Rastatt-Ende: "Das Baufeld wird geräumt"

+
Bei allen möglichen Vorschlägen soll die Rastatt abgerissen werden.

Nachrodt-Wiblingwerde -  „Am Ende wird alles gut. Leider befinden wir uns erst am Anfang vom Ende.“ Ob dieses Zitat von Dichter Ernst Ferstl zur Rastatt passt? Möglicherweise. Tatsächlich wird die Traditionsgaststätte nicht einmal in der Vorlage zur Ratssitzung genannt. „Das Baufeld wird geräumt“, heißt es stattdessen. Abgerissen also. Dafür hat sich der „Arbeitskreis Rastatt“ ausgesprochen und schickt drei Vorschläge ins Rennen.

Das Grundstück mit der Aussicht auf die Lenne und Klaras Höhe ist ein Filetstück der Gemeinde. Und es hat durchaus Entwicklungspotenzial, meinen die Fachleute von der Firma Effizienz-Beratung, die eine Potenzialanalyse vorgenommen haben. Thomas Hille und Martin Schmitz stellten ihre Untersuchungen während einer Sitzung des „Arbeitskreises Rastatt“ vor, in der es auch explizit um Markt- und Sozialforschung ging.

So sah sie mal aus, die Rastatt von innen.

Um das Entwicklungspotenzial am Standort der jetzigen Rastatt nutzen zu können, stehen drei Möglichkeiten zur Diskussion, auf die sich die Arbeitskreis-Mitglieder geeinigt haben. Dabei soll bei allen drei Vorschlägen das Rastatt-Gebäude abgerissen werden. 1. Das Modell aus der Vergangenheit wird weitergeführt, die Gemeinde bleibt Eigentümer und verpachtet die Liegenschaft. 2. Auf dem Grundstück wird ein Amtshaus mit einem Saal errichtet, der für Sitzungen genutzt werden kann. Der Saal könnte auch von Vereinen und Bürgern für Feiern angemietet werden. Angegliedert wäre eine kleine Küche. Catering müsste über Dritte sichergestellt werden, 3. Die Liegenschaft wird einem Investor übergeben, der auf seine Kosten ein Gebäude errichtet und einen Gastronomiebetrieb installiert. Ob das Grundstück verkauft oder verpachtet wird, kann vertraglich geregelt werden. Für diese Möglichkeit soll es eine Ausschreibung geben, um einen möglichst großen Teilnehmerkreis zu erreichen und dementsprechend vielfältige Konzepte zu bekommen.

Feuer frei für die Diskussionen

Die Mitglieder des Arbeitskreises haben sich für die Umsetzung der dritten Möglichkeit ausgesprochen. „Auch vor dem Hintergrund, dass in absehbarer Zeit das Zinsniveau ansteigen wird und sich Investoren dann anderen Anlageformen zuwenden werden“, so heißt es in der Vorlage. „Feuer frei“ für die Diskussionen während der Sitzung des Rates am 3. Dezember ab 17 Uhr im Schlosshotel Holzrichter. Dass das Dauerbrenner-Thema öffentlich beraten wird, spricht für die Transparenz, die sich alle Beteiligten wünschen.

„Es waren konstruktive Gespräche“

 Emotionen raus – Entscheidungen fällen: So soll die Devise jetzt lauten. Ob deshalb das Wort „Rastatt“ in der Vorlage nicht vorkommt? Hängen zu viele Erinnerungen und auch persönliche Einschätzungen an dem Traditionshaus? Jens-Philipp Olschewski, Sebastian Brinker (beide CDU), Annegret Klatt, Sonja Hammerschmidt (beide UWG), Gerd Schröder und Ronny Sachse (beide SPD) haben im Arbeitskreis Farbe bekannt und Weichen gestellt. Niemand will augenscheinlich das Gebäude so, wie es ist, erhalten, sanieren oder nur teilabreißen. „Das Baufeld wird geräumt.“ „Es waren konstruktive Gespräche“, sagt Bürgermeisterin Birgit Tupat, die ebenso wie Kämmerin Gabriele Balzukat und Bauamtsleiter Dirk Röding an der Arbeitskreis-Sitzung teilnahm.

 Sehr überrascht war Birgit Tupat von die Marktanalyse, der sogenannten Sinus-Studien. „Danach wohnt ein buntes Völkchen in Nachrodt-Wiblingwerde“, sagt die Bürgermeisterin – „wir haben einen starken Anteil an Konservativ-Etablierten.“ Eben diese haben einen zunehmenden Wunsch nach Ordnung und Balance.

 Jemand, der auf AK-Anfrage etwas mehr Licht ins spannende Thema bringt, ist Martin Schmitz. „In Nachrodt-Wiblingwerde leben tatsächlich viele Menschen in einem bunten Mix der Sinus-Milieus. Brüche gibt es – das darf man aber auch erwarten, wenn man die Gegend und die Menschen kennt – zwischen Stadt und Land sowie Berg und Tal. Allerdings auch zwischen Neubaugebieten und alten Ortskernen. Das verwundert wenig, da die Bevölkerung natürlich in der Wohnsituation (Eigentum vs. Miete), aber auch Lebensphase (junge Familien vs. ältere Paare oder verwitwete Menschen) abgebildet ist. Insofern auch wenig Neues, eher schon sehr leicht erwartbar und logisch“, findet der Rennerder.

„Die Daten sind genau und aussagekräftig“

Tatsächlich könne man mithilfe der Sinus-Studie entscheiden, ob sich eine Gaststätte wie die Rastatt in Nachrodt lohnen würde. „Aufgrund der vielleicht erschreckenden Präzision der Daten lassen sich Risiken für Investitionen deutlich minimieren. Denn die Daten sind sehr genau und aussagekräftig“, sagt Martin Schmitz. Das war durchaus Neuland für die Mitglieder des Arbeitskreises. „Ich habe mir noch nie darüber Gedanken gemacht, dass nach diesem Schema und nach diesen Auswertungen Konzerne und Unternehmen ihre Marketingstrategien aufbauen“, sagt die Bürgermeisterin. Ein bisschen erschreckend ist es auch: „Es muss sich keiner mehr einbilden, dass niemand etwas über ihn weiß.“

Die Gemeinde hat die Sinusdaten gekauft, wird sie aber nicht veröffentlichen. Interessenten für den Standort an der Lenneterrasse dürften aber mehr als interessiert daran sein. Die Menschen, die einem bestimmten sozialen Milieu angehören, denken und verhalten sich in der Praxis relativ ähnlich; und sie tun dies in weiten Bereichen: Sie kaufen gleichartige Konsumgüter, wählen ähnliche Parteien, erziehen ihre Kinder ähnlich und so weiter und so fort. Milieugliederungen dienen daher Marketinganalysten, um Zielgruppen zu definieren. „Ich habe gelernt, dass ich zu den Performern gehöre“, sagt Gerd Schröder, Fraktionsvorsitzender der SPD, schmunzelnd. Performer seien so die Mitte zwischen bürgerlich konservativ und fortschrittlich. Der Mensch sei sehr gläsern geworden. „Das ist bei Analysen sicherlich hilfreich, wenn ich allerdings bedenke, dass die Digitalisierung immer weiter zunimmt, weiß ich nicht, wo wir enden werden“, ist Gerd Schröder durchaus kritisch, „überall hinterlassen wir Spuren, über Kreditkarten, Payback, Facebook, Kundenkarten.“

 „Payback ist kein gutes Beispiel“

Dazu erklärt Martin Schmitz: „Payback ist ein Kundenbindungsinstrument. Die Punkte / Rabatte sind der Nutzenvorteil für den Kunden. Selbstverständlich steht dem eine Verpflichtung gegenüber, zum Beispiel, dass die Konsumentendaten erfasst, gespeichert und ausgewertet werden. Das dürfte aber tatsächlich niemanden wirklich überraschen. Daher ist Payback gar nicht so ein gutes Beispiel. Interessanter ist der Aspekt der Datenübergriffigkeit großer Plattformen wie Google, Facebook oder Amazon. Denn je nach Geschäftsmodell sind die Nutzenvorteile weitaus subtiler als bei Payback. Aber natürlich gibt es auch hier das Modell ‘Erhalte Zugang, bezahle mit deinen Daten’. Schon meine Oma wusste: Im Leben ist nichts umsonst. In der Bevölkerung fehlt es meist an Medienkompetenz, um solche Geschäftsmodelle zu verstehen. Dann muss man davor auch keine Angst haben, da man Chancen, Vorteile aber auch Gefahren und Risiken kennt. Deshalb sind wir bei Schmitz-Marketing stark mit diesen Themen aktiv, zum Beispiel auch in Hagen bei der SIHK.“

 Sonja Hammerschmidt war diejenige im Arbeitskreis, die vielleicht am wenigsten erstaunt darüber war, wie viele Informationen über jeden einzelnen gesammelt werden (können). „So lange ich nichts zu verbergen habe, ist das alles nicht so schlimm. Und ich finde das nicht gruselig, bin mir dessen bewusst, welche Spuren wir überall hinterlassen. Allein durch GPS weiß google, wo du dich befindest.“

Ort der Zusammenkunft

 Gerade befindet man sich am Standort Rastatt – jenem Gebäude, das für viele Nachrodter ein Herzstück der Gemeinde ist. Doch nach der Analyse ist „nur“ das Grundstück ein Sahnehäubchen – mit Entwicklungspotenzial. Dort eine Gaststätte, die den Biergarten mit Sicherheit nicht zur Straße, sondern zur Lenne ausrichtet, könnte eine neue Ära einläuten. „Ich denke, es ist ein richtiger Weg, wenn die Gemeinde nach geeigneten Investoren für eine Gastronomie sucht. Letztlich muss es für den Bürger einen Mehrwert geben“, sagt Jens Philipp Olschewski, Fraktionsvorsitzender der CDU. „Bei allen Analysen müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir den gastronomischen Grundbedarf abdecken müssen, der für die Menschen auch bezahlbar sein muss. Es soll auch ein Ort der Zusammenkunft sein, also für jeden Bürger nutzbar. Die Leute sollen etwas haben, wo sie hingehen können. Das wäre eine wahnsinnig gute Sache“, meint Olschewski.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare