Die Gülle, der Gestank und der Ritt auf der Rasierklinge

Mit Schwung aufs Feld. Doch wenn der Boden gefroren ist, darf keine Gülle aufgebracht werden.

Nachrodt-Wiblingwerde - Sie stinkt zum Himmel. Keine Frage. Doch dass man jetzt gerade in Nachrodt-Wiblingwerde die Nase rümpft, hat weniger mit der Gülle selbst, als mit einem Verbot zu tun. Im Moment darf Gülle nämlich eigentlich nicht auf die Felder gebracht werden. Oder doch?

Die neue Düngeverordnung macht den Landwirten zu schaffen. Und: Die Lager sind voll. Dass einige Landwirte Gülle fahren, andere nicht, scheint auch untereinander für Diskussionen zu sorgen. Beschwerden bei der Landwirtschaftskammer gibt es auch.

Die Tanks sind voll. Der Druck wächst. Laut Düngeverordnung darf keine Düngung vorgenommen werden, wenn der Boden überschwemmt, wassergesättigt, gefroren oder schneebedeckt ist. Es darf nur gedüngt werden, wenn durch Auftauen tagsüber die Aufnahmefähigkeit gegeben ist und keine Gefahr des Abschwemmens in Gewässer beziehungsweise auf benachbarte Flächen besteht.

Flächen, die nicht komplett in der Sonne liegen, tauen in diesen Tagen nicht auf. Augenscheinlich wurde aber trotzdem gefahren. Orts- und Kreislandwirt Günter Buttighoffer ist urlaubsbedingt nicht erreichbar, sein Partner rückt in den Fokus. Hat er unerlaubt Gülle auf die Felder „geworfen“? Und stinkt das den anderen?

"Verordnung soll auch weh tun, das ist vom Gesetzgeber so gewollt. “

Dominick Hannuschke könnte der Kragen platzen. „Egal, was man tut, man ist immer der Doofe“, sagt er im AK-Gespräch. „Wo Schnee liegt und der Boden gefroren ist, da fahre ich nicht.“ Das letzte Fass Gülle sei aufgrund der Witterung im Oktober gefahren worden. „Wir hatten keine Chance, auf die Flächen zu kommen. Wir machen das, was die Natur von uns verlangt und was mir machen müssen. Wir machen das nicht, um ganz Nachrodt zu ärgern“, sagt Dominick Hannuschke und verweist auf einen Wetterlink der Landwirtschaftskammer, der den Landwirten an einzelnen Standorten verdeutlicht, wie tief der Boden gefroren ist und wie weit er auftaut. Dominick Hannuschke sieht keinen Verstoß gegen die Düngeverordnung, sagt aber auch: „Man kann noch so viele Gesetze auf den Tisch bringen, es muss für die Landwirte auch machbar sein.“

Gülle auf Schnee. Fotografiert aktuell im Höhendorf. Ein Klick auf das Symbol oben links im Foto vergrößert das Bild.

Dass die neue Düngeverordnung den Landwirten zu schaffen macht, weiß auch Bernhard Rüb, Pressesprecher der Landwirtschaftskammer NRW. „Sie verschärft die Bedingungen und tut auch weh. Das soll auch weh tun, das ist vom Gesetzgeber so gewollt. “

Die Diskussionen würden sich darum drehen, was die Landwirte tun müssen, um bei Kontrollen nicht negativ aufzufallen. Es gebe einen hohen Bürokratieaufwand und viele Betriebe müssten zum Teil umorganisiert werden. Dabei gehe es beispielsweise um zusätzliche Güllelagerräume, die erst einmal gebaut und finanziert werden müssten.

Verstöße werden doppelt bestraft

Werden die Landwirte bei Verstößen erwischt, droht nicht nur ein Bußgeld. Es werden auch die EU-Prämien gekürzt. „Eine doppelte Bestrafung“, sagt Bernhard Rüb.

Nicht nur die Landwirte, auch die Bevölkerung ist sehr sensibel, was das Thema Gülle angeht. Doch was für die Nachbarn „nur“ ein sehr belästigender Geruch ist, ist für die Landwirte ein wertvoller Dünger.

Zur aktuellen Situation zum gefrorenen oder nicht gefrorenem Boden sagt Martin Hohage: „Jeder Betriebsleiter muss sehen, wie er da durch kommt. „Wer nicht fahren muss, der fährt auch nicht.“ Der Fauxpas sei der nasse Herbst gewesen. Nur Regen und Land unter habe den Bauern schwer zu schaffen gemacht. Man habe die Güllekeller nicht leer bekommen.

Zudem dürfe man vom 1. November (früher 15. November) bis zum 31. Januar gar nicht fahren. In Martin Hohages Betrieb gibt es aktuell nicht eine Fläche, die komplett schneefrei ist. „Man kann hier und da ein Fass hinfahren, aber das ist nichts Halbes und nichts Ganzes.“ Es sei ein Ritt auf der Rasierklinge. „Wenn sich einer beschwert, ist man aufgrund der neuen Verordnung sofort angreifbar.“

Auch in Neuenrade wissen die Landwirte nicht, wohin mit der Gülle.

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