„Vom Sozialarbeiter zum Hausmeister“

Birgit Schulte-Pinto hört als Flüchtlingsbetreuerin auf

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Birgit Schulte-Pinto hängt den Job als Flüchtlingsbetreuerin an den Nagel.

Nachrodt-Wiblingwerde - Birgit Schulte-Pinto hört auf. Die Flüchtlingsbetreuerin, die mit Herzblut vor zwei Jahren den Job übernommen hat, geht zurück ins Ehrenamt. „Im Laufe dieser zwei Jahre hat sich die Arbeit gewandelt – von der Sozialarbeit zum Hausmeister“, sagt die Nachrodterin.

Als Birgit Schulte-Pinto startete, war die Situation rund um die Flüchtlingsarbeit in der Gemeinde noch so: Die Hälfte der Flüchtlinge war in den Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, die Familien in Wohnungen. Birgit Schulte-Pinto brachte viel Erfahrungen aus dem Ehrenamt mit, war in der Kleiderkammer aktiv und hatte auch die Patenschaft für drei Familien. Sich um die geflüchteten Menschen zu kümmern, war dann im Hauptamt eine Herzensangelegenheit.

„Damals hatte ich auch viel Hilfe, Leute im Ehrenamt und Flüchtlinge, die froh waren, etwas zu tun zu haben.“ Dann wurden die ersten Familien abgeschoben. „Und ich stand vor dem Problem, dass ich Wohnungen hatte, die geräumt werden mussten. Eigentlich nicht so schlimm. Das bedeutete aber auch, verschimmelte Lebensmittel aus Schubladen zu kratzen und dreckige Wäsche zu verpacken. Ich kann ja niemand anderes in einer völlig versifften Wohnung unterbringen. In der ersten Zeit hatte ich Unterstützung von zwei Flüchtlingen, die mittlerweile in einer Ausbildung sind. Für den Transport kann ich den Bauhof holen. Aber da kann ich nicht spontan anrufen. Und es sind aber Dinge, die von jetzt auf gleich passieren müssen. Krass wurde die Situation, als Mark Wille auf den Platz von Herrn Recker wechselte, weil Herr Wille mir auch vorher zur Seite stand. Die einzigen, die immer da waren, waren die Tetzlaffs, die die Kleiderkammer machen.“

Als mittlerweile mausetot bezeichnet Birgit Schulte-Pinto den Flüchtlingskreis. Es gebe zwar ein paar wenige Leute, die noch was machen würden, aber auch jemanden Anstrengendes, der Dinge an sich reiße, die ganz klar Verwaltungssache seien. Das einzige, was noch gut funktioniere, sei das Flüchtlingscafé.

Von Anfang Februar bis Mitte März sind 25 neue Flüchtlinge gekommen – eine Familie, der Rest Einzelpersonen. „Es ist sehr schwer, dies vorzubereiten. Man muss Nationalität, Religion, Sprache, Lebensgewohnheiten berücksichtigen. Aber das wissen wir alles nicht, weil wir keinerlei Informationen von der Bezirksregierung bekommen. Das gibt natürlich Probleme, weil es keine Sammelunterkünfte mehr gibt, und in den Wohnungen einer mit dem anderen nicht will oder kann.“

Eigentlich seien die Tätigkeiten als Sozialarbeiter und Housekeeper nicht zu trennen. „Was meinen Tagesablauf bestimmt, ist nicht das, was ich machen möchte. Ich möchte mich um die Sozialarbeit kümmern, und nicht darum, ob eine Waschmaschine ausgetauscht werden muss.“ Eigentlich müsse es noch eine zweite Halbtagskraft geben, die die technische Seite übernehme. „Hier im Haus versteht das jeder. Ich habe auch mit Frau Tupat darüber gesprochen“, sagt Birgit Schulte-Pinto, die sich immer gut aufgehoben gefühlt hat im Amtshaus.

Birgit Schulte-Pinto sieht für sich keine Lösung des Problems. „Und das tut mir auch unendlich leid.“ Vor allem, weil sie die Flüchtlinge ins Herz geschlossen hat. „Ich erfahre unheimlich viel positive Rückmeldung von den Menschen. Am Freitag war noch einer hier, der türkischen Milchreis gekocht und mir gebracht hat“, sagt die Nachrodterin und lacht: „Und wenn ich drei Familien besucht habe, bin ich anschließend im Koffeinrausch.“

Birgit Schulte-Pinto wird sich jetzt nicht in Luft auflösen, will auch weiter ehrenamtlich in der Kleiderkammer arbeiten. Natürlich findet sie es auch schade, dass sie die Arbeit aufgibt. „Aber vielleicht wäre es auch besser, wenn ein Mann den Job machen würde. Als Frau werde ich in vielen Kulturkreisen nicht ganz so ernst genommen und habe da einfach mehr zu kämpfen.“ Angst um ihre Sicherheit hatte sie aber nie. Am 30. April endet der Vertrag. Dann wird sie sich erst einmal um ihren Hund und sich selbst kümmern, und dann in der zweiten Jahreshälfte als Entspannungspädagogin wieder Kurse anbieten.

Die Stelle als Sozialarbeiter für die Flüchtlingsbetreuung ist jetzt ausgeschrieben: Erwartet wird ein Studium Soziale Arbeit bzw. Sozialpädagogik oder eine vergleichbare Qualifikation, Führerschein der Klasse B, selbstständiges, eigenverantwortliches und zuverlässiges Arbeiten. Wer bewirbt sich?

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