Bauern kämpfen um Existenz: Kreis-Chef der Landwirte schlägt Alarm

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Die Kühe in der Milchviehhaltung haben meistens keine Hörner mehr. dafür werden die Bauern stark kritisiert.

Nachrodt-Wiblingwerde - Teure Auflagen, sinkende Preise und ein schlechtes Image: Günter Buttighoffer aus Nachrodt-Wiblingwerde, Kreis-Chef der Landwirte, sieht die Existenz vieler Landwirte bedroht. Aber er sieht auch Chancen für die Zukunft.

Mitarbeiterin Constanze Busch sprach mit dem Vorsitzendem der Landwirte im Märkischen Kreis aus Nachrodt-Wiblingwerde über mögliche Lösungen und die Zukunft der Landwirtschaft im Sauerland. 

Herr Buttighoffer, wie geht es den Bauern im Märkischen Kreis? 

Nicht gut, auf vielen Höfen ist die Stimmung katastrophal. Die Landwirte fürchten um ihre Existenz, hier im Sauerland genauso wie in anderen Regionen. Viele junge Hofnachfolger, die sehr gut ausgebildet sind und eigentlich durchstarten möchten, sehen mittlerweile kaum noch eine Perspektive für ihren Beruf. 

Was sind die Gründe? 

Die Preise für Milch, Fleisch und Getreide sind zu niedrig, um die immer höheren Kosten ausgleichen zu können. In den vergangenen Monaten lag der Milchpreis unter dem Weltmarktniveau. Selbst in anderen europäischen Ländern und in den USA bekommen Landwirte mehr für den Liter Milch. Gleichzeitig müssen die Bauern viel Geld investieren, um gesetzliche Auflagen zu erfüllen. 

Ein neues Güllelager, Siloanlagen und Mistplatten: Investitionen, die die Vorgaben zum Gewässerschutz bedienen, kosten beispielsweise 400 000 bis 600 000 Euro. Wenn ein Betrieb vorher schon eine Million Euro in die Modernisierung gesteckt hat, sind solche Ausgaben kaum zu stemmen. Auch mit den EU-Subventionen reicht es nicht. 

Weshalb verkaufen Sie Ihre Produkte nicht teurer? 

Das werden wir oft gefragt, aber so einfach geht es nicht. Die Milchpreise werden weitgehend von Aldi und Lidl diktiert, nach diesem Grundpreis richten sich alle anderen Supermarktketten. Wenn unsere Molkerei mehr Geld verlangt, hat sie keine Chance auf Erfolg. 

Stattdessen wird sie schlimmstenfalls ausgelistet, und die großen Ketten nehmen ihre Milch nicht mehr ab. Das wäre das Ende für die Molkerei. 

Die dramatischen Folgen trockener Sommer erklärt der Nachrodter Landwirt Günter Buttighoffer dem Landtagsabgeordneten Thorsten Schick (CDU) auf seinem Hof.

Ist dieses System auch das Ende der Landwirtschaft oder sehen Sie einen Ausweg? 

Ich schätze, dass in den nächsten zehn Jahren ein Drittel der Betriebe in Deutschland aufgeben muss, wenn sich an dieser Preispolitik nichts ändert. Junge Landwirte, die ihren Hof weiterführen möchten, müssen kreativ und innovativ denken. 

Sie brauchen neue Einnahmequellen, zwei oder sogar mehrere Standbeine. Das ist nicht ganz neu, bisher haben viele Bauern ja auch Holz aus ihren Wäldern verkauft. Aber der Wald ist fast überall kaputt, die Fichten sind vom Borkenkäfer befallen und bringen deshalb kaum noch Geld. 

Wie könnte der Hof der Zukunft stattdessen aussehen?

 Je nach der Betriebsstruktur gibt es verschiedene Möglichkeiten, die für die Landwirte aber natürlich nur Notlösungen sind. Einige Betriebe könnten zum Beispiel mit einer Milchzapfsäule einen Teil ihrer Milch direkt ab Hof verkaufen. 

Für größere Höfe könnte sich eine Biogasanlage lohnen: Wenn darin die Gülle aus dem Stall verwertet wird, bringt das zusätzliches Einkommen. Auch eine Fotovoltaikanlage auf Stalldächern oder eine Beteiligung an Windrädern wären ein zusätzliches Standbein. 

Und manche Landwirte werden sich wohl oder übel einen anderen Beruf suchen, in dem sie ein festes Einkommen verdienen, und ihren Hof im Nebenerwerb weiter betreiben. Die finanzielle Seite ist für viele Bauern allerdings nur ein Teil des Problems. 

Welche Schwierigkeiten gibt es sonst noch?

Die Landwirte werden immer stärker öffentlich kritisiert. Diesen Druck bekommen auch ihre Familien massiv zu spüren. Viele Bauern haben familiäre Probleme, manchmal werden sogar Kinder in der Schule oder im Kindergarten gemobbt, weil ihre Eltern Landwirte sind. 

Wir haben den Eindruck, dass wir nur noch als Tierquäler, Umweltverschmutzer und Insektenvernichter gesehen werden. Dabei haben wir mit der Offensive Nachhaltigkeit gerade viele neue Projekte angestoßen, mit denen wir freiwillig höhere Standards setzen. 

Worum geht es bei der Offensive Nachhaltigkeit?

 Das ist ein Maßnahmenpaket, das der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband entwickelt hat. Vor einigen Jahren haben wir im Vorstand die ökologischen und wirtschaftlichen Probleme unseres Berufsstandes gesammelt, um sie offensiv anzupacken. 

Nicht zuletzt, um auch Politik und Verbrauchern zu zeigen, dass wir uns neuen Herausforderungen stellen. Wir wollen die Dinge ändern, die noch nicht gut laufen oder sich irgendwann mal in die falsche Richtung entwickelt haben. 

Können Sie ein Beispiel nennen? 

Eine Maßnahme, die die Betriebe hier in der Region besonders betrifft: Die Politik hat uns aufgefordert, Kühe nicht mehr zu enthornen. Kühe dürfen aber keine Hörner haben, weil sie sich sonst bei Rangeleien um die Rangordnung gegenseitig verletzen könnten. 

Außerdem ist das eine Frage des Arbeitsschutzes für die Landwirte: Wenn ein Tier den Bauern aus Versehen oder aus Übermut mit dem Horn erwischt, kann das sehr böse ausgehen. Die Hörner müssen deshalb schon beim Kalb entfernt werden. 

Ist das schmerzhaft für die Tiere? 

Ja, deshalb geben wir den Kälbern beim Enthornen schon seit Jahren Schmerz- und Beruhigungsmittel. Es gab dann allerdings die Forderung, dass nur noch Tierärzte den Eingriff durchführen und die Tiere dafür betäuben sollten. 

Das Problem ist, dass unsere Tierärzte das zeitlich gar nicht leisten können. Der WLV hat deshalb einen Kompromiss vorgeschlagen: Wir stellen langfristig die Zucht komplett auf genetisch hornlose Rinder um. 

Es wird etwa 15 bis 20 Jahre dauern, bis nur noch Kälber ohne Hornanlage geboren werden. Bis dahin dürfen die Landwirte weiter selbst enthornen und die Tiere dafür auch sedieren. 

Sind die Maßnahmen für Landwirte verpflichtend? 

Nein, das läuft alles auf freiwilliger Basis. Wir sind mit unseren Vorschlägen auch bei einigen Kollegen auf Widerstand gestoßen. In der Summe bedeuten die Maßnahmen ja erst einmal mehr finanziellen und zeitlichen Aufwand, zusätzlich zu den gesetzlichen Vorschriften. 

Aber nach vielen Gesprächen und Diskussionen ziehen jetzt auch viele Landwirte mit, die erst skeptisch reagiert haben. 

Wie haben Sie sie überzeugt? 

Letztlich führt an den Veränderungen kein Weg vorbei, der Druck durch die Politik und die Verbraucher ist groß. Und auf diese Weise können wir die Zukunft aktiv mitgestalten. Aber auch hier gilt: Durch die höheren Standards werden unsere Produktionskosten steigen, und dafür brauchen wir einen finanziellen Ausgleich.

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