Widerspruch in der Not: Marcello hat Angst vor der Abschiebung

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Sonja Hammerschmidt ist für Marcello der Fels in der Brandung. Er nennt sie Mama

Nachrodt-Wiblingwerde - Die Flüchtlingseigenschaft wird nicht zuerkannt. Der Antrag auf Asylanerkennung wird abgelehnt. Der subsidiäre Schutzstatus wird nicht zuerkannt. Drei Sätze. Ein Todesurteil? „Ich werde das nicht überleben“, sagt Marcello. Und er hofft. Er hofft, dass ihm seine Mama hilft. So nennt er Sonja Hammerschmidt. „I am calling her mama because she take care of me like her son.“

Marcello ist seit fast zwei Jahren in Nachrodt-Wiblingwerde. Man kennt ihn im „Dorf“. Er ist für kleines Geld bei der Gemeindeverwaltung beschäftigt, engagiert sich beim Fußball und bei den Jedermännern. Er ist Christ und besucht jeden Sonntag den Gottesdienst. Sonja Hammerschmidt hat Marcello auch in der katholischen Gemeinde kennen- und schätzen gelernt.

 „Er war in der Kirche und ich habe ihn angesprochen, ob er zum anschließenden Gemeindefest da bleiben möchte. Am nächsten Tag ist er dann auch gleich mit den Männern zum Sport. Zu den Jedermännern. Die haben ihm spontan Turnschuhe besorgt und seitdem gehört er fest zu der Truppe“, erzählt Sonja Hammerschmidt. Dass Marcello jetzt abgeschoben werden soll, ist auch für sie unvorstellbar. Aber nicht nur aus emotionalen Gründen, sondern weil das Leben von Marcello in Gefahr ist. Denn Marcello kommt aus Biafra, nicht aus Nigeria, wie er im AK-Gespräch betont.

Die nigerianische Provinz erklärte sich am 30. Mai 1967 zur unabhängigen Republik Biafra. Kurz danach begann der Krieg. Die Zentralregierung verhängte eine Versorgungsblockade gegen die abtrünnige Provinz. Die Folge war eine extreme Hungersnot. Erst da reagierte die Welt – zwischen Vietnamkrieg und Prager Frühling – auf die Bilder hungernder Kinder mit den großen Bäuchen. Mindestens eine Million Menschen starben.

Und heute? Was sich in Biafra abspielt, ist in Deutschland kaum bekannt. „Das sieht in England anders aus“, sagt Sonja Hammerschmidt, die tiefer und tiefer in die Biafra-Problematik einsteigt, um Marcello zu helfen. Seit 2012 setzt sich die Unabhängigkeitsbewegung „Indigenous People of Biafra“ (IPOB) für die Gründung eines eigenen Staates ein. Es gibt Demonstrationen von Mitgliedern und Sympathisanten. Nachdem ihr Anführer, Nnamdi Kanu verhaftet wurde, nehmen die Spannungen zu. Amnesty wirft Sicherheitskräften in Nigeria Tötung von Biafra-Aktivisten vor.

Und auch Marcello, der drei Töchter und einen Sohn hat, die er schmerzlich vermisst und die bei seiner Mutter wohnen, bangt um sein Leben. „Geht er nach Nigeria zurück, ist fraglich, was passiert“, sagt Sonja Hammerschmidt.  Das sehen die deutschen Behörden anders. „Er hat seine begründete Furcht vor Verfolgung oder einem ernsthaften Schaden nicht glaubhaft gemacht“, heißt es im Ablehnungsbescheid.

Die gesetzliche Frist zur Ausreise wurde auf 30 Tage festgelegt. Gegen diesen Bescheid hat Sonja Hammerschmidt für Marcello Widerspruch eingelegt und wird von der Kanzlei Betten, Baehrens und Petereit in Iserlohn vertreten. Das Verfahren ist jetzt offen, könnte sich hinziehen. Da Marcello unmöglich den deutschen Schriftverkehr verstehen kann, ist Sonja Hammerschmidt sein Fels in der Brandung.

Marcello hat Angst. Und diese Angst lähmt den 41-Jährigen, der am Dienstag Geburtstag hatte, so sehr, dass es ihm schwerfällt, nach den täglichen Sprachkursen in Iserlohn zu Hause weiter Deutsch zu lernen. Dabei klappt es mit der Sprache schon ganz gut. Und auch bei der Anhörung für sein Asylverfahren in Düsseldorf war er eigentlich guter Dinge, dass sein Anliegen verstanden wurde. Er berichtete von der Biafra-Problematik und seinen Problemen mit der Polizei. „Am 5. Juni 2014 hatten wir von der Biafra-Gemeinde eine Versammlung im Bundesstaat Enugo. Ich weiß nicht, wie die Polizei davon erfahren hat. Die Polizei und die Armee sind gekommen, haben angefangen zu schießen und auch Tränengas versprüht. Viele Menschen sind gestorben. Sie haben uns angegriffen und verprügelt. Sie haben auch mich geschlagen und das Tränengas hat mich verletzt. Ich bin hingefallen. Sie haben mich direkt in eine kleine Klinik gebracht. Am Abend des gleichen Tages ist die Polizei in meinem Restaurant gewesen und hat meinen jüngeren Bruder verhaftet. Sie haben mein Restaurant zerstört und alles, was ich hatte. Ich wurde offiziell von der Polizei gesucht. Man hat nicht nur nach mir gesucht, sondern auch nach den anderen Anhängern der Partei. Viele sind gestorben und verschwunden.“

Diesen Bericht von Marcello hält das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für nicht nachvollziehbar, da die Distanz zwischen dem Ort der Demonstration und seinem Restaurant 100 Kilometer beträgt. „Es erschließt sich nicht, woher die Polizei Kenntnis über seine Identität gehabt haben sollte und dann sein Restaurant in Onitsho aufsuchen sollte.“ Marcello erklärt, dass die Polizei seinen Namen kannte, da er schon häufiger auf Demonstrationen war. 

 Marcello ist über Libyen und Italien nach Deutschland eingereist. „Es war ein sehr kleines Boot. Ich hatte viel Angst, da das Meer so groß war und ich nicht schwimmen kann.“ Es waren seine Freunde, die ihn außer Landes geschleust haben. Er weiß nicht, was die Überfahrt gekostet hat. Auch das hält das Bundesamt für unwahrscheinlich und kommt zudem zu dem Schluss, dass es keine Anhaltspunkte gibt, dass es gegenüber abgelehnten Asylbewerbern, die nach Nigeria zurückgeführt werden, bei der Rückkehr zu staatlichen Repressionen kommt.“

Marcello drohe in seinem Heimatland nicht die Vollstreckung der Todesstrafe. Auch die Verletzung anderer Menschenrechte oder Grundfreiheiten komme nicht in Betracht. Das bewertet Marcello selbst ganz anders. Er spricht von Boko Haram und vielen toten Christen. „Wir können nicht frei sprechen, wir haben keine Wasserversorgung und auch keine Rechte. Ich habe nur für die Freiheit und für mein Land Biafra gekämpft.“

Und auch in Nachrodt-Wiblingwerde, wo sich Marcello wohl fühlt und in einer kleinen Wohngemeinschaft mit anderen Geflüchteten lebt, möchte er vor allem eines: auf die Not in seiner Heimat aufmerksam machen. „Ich möchte über die Regierung sprechen und dass sie aufhören, unsere Leute umzubringen.“ Die Organisation „Indigenous People of Biafra“ bestätigt Marcellos Angaben. „Es gibt Völkermord, außergerichtliche Tötungen und illegale Verhaftungen der Biafraner in Nigeria. Und wenn man als Aktivist identifiziert wird oder im Besitz von biafranischen Fahnen ist oder gar Veranstaltungen organisiert, wird man einfach hingerichtet. Dazu liegen Beweise vor.“ Anthony Nzurumike, Vorsitzender der Indigenous People of Biafra, sagt: „Wir appellieren an die deutschen Behörden, Herrn Mmeremikwu Schutz zu gewähren.“

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