Mit selbst gebauten Autos

Am Nürburgring: Rennfahrer (53) aus MK legt nochmal los 

Jürgen Freiburg fährt seit 30 Jahren Rennen und geht mit seinem Team demnächst mit zwei Autos an den Start.
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Jürgen Freiburg fährt seit 30 Jahren Rennen und geht mit seinem Team demnächst mit zwei Autos an den Start.

Seit 30 Jahren widmet Jürgen Freiburg dem Rennsport. Den Nürburgring kennt er in- und auswendig. Jetzt startet er nochmal richtig durch - mit zwei selbst gebauten Autos und vier Fahrern.

„Ein Auto ist erst dann schnell genug, wenn man morgens davor steht und Angst hat, es aufzuschließen“, soll der Rallyefahrer „des Jahrhunderts“, Walter Röhrl, gesagt haben. Auch er fuhr diverse Audi.

Ein Audi 80 Quattro wird gerade in Nachrodt-Wiblingwerde für Rennen auf dem Nürburgring vorbereitet. Er gehört Jürgen Freiburg. Der 53-Jährige, der seit 30 Jahren jede freie Minute dem Rennsport widmet, wagt mit seinem Fast Racing Team den Sprung in eine neue Ära – mit zwei Autos und vier Fahrern.

Porsche brettert Audi mit 140 km/h ins Heck

Sie stehen gerade übereinander in der Werkstatt: unten der Audi 80, auf der Bühne darüber der Corrado. Es ist nicht der VW-Corrado, der 2017 bei der VLN-Langstreckenmeisterschaft am Nürburgring einen Totalschaden erlitt.

Ein Porsche war ihm mit 140 Stundenkilometer ins Heck gebrettert. Jürgen Freiburg saß damals nicht am Steuer seines Lieblingsautos, sondern Norbert Kraft, 20 Minuten vor Renn- und Saisonende. Das Unfallauto steht heute in der Scheune.

Autos bauen, Startnummer drauf und los

1985 hat es Jürgen Freiburg erwischt. Mitten ins Herz. Auf der Kartbahn in Hagen war er Zuschauer, fünf Jahre später und ein paar Erfahrungen in Slalomrennen weiter, bestritt er im Golf 1 sein erstes Rennen am Nürburgring. Zu der Zeit konnte man sich ein Auto bauen, 250 Mark Startgeld zahlen, eine Startnummer aufs Auto kleben und los ging es am Nürburgring.

„Das war so. Man brauchte aber natürlich eine Fahrerlizenz und das Auto musste sicherheitstechnisch vorbereitet sein“, erzählt Jürgen Freiburg. Im Laufe der Jahre veränderte sich allerdings viel, vor allem die Konkurrenz. „Heute sind wir Exoten“, lacht der Rennfahrer, der im Bereich der Arbeitssicherheit der WKW-Gruppe in Velbert arbeitet. Von einem Hobby-Rennfahrer zu sprechen, wäre allerdings Perlen vor die Säue werfen.

Kaum mehr selbst gebaute Autos auf der Strecke

Heute kann man sich ein Rennauto „von der Stange“ kaufen, ohne eine einzige Schraube selbst eingedreht zu haben, und den „Schraubern“ wie Jürgen Freiburg davonbrausen. „Die Automobilhersteller modifizieren Autos aus der Serie und verkaufen sie an interessierte Kunden. Weltweit. Es gibt vielleicht noch zehn andere Teams, die es so machen wie wir. Alles andere ist gekauft.“ Modernste Entwicklung von Renn-Ingenieuren trifft heute also auf pure Leidenschaft der Selbstbauer.

„Nach dem Unfall 2017, der für unser Team ein Albtraum war, stellte sich schnell heraus, welche Freunde, welche Partner, welche Sponsoren und Unterstützer wir haben. Samstags verunfallt, sonntags gingen die Hilfsangebote von allen Seiten ein und gipfelten darin, dass die Sponsoren uns Zwei-Jahres-Verträge gegeben haben, was im Motorsport selten ist“, erzählt Jürgen Freiburg.

Zweiter Unfall: ein Zeichen aufzuhören?

Das beflügelte das Team natürlich, das mit Pioneer, Bilstein und RH-Alurad drei Partner an der Seite hat. „Da habe ich auch gemerkt, dass im Motorsport ein bisschen mehr als die Beleuchtung des Fahrers als Galionsfigur steckt.“ Schon kurz nach dem Unfall wurde Jürgen Freiburg ein anderer Corrado von einem Freund angeboten. Und so schön er jetzt auch ist, hat er das Herz von Jürgen Freiburg nicht erobern können.

Mit dem Corrado „2“ ging es 2018 erstmals ins Rennen. „Und ich bin sofort verunfallt. Wieder ist einer reingefahren. Wieder ein Porsche. Schaden: 6000 Euro. Da habe ich schon überlegt, ob es jetzt ein Zeichen ist, aufzuhören“, gibt der Nachrodt-Wiblingwerder zu, der danach einen echten Einbruch erlebte. Doch die Verbindung zum Rennsport und zum Team stellte sich schnell wieder ein. Darauf, dass er mit 53 Jahren nun zurückhaltender fährt, darf die Konkurrenz wahrlich nicht setzen.

Sechs Stunden Rennen Non-Stop

Die Rennen sind vier oder sechs Stunden lang. Nonstop. „Bei sechs Stunden wechseln wir zwei Mal die Fahrer, denn drei Stunden am Stück zu fahren, ist am Nürburgring schon herausfordernd“, sagt Jürgen Freiburg. „Kann man machen, dann muss man aber geistig und körperlich fit sein.“ Zum Team gehören zwölf Leute, von Mechanikern bis zum Catering. „Die Familie Trant aus Wiblingwerde ist zum Beispiel seit vielen Jahren dabei.

Der Feuerlöscher kann von innen und außen ausgelöst werden.

Sie kommen aus Hagen, haben hier aber schon immer mitgeschraubt, fanden die Landschaft toll und sind dann hierhin gezogen“, erzählt Jürgen Freiburg, der selbst 2015 von Hohenlimburg in die Doppelgemeinde umsiedelte. Und auch nie mehr wieder weg möchte. „Ich fühle mich so richtig, richtig wohl. Ich habe um mich herum eine tolle Nachbarschaft und gute Freunde.“

Autos ausschlachten für Rennwagen

Rennen fahren ist das eine – die Autos vorzubereiten die eigentliche Mammutaufgabe. Den neuen Corrado auf den Nürburgring zu bringen, hat sieben Monate und 1100 Arbeitsstunden gedauert. Das ist Leidenschaft und ein Tick Verrücktsein bei allen Teammitgliedern. Samstags und sonntags. Dazu gehören auch beispielsweise Hendrik Kleine, Timo Deichmann, Daniel Hessler, Geoffrey Wittland, Tim Sturm, Malte Scharpe und Gerd und Sonja Wellhausen.

Noch nicht klar ist, wie lange sie für den Audi benötigen werden. Jürgen Freiburg sieht sich schon längst nicht mehr als Boss, sondern als Teamplayer. „Was mich am meisten antreibt und erfüllt, ist mit meinen Freunden in diesem Umfeld zu arbeiten.“ Für einen einzigen perfekten Rennwagen werden andere Autos gekauft – wie ein blauer Audi 80.

Corrado mit 235 PS

„Ich habe einen Kühlergrill gesucht“, erzählt Jürgen Freiburg. Und weil das Auto auch noch ein paar Teile für den Innenraum und einen speziellen Befestigungs-Clip benötigte, kaufte er das ganze Auto für 120 Euro. Auch andere Fahrzeuge gibt es zum „Ausschlachten“. Und so wird der Audi 80 mit Allradantrieb aufgebaut, um nächstes Jahr an den Start zu gehen. Der Corrado mit 235 PS hingehen wird schon wieder am 4. Juni starten.

„Das wichtigste am Rennauto ist die Karosserie. Man kann nachträglich alles kaufen, immer mehr Geld investieren“, sagt Jürgen Freiburg. Ein Blick in den Audi 80 zeigt gerade „nur“ den Überrollkäfig, der die ganze Karosserie hart und steif macht. „Ein gutes Fahrwerk nutzt nichts, wenn sich die Karosserie bewegt.“

160 Autos am Start

Ein Feuerlöscher ist bereits an Bord. Er kann von innen und von außen ausgelöst werden. Auf beiden Fahrzeugseiten gibt es Netze. „Wenn der Sitz abbrechen sollte, bleibt man in der Position“, erklärt Jürgen Freiburg die Sicherheitstechnik. Neben Jürgen Freiburg ist auch Frank Haak Fahrer. Zwei weitere kommen jetzt dazu. Die Geschwindigkeit, mit der man bei der Rennserie auf dem Nürburgring unterwegs ist, beträgt zwischen 90 und 240 km/h. 160 Autos gehen gleichzeitig an den Start.

Nach dem Training wird man positioniert. Da landen die Selbstbauer meistens hinten. Trotzdem hat die Faszination der VLN (Veranstaltergemeinschaft Langstreckenpokal Nürburgring) nie gelitten. „Ich habe mich immer dort wohlgefühlt, weil wir auch Publikumslieblinge mit den Autos sind. Die Menschen mögen es, wenn jemand etwas selber baut und damit Erfolg hat“, sagt Jürgen Freiburg schmunzelnd, der Regen beim Rennen grandios findet.

Start in der zweiten Bundesliga

Denn dann ist das Können der Fahrer mehr denn je gefragt. 2012 gewann er erstmals das Sechs-Stunden-Rennen in der Klasse bis Zwei-Liter-Hubraum. Ein Erfolg, den er ein Jahr später wiederholen konnte. Seine schnellste Runde: 9,59 Minuten.

Jetzt geht das Fast Racing Team neue Wege. „Der nächste Schritt ist, mit beiden Fahrzeugen und vier Fahrern in die zweite Bundesliga zu wechseln“, sagt Jürgen Freiburg. Gemeint ist die RCN-Rundstrecken-Challenge Nürburgring. Sie ist Deutschlands älteste Serie für Tourenwagen-Motorsport. Für das Team um Jürgen Freiburg ist es kein Neuanfang, sondern eine Weiterentwicklung.

Der Nürburgring ist eine faszinierende Rennstrecke, auch, wenn man jeden Huppel kennt. „Die Witterungsbedingungen verändern die Strecke und auch die Geschwindigkeit, in der man sie fahren kann.“ Ob der Audi 80 mit mehr PS und Allrad schneller sein wird als der Corrado, wird die spannende Frage sein.

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