Interview mit Alu-met Geschäftsführer Dr. Ing. Frank Müller

AGN: „CO2 -Steuer schwächt das Werk in Nachrodt“

Ein Blick in die Produktionsstätte von AGN in Nachrodt. Die CO2 -Steuer belastet und schwächt das Werk.
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Ein Blick in die Produktionsstätte von AGN in Nachrodt. Die CO2 -Steuer belastet und schwächt das Werk.

Aus Österreich wurden FFP2- Masken an AGN geliefert, Mitarbeiter sind abwechselnd im Homeoffice, Telefonkonferenzen sind längst alltäglich. Die Aluminium GmbH Nachrodt (AGN) sieht sich im Kampf gegen die Pandemie gewappnet. Was dem Unternehmen viel mehr zu schaffen macht und viel dramatischer für den Standort ist, ist die Einführung der sogenannten CO2 -Steuer ab diesem Jahr, wie Alu-met-Geschäftsführer Dr. Ing. Frank Müller im Interview erzählt. Zu seinem Unternehmen gehören die zwei Produktionsstandorte AGN und die Speedline Aluminium-Gießerei GmbH in Österreich.

Die Coronakrise hat tiefe Löcher in die Bilanz vieler Unternehmen gerissen. Man darf davon ausgehen, dass dies auch für AGN zutrifft. Würden Sie mir Zahlen und Fakten nennen? Und wie sieht die aktuelle Auftragslage aus?
Dr. Frank Müller: Die Auftragslage befand sich in 2020 signifikant unter der Menge gegenüber des Vorjahres. Die Produktionskapazitäten wurden daraufhin adäquat in der Form angepasst, dass auf kurzfristigen Bedarf vom Markt die Aluminiumgießerei Nachrodt (AGN) reagieren konnte. Dadurch gelang es uns auch neue Kunden zu gewinnen. Leider kann ich Ihnen derzeit keine Zahlen nennen, da der Jahresabschluss 2020 noch in Arbeit ist.
Wenn allerorts von Schutzmaßnahmen gesprochen wird, von Homeoffice und Vermeidung von Begegnungen: Wie ist dies alles in Ihrem Nachrodter Unternehmen möglich? Und führen die Schutzmaßnahmen zu Ineffizienzen in der Fertigung und einem weiteren Druck auf die Profitabilität der Standorte?
Die Muttergesellschaft Alu-met GmbH als auch das Schwesterunternehmen Speedline befinden sich in Österreich, wo die Schutzmaßnahmen gegen Infektionen mit Covid-19 bereits frühzeitiger stattfanden. Alle Maßnahmen, die in den österreichischen Unternehmen bereits im März implementiert wurden, erfolgten dazu auch zeitgleich in der AGN. Dabei wurde die Abwicklung der Prozesse in der Form organisiert, dass es seitdem zu keinem physischen Kontakt mit Mitarbeitern von Fremdfirmen mehr kommt. Ebenso erfolgen seither Schichtübergaben in der Produktion (24/7) kontaktlos. Es wurden zusätzlich Laptops angeschafft und alle redundant zu besetzenden Arbeitsplätze arbeiten seitdem wöchentlich abwechselnd vom Homeoffice aus. Zum Beispiel Mitarbeiter 1 war im Homeoffice am Montag und Dienstag und Mitarbeiter 2 am Mittwoch bis Freitag. Nächste Woche wurde getauscht. Somit wird seitdem sichergestellt, dass die Funktionen erfüllt werden, ohne die Mitarbeiter für längere Zeit aus dem Werk zu „verbannen“, was von vielen als recht belastend bewertet wird. Wo es möglich war, wurde und wird auch durchgängig im Homeoffice gearbeitet. Auch innerbetriebliche Besprechungen wurden schon sehr frühzeitig ausschließlich per Konferenzschaltung abgehalten. Dies war für die Mitarbeiter nichts Neues, da aufgrund unserer Kommunikation innerhalb des Konzerns Telefonkonferenzen bereits vorher gängige Praxis waren. Aus Österreich wurden FFP2-Masken an das Werk AGN geliefert, um damit die Mitarbeiter zu versorgen. Zahlreiche Verhaltensformen wurden definiert und auch deren Einhaltung kontrolliert. Wir wissen, dass es in anderen Unternehmen zu Abmahnungen wegen Nichteinhaltung der Maßnahmen gekommen ist. Diese Vorgehensform lehnen wir aber ab. Wir belehren die Mitarbeiter in einer kollegialen und an das Verantwortungsbewusstsein appellierenden Form.
Mussten Sie aufgrund von Coronainfektionen schon ganze Teams nach Hause schicken, umorganisieren, Fertigungen stoppen?
Nein, Kapazitätskürzungen erfolgten ausschließlich aufgrund der geringeren Auftragslage.
Nutzen Sie das Mittel der Kurzarbeit? Und fühlen Sie sich von der Politik in der Krise gut unterstützt?
Ja, wir nutzten die Kurzarbeit, diese Unterstützung trug zu einem geringen Teil dazu bei, die Ausfälle der Fixkosten durch verminderte Produktionsmengen zu kompensieren. Zukünftig wesentlich dramatischer für den Standort, als die aus unserer Sicht zeitlich begrenzte Pandemie, ist die Einführung der sogenannten CO2 -Steuer ab diesem Jahr. Diese zusätzliche finanzielle Belastung für das Unternehmen in Deutschland von fast einer halben Million Euro pro Jahr blockieren zukünftige Investitionen im signifikanten Umfang. Und ohne Investitionen ist ein Standort langfristig nicht zu halten. Unsere Umschmelz- und Gießeinrichtungen werden bei ca. 800 bis 1000 Grad betrieben. Umschmelzen bedeutet dabei, dass der größte Anteil des Materialeinsatzes aus Aluminiumschrotten (also Metallabfall) besteht. Daraus fertigen wir dann Pressbolzen, die in den Presswerken unserer Kunden zu Profilen für die Bauindustrie, den Fahrzeugbau, den Fensterbau und vielen anderen Anwendungen ihren Einsatz finden. Somit liegt der durchschnittliche CO2 -Verbrauch in unseren Werken bei etwa zwei Tonnen CO2 je Tonne Aluminium. Es gibt Mitbewerber, die sich damit rühmen, bestimmte Produkte mit niedriger CO2 -Emission (2 bis 4 Tonnen CO2 ) herzustellen, in der AGN sind zwei Tonnen hingegen der Durchschnitt. Wird das Aluminium aus China importiert, wo der weitaus größte Anteil des Aluminiums mithilfe von Kohlekraftwerken erzeugt wird, liegt der CO2 -Ausstoß bei 18 Tonnen CO2 je Tonne Aluminium, also dem neunfachen Wert, plus den Transport nach Europa mit Schweröl betriebenen Tankern. Bei unserer Kapazität von 70000 Tonnen pro Jahr sprechen wir von etwa 1.120.000 Tonnen CO2 weniger, bei gleicher Anwendung und geringen Transportwegen.
Unternehmen müssen unter Umständen flexibel auf Personalausfälle reagieren können. Der §14 ArbZG ermöglicht es, in Sondersituationen von der Arbeitszeitbegrenzung abzuweichen. Machen Sie davon Gebrauch? Fertigungsanlagen sind nicht eben mal an- und abschaltbar.
In den besonders kritischen Monaten 2020 haben wir einen kleineren Schmelzofen und eine Gießstation stillgesetzt, also abkühlen lassen. Bei Kapazitätskürzungen von zum Beispiel 24 Stunden wird der Ofen über diesen Zeitraum auf 700 Grad auf Temperatur gehalten. Der Energieverbrauch ist dabei deutlich geringer, als würde man den Ofen abkühlen und wieder aufheizen.
Würden Sie sagen, dass Aluminiumpressbolzen die Stahlpressbolzen mehr und mehr ablösen?
Profile oder Rohre aus Stahl werden in einem anderen Verfahren als dem Strangpressen hergestellt (Stahlprofile und –rohre mittels Pilgern = Profilwalzen, also mithilfe von Walzvorgängen erzeugt). Dies erfolgt, da die Fließfähigkeit des Aluminiums im umformbaren Zustand wesentlich formfüllender ist als die von Stahl. Somit sind die Profile aus Aluminium wesentlich komplexer, filigraner (dünnwandiger), leichter und einfacher herzustellen. Der Markt für Aluminiumprofile in Europa beträgt etwa 3.500.000 Tonnen pro Jahr. Unser Unternehmen stellt davon ca. 150000 Tonnen her, aber wie bereits erwähnt, großteils aus Recyclingaluminium. Die beiden Werkstoffe Stahl und Aluminium haben jeweils ihre Berechtigung und je nach Anwendungszweck erweist sich sowohl der eine wie der andere als sinnvoller. Im Mengenvergleich der beiden Werkstoffe wird etwa 20 mal so viel Stahl – 800 Millionen Tonnen – hergestellt wie Aluminium – 40 Millionen Tonnen. Da Stahl ca. drei Mal so schwer ist wie Aluminium, beträgt das Volumen ca. 7 x mehr Stahl als Aluminium. Bei bestimmten Anwendungen, wie im Fahrzeugbau, wo es darauf ankommt, möglichst wenig Gewicht zu beschleunigen und abzubremsen, weist das Aluminium sehr gute Eigenschaften auf. In unbeweglichen (statischen) Anwendungen wie zum Beispiel Brücken- und Gebäudebau ist Aluminium wiederum völlig bedeutungslos.
Wie stark ist der Wettbewerb aus China oder Indien beispielsweise?
Der Wettbewerb aus China und Indien ist besonders bei unseren Kunden gegeben. Unsere direkte Konkurrenz kommt aus dem Nahen Osten (Bahrain, Dubai), aber auch Russland, Island, wo die Energiepreise einen Bruchteil der Energiekosten im Vergleich zu Mitteleuropa ausmachen. Dem entgegenwirken können wir nur mit einer außerordentlich hohen Liefertreue, stabiler und hoher Qualität und kurzer Lieferzeit. Zudem arbeiten wir auch die Aluminiumabfälle unserer Kunden wieder zu Preßbolzen um. Und genau das wird nun durch die CO2 -Steuer signifikant verteuert. Aufgrund des Alleinganges der Bundesregierung mit dieser Steuer sind wir somit auch gegenüber unseren Mitbewerbern in Aluminiumgießereien der Nachbarländer benachteiligt.
Sie haben zwei Produktionsstätten, in Nachrodt und in Österreich. Ist Nachrodt ebenso weitgehend automatisiert wie Schlins?
Ja, wir achten darauf, dass die Prozessabläufe möglichst deckungsgleich sind, um im Bedarfsfall von beiden Standorten aus die Kunden mit dem gleichen Material zu beliefern. Unsere Ingenieure beider Werke stehen im ständigen Kontakt miteinander und werden auch bis ins Detail über die Kennzahlen des Schwesterwerkes informiert. Es ist ein ständiger Prozess, dass Erfahrungen und Ratschläge gegenseitig ausgetauscht werden. Zum Beispiel werden zahlreiche Mitarbeiter zur Weihnachtsfeier nach Österreich eingeladen. Leider mussten wir die Weihnachtsfeier in 2020 ausfallen lassen. Aber vielleicht klappt es dieses Jahr wieder.
Auf Ihrer Homepage las ich, dass die Produktionsgrenze bei der Übernahme des Unternehmens bei 30.000 Tonnen lag und heute 65.000 Tonnen Pressbolzen der Legierung 6000 jährlich produziert und ausgeliefert werden. Wurde in den letzten Jahren also erheblich investiert am Standort Nachrodt? Und wie sieht der Plan für 2021 aus? Ich las, dass AGN eine Optimierung an dem Schmelzofen 3 plant, wo Heißluftbrenner durch Regenerativbrenner ersetzt werden. Ist das schon umgesetzt?
Die Kapazität des Werkes liegt derzeit mit 55 Mitarbeitern bei über 70000 Tonnen. Der Schmelzofen 3 wurde im letzten Jahr mit modernster Brennertechnik ausgerüstet. Seit 2012 wurden in das Werk 14 Millionen Euro investiert. Das sind mehr als 250000 Euro pro Arbeitsplatz.
Die Industrie benötigt eine Vorwärtsstrategie. Wie könnte eben diese aus Ihrer Sicht aussehen?
Im Wesentlichen wehrt sich die westliche Aluminiumindustrie gegen die bereits erwähnte umwelt- und menschenfeindliche Konkurrenz. Mit der Aluminium Stewardship Initiative (ASI) wurden Maßstäbe ausgearbeitet und als Kriterien erfasst, um eine umweltfreundliche und die Menschenrechte berücksichtigende Aluminiumerzeugung zu fordern.Immer mehr Konsumenten in der westlichen Hemisphäre verlangen eine entsprechende Zertifizierung als Grundvoraussetzung für eine Lieferantenvereinbarung. Das ist aus unserer Sicht der richtige Schritt und unserer Meinung nach sollten die Kriterien der ASI sogar noch deutlich verschärft werden, um die Unterschiede zwischen den Begleitumständen in der Aluminiumindustrie zu verdeutlichen. Gleiches könnte auch genauso in der Textilindustrie erfolgen. Die beiden Werke der Alu-met sind ASI zertifiziert. Ein weiteres Kriterium ist die Environment Produkt Declaration. Hierbei wird von einem autorisierten Unternehmen (TÜV) nach objektiven Kriterien errechnet, welche Umweltemissionen mit der Herstellung eines Produktes verbunden sind bzw. anfallen. Das heißt, beginnend zum Beispiel vom Erzabbau in Australien bis zur Fertigstellung des finalen Produktes in Nachrodt, wieviel CO2 , NOx und anderes ist dabei angefallen. Auch die Einsatzstoffe werden dabei mit ihrer Belastung bei der Herstellung mit eingerechnet. Hierbei erwarten wir uns zum Beispiel rückwirkend analysiert für das Jahr 2020 eine durchschnittliche CO2- Emission für die gesamte Produktionsmenge von kleiner 2 Tonnen, was einen absoluten Spitzenwert in unserer Branche darstellt. Technologisch betrachtet fokussiert sich die AGN darauf, alle Presswerke in unserer unmittelbaren Nähe als der oder zumindest einer der Hauptlieferanten zu qualifizieren. Und mein letzter Satz nochmals in Richtung CO2- Steuer. Derzeit gibt es keine nur im Ansatz wirtschaftliche Alternative für den Ersatz von Gasbrenner, um die Schrotte aufzuschmelzen. Somit ist für unsere Branche die CO2-Steuer auch kein Druckmittel, um auf CO2-freie Technologien umzusteigen. Wir haben schon die beste Brennertechnologie im Einsatz. Die CO2 -Steuer belastet und schwächt somit nur das Werk in Nachrodt.

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