„Für uns interessiert sich keiner“

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Marcello (vorn rechts) mit seinen Freunden. Sie wollen auf die Biafra-Problematik in Nigeria aufmerksam machen.

Nachrodt-Wiblingwerde – Sie werden geprügelt, gejagt, liegen vor Soldaten im Schlamm. Sie müssen verseuchtes Wasser trinken und sterben qualvoll: Es sind Horror-Videos, die Mike, Charles, Marcello und ihre Freunde zeigen. „Das passiert in Nigeria“, behaupten die Männer. „Aber das weiß in Deutschland keiner.“  Die Flüchtlinge sind Biafraner und machen wollen von Nachrodt aus auf die Geschehnisse in der Heimat aufmerksam machen. Als Biafraner, so sagen die Männer, ist man in Nigeria nichts wert.

Die Stimmung in der kleinen Wohnung gegenüber des Amtshauses ist bedrückt. Erst als sie vor der rot-schwarz-grünen Fahne mit der aufgehenden Sonne in der Mitte posieren, lachen die Flüchtlinge, die etwas für sie ganz Wichtiges gemeinsam haben: Sie sind Biafrana. Sie sind Christen, sie sprechen die gleiche Sprache, sie sind in gleicher Not. Denn es gibt einen Nigeria-Biafra-Konflikt, von dem die Öffentlichkeit in Europa gar nichts oder wenig weiß. 

 „Wenn du als Syrer nach Deutschland kommst, dann darfst du bleiben"

 „Wenn du als Syrer nach Deutschland kommst, dann darfst du bleiben. Jeder weiß über Syrien Bescheid. Für uns interessiert sich keiner. Vielleicht auch, weil wir schwarz sind.“ Mike kann sich durchaus vorstellen, dass die Hautfarbe eine Rolle spielt. Er klingt resigniert. Doch heute will er mit seinen Freunden erzählen, was in seiner Heimat los ist. Und warum ein Gesetz, das am 1. Januar in Deutschland in Kraft getreten ist, auch Marcello das Leben retten könnte. 

"Wir alle haben Arbeit"

Marcello arbeitet als Pfleger in Hellersen. „Ich liebe die alten Leute“, sagt er schmunzelnd. Und weil er diesen Job hat, darf er jetzt vielleicht bleiben, obwohl der Antrag auf Asylanerkennung abgelehnt wurde und der junge Mann vor Angst nicht mehr schlafen kann. Am 1. Januar trat das Gesetz zur Duldung bei Ausbildung und Beschäftigung in Kraft. Das Gesetz ist Teil des umfassenden Migrationspakets. Es gewährleistet Ausländern, deren Abschiebung vorübergehend ausgesetzt ist, einen verlässlichen Aufenthaltsstatus durch eine langfristige Duldung, wenn sie einer Beschäftigung nachgehen. Und das tut Marcello. 

„Wir alle haben Arbeit“, sagt der Flüchtling, der in Nachrodt lebt. Und mit der deutschen Sprache klappt es auch ganz gut. Bei Charles sogar hervorragend. Die Freunde schicken so oft es geht „ein bisschen Geld“ zu ihren Familien in Nigeria. Sie telefonieren regelmäßig. Skypen funktioniert nicht so gut. „Das Internet ist so schlecht“, sagt Marcello. Er hatte erst vor wenigen Wochen große Sorge um seinen Sohn. Mit einer Biafra-Fahne war er in Nigeria von der Polizei aufgegriffen worden und sogleich im Gefängnis gelandet. „Wir dürfen keine Fahnen zeigen.“ Die Polizei sei korrupt und brutal. „Ganz anders als die deutschen Polizisten, die Freunde der Menschen sind“, sagt Marcello. 

Biafra-Kind mit aufgeblähtem Bauch wurde zum Symbol dieses Krieges

Biafra: Bilder von verhungernden Menschen gingen einst um die Welt. Das abgemagerte Biafra-Kind mit aufgeblähtem Bauch wurde zum Symbol dieses Krieges, der nun mehr als 50 Jahre her ist. Und der jetzt wieder aufflammt? 

Ein Blick in die Geschichte: Nigeria ist ein Land, das Großbritannien 1914 schuf, als es mehrere Protektorate zu einer Kolonie vereinigte. Das Land besteht aus verschiedenen Völkern, darunter den Biafraner. 1960 wurde Nigeria von Großbritannien unabhängig. Biafra rief 1967 einen eigenen Staat aus, aber es war das Todesurteil für ein ganzes Volk. Denn die nigerianische Regierung antwortete mit einem Krieg gegen Biafra. Es kam zu einem erbitterten Bürgerkrieg. Die Zugangswege nach Biafra wurden blockiert, was zu einer dramatischen Versorgungskrise in der dicht bevölkerten Region führte. Die Biafraner kapitulierten im Januar 1970 vor Nigeria. Und heute? 

Die Internetseite „Fluchtgrund“ spricht von willkürlichen Verhaftungen, Entführungen und Ermordungen von Biafranern. Und auch die Gesellschaft für bedrohte Völker erklärt: „Die Spannungen und Gewalt im Südosten Nigerias nehmen erneut zu. Schwere Menschenrechtsverletzungen an Biafranern und die massive Zunahme von Übergriffen von Fulani-Nomaden schaffen dort ein Klima der Gewalt und drohen, die Region in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Diese alarmierende Entwicklung ist auch eine Folge der gezielten jahrelangen Tabuisierung des Genozids durch die nigerianische Staatsführung, politische Parteien und Gesellschaft. Anstatt aus dem Völkermord zu lernen und sich um seine Aufarbeitung sowie um eine politische Lösung der Biafra-Frage zu bemühen, werden die Belange der Biafraner seit Jahrzehnten ignoriert.“ 

Auswärtige Amt vorsichtig

Das Auswärtige Amt dagegen äußert sich eher vorsichtig: „Die Menschenrechtssituation hat sich seit Amtsantritt einer zivilen Regierung 1999 erheblich verbessert“, heißt es dort und ergänzend: „Allerdings kritisieren Menschenrechtsorganisationen den Umgang der Streitkräfte mit Boko Haram-Verdächtigen, der schiitischen Minderheit, Biafra-Aktivisten und Militanten im Nigerdelta.“ 

Die Männer, die sich in Marcellos Wohnung treffen, sind sich einig: „Wir müssen für unsere Rechte kämpfen. Biafra ist die Lösung“, erklärt Charles. Es ist eine Meinung, die in den vergangenen zwei Jahren immer populärer geworden ist. Gegründet hat sich die Gruppe „Indigenous People of Biafra“. Charles sagt: „Unser Hauptziel ist es, durch ein Referendum einen unabhängigen Staat für die Bevölkerung der alten östlichen Region Nigerias zu schaffen.“

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