Corona-Impfung: Senior schreibt Wunschbrief an den Landrat

Das Ehepaar Sigrun und Stephan Schnietz  aus Nachrodt
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Das Ehepaar Sigrun und Stephan Schnietz aus Nachrodt.

Ein Hilferuf. Ein Appell. Eine Lebengeschichte. Den sendet Stephan Schnietz (81) an den Landrat im MK. Es geht um die Corona-Impfung. Vieles kann der Nachrodter nicht nachvollziehen. Und er hat eine große Bitte.

Nachrodt-Wiblingwerde – Auf drei DIN A4-Seiten hat sich Stephan Schnietz seinen Kummer von der Seele geschrieben und dem Landrat Post geschickt. Thema: Corona-Schutzimpfung. Für den 81-Jährigen ist es nicht das Hauptproblem, zum Impfzentrum nach Lüdenscheid zu kommen, obwohl das schon schwierig genug ist. Er rüttelt am großen Ganzen.

„Es ist sicherlich erfreulich, wenn heute Menschen ein hohes Lebensalter erreichen. Wir müssen uns aber auch fragen: unter welchen Bedingungen? Viele von ihnen sind krank, auch sehr krank, wie ich. Die meisten hochbetagten und kranken Menschen werden in den Familien und nicht in den Einrichtungen der Altenpflege liebevoll gepflegt. Unsere Gesellschaft hätte die Möglichkeit gehabt, einmal den tausenden Familien zu danken, die täglich den Dienst an kranken Menschen erbringen. Aber diese Leitungsträger unserer Gesellschaft sind nicht im Blick der Gesellschaftspolitik und schon gar nicht der Gesundheitspolitik.“

Impfstrategie: Kritik am Start in Heimen

Statt mit den Impfungen in Pflegeeinrichtungen zu starten und sodann alte Menschen ab 80 Jahren mit der Organisation eines Impftermins allein zu lassen, hätte man, findet Stephan Schnietz, allgemein bei den alten und kranken Menschen beginnen müssen.

„Für die Vorrangigkeit der Alten- und Pflegeeinrichtungen gibt es nur einen Grund: nämlich die kasernierte Gemeinschaftsunterkunft“, sagt der Nachrodt-Wiblingwerder, der viele Jahre als Christdemokrat in der Kommunalpolitik mitgewirkt hat und 15 Jahre Vorsitzender der Verbandsversammlung der VHS-Lennetal war.

Corona-Impfstrategie: Flexibilität gefragt

Ihn hat es gesundheitlich schwer erwischt: Stephan Schnietz ist zu 100 Prozent schwerbehindert, leidet unter Herzrhythmusstörungen, Morbus Parkinson, Morbus Bechterew, chronischer Bronchitis, offenen Beinen und einiges mehr. „Ich trage bis zum Lebensende Druckverband und hatte jetzt die zehnte Wundrose in den Beinen“, erzählt er und wirkt trotz alldem nicht verbittert. „Ich kann damit umgehen, da ich diese Erkrankungen angenommen habe.“ Von Herzen wünscht er sich für sich und für all die anderen in seiner Situation etwas mehr Flexibilität bei der Impfstrategie.

Ein weiteres Problem geht ihm nahe: Seine Frau Sigrun wird jetzt nämlich nicht geimpft, sie wird erst am 18. Juni 80 Jahre alt. Sie ist es, die in erster Linie ihren Mann pflegt. „Ich bin darauf angewiesen, dass sie mich fährt und die meisten Dinge für mich erledigt“, erzählt Stephan Schnietz und ergänzt: „Es ist keinem vernünftig denkenden Menschen verständlich zu machen, dass meine Frau und ich nicht zusammen jetzt in der Gruppe 80 plus geimpft werden können.“ Eine dringende Bitte für mehr Flexibilität im Tun schickt er deshalb an Landrat Marco Voge (CDU).

Keine Lösung für die Ehefrau

„Ich bin gespannt, ob ich eine Antwort bekomme“, sagt Stephan Schnietz. Bis jetzt ist das nicht der Fall. Neun Tage sind verstrichen. Aber er wird, so die Auskunft der Pressestelle des Märkischen Kreises, eine Antwort bekommen. Allerdings wird sie ihn nicht erfreuen. Flexibilität ist nämlich nicht vorgesehen.

Auf Anfrage sagt Kreissprecherin Ursula Erklkens: „Die Grundsätze der Impfreihenfolge wurden durch die Impfverordnung geregelt. Der Märkische Kreis trifft hier keine Ausnahmeentscheidungen. Es ist einfach im Moment noch etwas Geduld gefragt. Es können nun einmal nicht alle gleichzeitig als Erstes geimpft werden. Für die Beschaffung des Impfstoffs ist der Bund verantwortlich. Er bestimmt auch die Vorgaben zur Impfstrategie.“

Inzwischen hat sich der Schwiegersohn um einen Impftermin für Stephan Schnietz gekümmert. Am 10. Februar soll die erste Impfung, am 7. März die zweite stattfinden. Für seine Frau gibt es bis jetzt keine Lösung. Alle Infos und aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im MK finden Sie in unserem News-Blog. 

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