"Der Hauptfeind ist der Wanderfalke“

Brieftauben: Der Spion startet heute nur noch zu Preisflügen

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Eine schöner als die andere: die Brieftauben von Martin Blach.

Nachrodt-Wiblingwerde - Früher waren sie fliegende Spione: Brieftauben, mit einem Fotoapparat inklusive Selbstauslöser am Körper, wurden im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Als Luftaufklärer. Auch für zivile Zwecke leisteten sie Pionierarbeit. 

Paul Julius Reuter gründete 1850 seine Nachrichtenagentur mit Brieftauben, die zwischen Aachen und Brüssel hin- und herflogen.

Und heute? Nehmen sie fast unbemerkt noch an Preisflügen teil. Wie die wunderschönen Brieftauben von Martin Blach. Wer sie an der Ehrenmalstraße im Anflug sieht, wie sie auf Zuruf im Schlag verschwinden und sich gurrend über das Futter hermachen, versteht die Liebe zu den Tieren sofort.

Am kommenden Samstag nehmen 33 Jungtrauben an ihrem ersten Preisflug teil. Und sie trainieren fleißig. Ohne Aufforderung. Es ist wie beim Fußball: Wer spielt, will auch gewinnen. Und so gibt es Pokale über Pokale im Keller von Martin Blach.

Seine Tauben haben schon viele Preise erflogen. 2015 konnte Martin Blach sogar ein wahres Sensationsergebnis erzielen. Die ersten 18 Brieftauben von insgesamt 461 Tauben von 15 Züchtern, die 87 Kilometer von Kombach zurückgelegt hatten, landeten als Sieger im Heimatschlag in Nachrodt. 

"Das hat es noch nie gegeben"

Um 12.20 Uhr aufgelassen, war die erste um 13.27 Uhr daheim. „Wir existieren als Reisevereinigung Lennetal/Letmathe mehr als 80 Jahre, aber das hat es noch nie gegeben“, erzählt Martin Blach. Das Motto ist ganz einfach: Wer am schnellsten ist, hat gewonnen. „Aber man freut sich in erster Linie, wenn alle nach Hause kommen.“ 

Die Brieftauben sind mit Ringen ausgestattet– zum einen mit einer Art Personalausweis (Verein, Geburtsjahr, internationales Zeichen und eine laufende Nummer, die es auf der ganzen Welt nur einmal gibt), zum anderen für den Wettkampf mit einem elektronischen Ring. 

Wenn diese Taube dann zu Hause ankommt, erfasst eine Antenne beim Einflug in den Taubenschlag das Signal. So wird die exakte Ankunftszeit erkannt. Junge Tauben im Geburtsjahr fliegen „nur“ bis 320 Kilometer weit. 

Die Tauben werden in einem Spezialtransporter zum Auflassort gebracht. Wie sie den Weg nach Hause finden, weiß die Wissenschaft bis heute nicht ganz genau. „Sie orientieren sich am Sonnenstand und wissen dann, in welche Richtung zu fliegen ist. Auch am Magnetfeld erkennen sie, ob sie sich südlich, westlich, nördlich ihres Heimatschlages befinden. 

Ein Brieftaubenschlag von 1906 – die Holzkarre verfügt über eine Dunkelkammer – zu sehen im Technikmuseum Berlin

Und man hat auch festgestellt, dass sich die Herzfrequenz der Taube ändert, wenn sie mit dem Kopf in Richtung ihrer Heimat guckt“, sagt Martin Blach. 

Die schnellsten Tauben fliegen bis zu 1000 Kilometer an einem Tag. Pro Sekunde schlagen sie sechs bis sieben Mal mit dem Flügel. Und doch sind sie nicht komplett fertig, wenn sie von einer Reise nach Hause kommen. „Sie sind dann durstig, aber fünf Minuten später merkt man nicht mehr, dass sie unterwegs waren.“ 

Größtes Problem sind die Raubvögel 

Nicht immer finden alle nach Hause. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Viele verunglücken an den Überlandleitungen. Doch das größte Problem sind die Raubvögel. „Das war ziemlich schlimm hier. Dieses Jahr ist es ruhig, weil wir Bussarde, Rotmilane und Turmfalken haben, die die Reviere besetzen. Sie sind nicht auf Tauben spezialisiert. Der Hauptfeind ist der Wanderfalke“, erzählt Martin Blach. Mit dem Habicht und dem Sperber ist ebenfalls nicht gut Kirschen essen. 

Im Taubenschlag von Martin Blach geht es hoch her. Die 33 Jungtauben, die am Samstag auf die Reise geschickt werden, werden am Freitag nach Lasbeck gebracht, dort verladen und 120 Kilometer entfernt aufgelassen. „Ich warte zu Hause“, sagt Martin Blach. 

Er weiß, dass seine Tauben gut vorbereitet sind. Sie haben die Gegend erkundet. Wie es bei Kindern so ist: Nach 24/25 Tagen werden sie von den Eltern getrennt. Ab da sind sie selbstständig, machen erste Ausflüge aufs Dach, werden dann mutiger, trauen sich erste Runden ums Haus. 

„Erst fliegen sie allein und durcheinander, lernen dann aber geordnet in einem Pulk zu fliegen, und sind dann irgendwann, wenn es ihnen richtig gut geht, schon mal zwei Stunden weg“, schmunzelt Martin Blach. Teenagerverhalten eben. 

Die älteren Tauben sind eher etwas bequemer. Sie sind im Reiseschlag – also Reisetauben, die mindestens ein Jahr alt sind. „Mein Ältester ist fünf Jahre. So lange können sie auch gut mithalten mit den anderen.“ 

Pärchen werden getrennt 

Gute Tauben kommen dann später in die Zucht. Von Mitte April bis Mitte Juli fliegen die Älteren. Zur Reisezeit der erwachsenen Tauben werden die Pärchen getrennt. Die Idee dahinter: Sie bekommen nicht am laufenden Meter Nachwuchs und sparen ihre Kräfte für den Wettbewerb. 

Wenn sie nach Männlein und Weiblein getrennt werden, motiviert es sie auch gleichzeitig, schneller nach Hause zu kommen, weil sie dann mit dem Partner einen Tag verbringen können. Nach dem Reisen werden sie wieder zusammengesetzt und dürfen noch ein Gelege großziehen. 

Taubenzucht ist eine Wissenschaft für sich. Und eine spannende. Einen Schlag gibt es für Jungtiere, einen für die Reise, einen für die Weibchen und einen für die Zucht. Nach etwa zehn Tagen, nachdem man die Tiere zusammengebracht hat, legen sie Eier. „Am neunten Tag ab 16 Uhr“, lacht Martin Blach. 

Das zweite Ei wird etwa 36 Stunden später gelegt. Gebrütet wird 17 Tage. Tauben wachsen sehr schnell und sind nach drei Wochen selbstständig. 

Insgesamt 16 Reisetauben, 33 Jungtauben und zwölf Zuchttauben hat Martin Blach. Doch die Brieftaubenzucht ist ein aussterbendes Hobby. Mehr als 50 Züchter gab es allein in Nachrodt in den 50er Jahren. „Und jetzt bin ich der Letzte und Einzige.“ 

Den Verein Heimatliebe Nachrodt gibt es nach wie vor – allerdings mit nur fünf Mitgliedern. Viele haben wegen der Raubvögel aufgegeben.

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