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Corona-Impfungen: Hausärzte unter massivem Druck

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Von: Ines Engelmann, Susanne Fischer-Bolz

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Impfaktion mit Hausarzt Matthias Hartig im Pertheshaus.
Die Booster-Impfungen, wie hier im Pertheshaus in Nachrodt, fordern Hausarzt Matthias Hartig und seine Kollegen. Im Seniorenheim lief es super, in ihren Praxen müssen sie oft mit Patienten diskutieren.  © Susanne Fischer-Bolz

Die Pandemie ist weiterhin im vollem Gange. Umso wichtiger ist die Impf-Kampagne, die auch auf den Schultern von Hausärzten in Altena und Nachrodt lastet.

Altena/Nachrodt – Ran an die Nadel: Apotheker, Zahnärzte, Pflegekräfte und vielleicht sogar Tierärzte sollen in die Impfkampagne einbezogen werden. Wer Hunde gegen Parvovirose, Staupe oder Leptospirose impfen kann, wird auch ohne Probleme den Zweibeinern in den Oberarm spritzen können.

Doch so wirklich begeistert ist der Nachrodter Hausarzt Matthias Hartig nicht von der Idee, die Lizenz zum Impfen an zu viele zu verteilen. „Wenn etwas passiert, ist kein Arzt in der Nähe“, gibt Matthias Hartig zu bedenken und denkt dabei an einen Aufschrei von Betroffenen, wenn es denn zu Problemen kommen würde. Er glaubt durchaus, dass das Impfen auch andere können, aber aus medizinischer Sicht hält er es nicht für sinnvoll. Matthias Hartig nimmt den Satz „wir Hausärzte schaffen das“ nicht in den Mund, sagt aber: „In Nachrodt laufen wir parallel mit der Zeit. Der Sechs- Monate-Abstand zur Booster-Impfung wird eingehalten.“ Und mit dem Einsatz des Impfbusses komme ein weiteres Angebot in der Doppelgemeinde hinzu.

Hausärzte unter massivem Druck: Matthias Hartig äußert sich zur Booster-Impfung

Kummer gibt es in der Praxis aber dennoch. Viele Menschen wollen sich vor Ablauf der sechs Monate erneut impfen lassen – was Matthias Hartig sehr kritisch sieht. „Es sieht so aus, als ob dann die Nebenwirkungsrate steigt“, so der Hausarzt und rät deshalb vom frühen Boostern ab.

Doch einige Patienten reagieren ungehalten, „werden unverschämt zu den Angestellten. Sie werden beschimpft und hätten angeblich keine Lust zu arbeiten“, ist Matthias Hartig entsetzt. Das Gegenteil sei der Fall. Das Team arbeite bis zur Erschöpfung.

Impfstoff ist in Nachrodt übrigens nicht knapp. „Nur einmal gab es letzte Woche eine Stornierung, da mussten wir die Termine absagen.“ Im Moment kommt mehr Biontech – was übrigens die meisten wollen – als Moderna. Wenn nicht der gewünschte Impfstoff da ist, gibt es ebenfalls Diskussionen. Es ist die Verunsicherung der Menschen, die vor Ort auf die Praxen trifft.

Hausärzte unter massivem Druck: Dr. Joachim Matuszewski hofft auf Unterstützung

Noch keine handfeste Erkenntnis gibt es, ob der Impfschutz gegen die besorgniserregende Virusvariante Omikron schützt. Daran wird derzeit noch fieberhaft geforscht. „Wir müssen noch ein paar Tage abwarten“, so Matthias Hartig.

Dass künftig Apotheker, Zahnärzte und Pflegekräfte auch die Corona-Impfung verabreichen sollen, sieht Dr. Joachim Matuszewski – anders als sein Kollege aus Nachrodt – nicht kritisch. Im Gegenteil: „Ich finde es vollkommen ok. Wer impfwillig ist, sollte auch geimpft werden. Umso schneller wir dabei sind, umso schneller wird es uns auch wieder besser gehen“, sagt der Altenaer Allgemeinmediziner. Denn auch er spürt den Wunsch der Menschen nach einer schnellen Impfung. In seine Praxis kämen vor allem diejenigen, die eine Booster-Impfung bräuchten. Joachim Matuszewski: „Der Andrang ist enorm und durchaus anstrengend für uns.“

Hausärzte unter massivem Druck: Überzeugungsarbeit und Corona-Stress

Besonders anstrengend seien nicht die Impfungen selbst, sondern die Menschen, die sich auf einen bestimmten Impfstoff festgelegten. „Viele wollen nur Biontech haben. Das hat sich seit der Astrazeneca-Geschichte bei vielen eingebrannt. Moderna wird in die Zweitklassigkeit abgedrängt.“

Politische Aussagen, wie die von Gesundheitsminister Jens Spahn, dass der Moderna-Impfstoff bald ablaufe und die Lager geleert werden müssten, seien nicht hilfreich, meint Dr. Joachim Matuszewski. Deshalb müssten er und sein Team oft Überzeugungsarbeit leisten. Dies gelinge in den meisten Fällen, „aber eben nicht immer“. Diejenigen, die über 30 Jahre alt sind und keinen Moderna-Impfstoff verabreicht bekommen wollen, müssten die Praxis ohne Pieks verlassen.

Eine weitere Herausforderung sind in Altena diejenigen Patienten, die auf einen zeitnahen Impftermin bestehen. „Es kommt gar nicht so selten vor, dass wir da diskutieren müssen. Aber wir können auch nur den Impfstoff verimpfen, den wir haben“, gibt Joachim Matuszewski zu bedenken. In der Praxis werden im Durchschnitt rund 200 Corona-Impfungen pro Woche durchgeführt. Meistens erhalte der Allgemeinmediziner die bestellte Menge Impfstoff, lediglich von Biontech komme manchmal zu wenig an. Doch bei all dem Corona-Stress sieht Joachim Matuszewski auch ein Licht am Ende des Tunnels: „Die Impfungen müssen ja gemacht werden und es ist auch nicht für immer.“

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