Richter wird neugierig: „Wer kifft in Nachrodt?“

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Richter Dirk Reckschmidt gab sich neugierig. „Wer kifft denn in Nachrodt?“, fragte er den einzigen Zeugen im Verfahren gegen einen 34-jährigen Angeklagten und staunte über die Existenz einer „Kifferszene“ in der Gemeinde.

Der 20-jährige Zeuge korrigierte seine bei der Polizei gemachten Angaben und reduzierte seine Einkäufe beim Angeklagten von zwölf auf einen einzigen. Einmal habe er vom Angeklagten zehn Gramm Haschisch zum Preis von 100 Euro erworben, berichtete der Zeuge. Bei der Polizei hatte das noch ganz anders geklungen: Etwa einmal pro Monat habe er sich im Zeitraum von März 2011 bis März 2012 mit dem Angeklagten an einer Bushaltestelle in Nachrodt getroffen, um Marihuana zu kaufen, hatte er den Beamten erzählt. Alles Unsinn, versicherte er am Dienstag vor dem Amtsgericht Altena und bestätigte das Geständnis des Angeklagten, der den einmaligen Verkauf von zehn Gramm gestanden hatte. Richter Reckschmidt nahm die doch erheblich abweichenden Aussagen gelassen: „Der Zeuge hat sich so entschieden. Weitere Beweismittel haben wir nicht.“

Beweise gab es tatsächlich nicht, aber starke Hinweise, dass der Angeklagte doch stärker als zugegeben im Marihuana- und Haschischhandel engagiert gewesen war: Die Polizei fand am 4. Juli 2012 bei einem Besuch in der Wohnung des 34-Jährigen 18 Gramm Marihuana, eine kleine Menge Haschisch und vor allem eine Feinwaage und Verpackungsmaterial für das Rauschgift. „Wer hat in seinem Haushalt eine Feinwaage und eine entsprechende Mühle?“, wunderte sich der Richter. Da es aber keinen überzeugenden Beweis für ein fortgesetztes Handeltreiben mit Betäubungsmitteln gab, kam zum Vorwurf des einmaligen Verkaufs von Marihuana nur der weitere Anklagepunkt des Besitzes einer kleinen Menge der verbotenen Substanzen. Da der Angeklagte nicht vorbestraft war, hielt sich Richter Reckschmidt in der Mitte zwischen den Plädoyers der Staatsanwältin und des Verteidigers Heribert Golumbeck und verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 10 Euro. ▪ Thomas Krumm

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