schafft.“ 

Eine klare Zeitstruktur fürs Lernen haben Hanna und Philipp noch nicht. Sie haben erst einmal alles Wichtige abgearbeitet. Überwältigt von der Masse der Aufgaben fühlen sich die jungen Leute nicht. 

Kabbeleien am Küchentisch

Philipp bekommt seine Aufgaben per Mail. Mathe mag er auch nicht. „Wir machen gerade Bruchrechnung“, erzählt der Zwölfjährige und verdreht die Augen. Die Mutter unterstützt ihn. „Mama muss uns in den Hintern treten, weil wir nicht so motiviert sind“, gibt Hanna zu. 

Dass sie mit ihrem Bruder zeitgleich am Küchentisch lernt, findet sie nicht optimal. Philipp auch nicht. „Dann fängt Hanna einfach an zu singen.“ Die Geschwister stören sich gegenseitig. „Sie reagieren zu viel aufeinander. Das bringt schon Spannung“, sagt ihre Mutter. 

Philipps Lieblingssituation wäre Lernen in seinem Zimmer. „Wenn es aufgeräumt wäre“, erzählt er und lacht. „Und es müsste mal gestrichen werden.“ Philipps Lieblingsfach ist Sport, gefolgt von Englisch. 

Der Zwölfjährige macht sich keine Sorgen um sein Zeugnis. „Wir schreiben immer Basisqualifikationstests. Im zweiten Halbjahr gibt es unangekündigte Arbeiten in Mathe, Deutsch, Englisch und Gesellschaftslehre. Und da geht es um den ganzen Stoff, den man gemacht hat, auch aus den Jahren davor. Eigentlich finde ich es gut. Aber es ist auch ziemlich viel“, findet Philipp. 

Soziale Kontakte haben die Kinder derzeit nicht. Sie wissen um den Ernst der Lage. Doch Philipp vermisst seinen Freund. „Wir schreiben aber per WhatsApp.“ Jetzt spielt er manchmal Fußball mit Finn von nebenan. Feste Termine in der Woche, die jetzt ausfallen, hat Philipp nicht. 

Klavierstunde per Video

Hanna schon. Sie geht donnerstags seit sieben Jahren zum Klavierunterricht. „Meine Klavierlehrerin ruft jetzt über WhatsApp-Video an. Sie hat einen Ständer für ihr Handy gebaut, sodass wir ihre Hände sehen und die Tastatur. Sie spielt mir immer vor und ich spiele nach. So können wir die halbe Stunde Unterricht machen“, sagt Hanna und findet das total gut. 

Klavierstunde per WhatsApp-Video: Für Hanna funktioniert's.

„Ich hätte nicht gedacht, dass das funktioniert. Es hört sich über WhatsApp etwas schräbbelig an, aber meine Lehrerin hat so ein gutes Gehör, dass das irgendwie geht.“ Musik macht Glücksgefühle. Etwas, was gerade in schwierigen Zeiten helfen kann. 

Hanna fällt es im Moment noch nicht so schwer, ihre Freunde nicht zu sehen. Aber dass sie nicht zum Pferd darf, ist eine mittlere Katastrophe für sie. Sie hat eine Reitbeteiligung. Amy ist ein Haflinger und 15 Jahre alt. Normalerweise geht Hanna zwei Mal in der Woche zum Stall, reitet Amy, macht Futter. „Alles drum und dran.“ 

Sorge um Familie

Alle Neuigkeiten zum Coronavirus hören Philipp und Hanna von ihren Eltern. Sie gucken aber auch Nachrichten und lesen Zeitung. „Wenn man die Bilder aus Italien sieht, die Särge, die übereinandergestapelt werden, dann ist das zu viel für mich. Wir haben auch Familie in Italien. Und wir haben Angst um sie“, sagt Hanna. 

Philipp sorgt sich auch um seine Omas, die kommen normalerweise ein Mal pro Woche zu Besuch. Das ist jetzt abgesagt. Jetzt wird stattdessen viel telefoniert.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im MK finden Siein unserem Ticker.

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