Die gute, alte Ansichtskarte

Gudrun Theiß (links) und Elke Schmalenbach.

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ „Eine Ansichtskarte? Haben wir...“ – Gudrun Theiß muss zwar kurz suchen, legt dann aber doch zwei verschiedene Exemplare auf den Verkaufstresen der Nachrodter Postfiliale. Ein Verkaufsschlager seien die „Grüße auf Nachrodt-Wiblingwerde“ zwar nicht, verrät sie: „Aber gelegentlich fragen mal Urlauber danach, die die Ferien auf dem Ahorn verbringen“.

Eine der beiden Karten konzentriert sich auf den unteren Teil der Doppelgemeinde. Sie zeigt Amtshaus und Märkischen Platz sowie St. Josef und ein Luftbild. Den „Gruß aus Wiblingwerde“ versah der Mediacon-Verlag mit Bildern von grasenden Kühen und der reformierten Kirche.

Über 30 verschiedene

Motive aus alter Zeit

Den Blick zurück in die gute alte Zeit ermöglicht heutzutage das Internet. Auf der Online-Verkaufsplattform ebay führt der Suchbegriff „Nachrodt-Wiblingwerde“ zu 109 Treffern. 44 Häuser und Grundstücke in der Doppelgemeinde werden dort angeboten, gut ein Dutzend Stadtpläne, die 2009 im KV-Verlag erschienen sind – und 30 alte Ansichtskarten. Noch größer ist das Angebot bei postales 24.de, einem auf alte Ansichtskarten spezialisierten Onlineshop. Der hat 84 Karten aus der Doppelgemeinde im Programm, sie zeigen wenigstens 30 verschiedene Motive. Darunter auch solche, die nur noch alteingesessene Nachrodter zuordnen können wie etwa die „Imbißstube Braun“, die sich einst eine eigene Ansichtskarte leistete. Oder das „Kurheim Gut Sassenscheid“, das so hieß, weil Wiblingwerde einst Luftkurort war. Auch von der inzwischen abgerissenen Kolping- Ferienstätte existieren Karten. Vom Nachrodter Hof, damals noch Hotel, werden Bilder aus verschiedenen Epochen angeboten. Sie dokumentieren, wie sich die Umgebung des Gebäudes über Jahre und Jahrzehnte verändert hat.

Bei Holzrichter kein

Bedarf mehr

Das gilt erst recht für den „Gasthof und Sommerfrische Holzrichter“ in Veserde. Vorkriegsaufnahmen in Schwarzweiß, Farbaufnahmen aus den 70er Jahren – alles da im Internet. Und heute? Bei der Frage nach einer Postkarte kann Marcel Kaminski, Assistent der Geschäftsleitung, nur bedauernd mit den Schultern zucken – eine aktuelle Postkarte vom Schlosshotel Holzrichter gibt es nicht. „Das wird auch gar nicht nachgefragt“, berichtet der Hotelfachmann. Ein großer Teil der Gäste seien Geschäftsleute. Die schrieben E-Mails oder SMS und keine Karten.

Postkarten gibt es seit knapp 150 Jahren. Am 6. Juni 1870 zeichnete der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck die „Verordnung betr: die Einführung der Correspondenzkarte“ ab, die ab 1. Juli 1870 in Kraft trat. Der Aufstieg war kometenhaft: Fast eine Milliarde Postkarten zählt die deutsche Poststatistik im Jahr 1900. 2006 waren es nur noch 225 Mio. Exemplare, seitdem wird die Ansichtskarte nicht mehr statistisch erfasst. Dass es einen weiteren Rückgang gegeben hat, ist anzunehmen: Auch der bebilderte Urlaubsgruß kommt heute digital, statt der Farbfotos von Amtshaus und Kühen auf Wiblingwerder flattert „Mama vor den Brenscheider Mühlen“ per elektronischer Post ins Haus.

Digitale Bilder

sind vergänglich

Für Historiker ist das eine alles andere als erfreuliche Entwicklung – auf die die Postkarte als „öffentlichem“ Medium haben und hatten sie Zugriff und konnten sie archivieren. Ihr Zugriff auf digitale Dateien ist deutlich beschränkt. Außerdem ist bis heute unklar, wie haltbar sie eigentlich sind.

von Thomas Bender

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