Bauern fürchten, dass ihnen das Land ausgeht

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Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes, Günter Buttighoffer (l.) und Geschäftsführer Ludwig Krämer (r.) fordern ein Ende des Flächenverbrauchs. ▪

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Für Günter Buttighoffer ist das Maß voll. „Der Flächenfraß muss ein Ende haben“, sagt der Landwirt aus Wiblingwerde über die Entwicklung, dass immer mehr landwirtschaftlich genutzte Flächen bebaut oder als Ausgleichsflächen für Baumaßnahmen genutzt werden.

Buttighoffer hat einmal ausgerechnet, wieviel Agrarland im Laufe der vergangenen zehn Jahre verloren gegangen ist. Allein für Nachrodt-Wiblingwerde kommt er auf 28,2 Hektar. „Das sind in fünf Tagen 400 Quadratmeter, so viel wie ein Grundstück für ein Einfamilienhaus“, rechnet er vor. Im ganzen Märkischen Kreis sind im selben Zeitraum 589 Hektar Acker- und Weideland verloren gegangen. „Das ist jährlich so viel wie ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb bewirtschaftet“, versucht Buttighoffer die Größenordnung zu veranschaulichen.

„Je mehr Flächen wir verlieren, desto weniger können wir unseren Anforderungen gerecht werden“, gibt Buttighoffer, der auch Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes ist und in Wiblingwerde einen 86 Hektar großen Hof mit 110 Milchkühen bewirtschaftet, zu bedenken. Die Anforderungen an die Landwirte sind aus seiner Sicht, gleichzeitig mehr Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen, erneuerbare Energie zu erzeugen und dem Umweltschutz Rechnung zu tragen. Gemeinsam mit den anderen Bauern aus dem Märkischen Kreis und aus ganz Westfalen-Lippe fordert er deshalb ein bundesweites Schutzprogramm für land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen. „Wir brauchen ein Landwirtschaftsschutzgebiet“, fordert er plakativ ein Ende des Agrarlandverbrauches.

Die Bauern ermahnen die Politik, vorrangig Industriebrachen zu nutzen, anstatt neue Gewerbegebiete in die Landschaft zu setzen. Das sei insbesondere in Nachrodt möglich. Sie fordern, in den Städten Innenentwicklung vor Außenentwicklung zu betreiben, also zunächst die schon bebauten Gebiete zu verdichten. Sie wenden sich mit ihren Forderungen aber keineswegs nur an die Kommunen, die Flächen, auf denen bisher Getreide angebaut oder Vieh geweidet wurde, für neue Wohn- und Gewerbegebiete oder Straßen beanspruchen. Auch die von den übergeordneten Behörden geforderten Ausgleichsmaßnahmen sind ihnen ein Dorn im Auge. Vor allem stört die Landwirte, dass auch dafür wieder ihre Flächen herhalten sollen.

Ein ökologischer Ausgleich könne auch mit Geld geschaffen werden, regt Ludwig Krämer, Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes, an: „Mit dem eingenommenen Geld könnten dann zum Beispiel Gewässerschutzmaßnahmen durchgeführt werden“, nennt er eine Alternative zum Ausgleich von Bodenversiegelungen durch Umnutzung von wertvollem Agrarland. In einem Entsiegelungsfonds könne auch Geld gesammelt werden, um Kompensationsmaßnahmen an geeigneter Stelle zu bündeln.

Apropos Ausgleichsmaßnahmen. Der beschlossene Atomausstieg, fürchten die Landwirte, werde den Trend zum Flächenfraß noch einmal beschleunigen. Denn für den Transport der Windenergie von Nord nach Süd sind viele neue Hochspannungstrassen nötig, auch und gerade in Nachrodt-Wiblingwerde. „Diese Trassen gehen in der Regel durch landwirtschaftliche Nutzflächen“, sagt Buttighoffer. Das sei gerade hinnehmbar, wenn nicht auch die Naturschutzmaßnahmen zum Ausgleich noch auf anderen Agrarflächen vorgenommen würden. ▪ vg

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