Vom Alltag einer Flüchtlingsfamilie

Die Tür schließt nicht mehr richtig und wurde mit einem Seidenstrumpf geschlossen.

Nachrodt-Wiblingwerde - Ein Bett, ein Schrank, eine Couch, ein Sessel, ein Tisch, ein kleiner Herd, eine Spüle und ein Kühlschrank – das ist das Reich eines Mannes, der einst erfolgreich selbstständig war und dennoch sagt, er lebe jetzt im Paradies. Er stammt aus dem Kosovo.

Musste fliehen und lebt nun mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in zwei Zimmern im Übergangswohnheim an der Hagener Straße.

Seinen Namen möchte er nicht verraten. Zu groß ist die Angst, dass ihn seine Verfolger finden und zu groß die Angst, dass die Eltern aus dem Kindergarten seines Sohnes von seinem Schicksal erfahren und das Kind meiden.

Warum er hier ist? Diese Frage zu beantworten, fällt ihm sichtlich schwer.

Zu sehr schmerzt die Erinnerung. „Ich war halt kein Albaner“, sagt er. Und das wurde ihm zum Verhängnis. Man lauerte ihm auf. Verprügelte ihn, zertrümmerte ihm sein Bein und versuchte, ihn zu erschießen, doch er schaffte es, zu fliehen. „Als wir hier waren, das war ein unglaubliches Gefühl. Wir mussten keine Angst mehr haben. Nicht mehr um unser Leben fürchten.“ Traumatisiert bezogen sie ihr kleines Reich. Momentan ist die Familie nur geduldet. „Wir haben natürlich Angst, dass wir abgeschoben werden. Keine Ahnung, was wir dann machen sollen.“ Mittlerweile spricht er gut Deutsch. Würde gerne einen Job annehmen – darf es aber nicht, er ist ja nur geduldet.

„Ich bringe meinen Sohn in den Kindergarten, gehe vielleicht noch einkaufen und das war’s. Was soll ich tun?“ Anfangs habe er versucht, das Haus aufzuräumen und sauberzuhalten. „Aber das ist unmöglich. Dafür wohnen hier viel zu viele unterschiedliche Menschen“, erklärt er. Beschweren möchte er sich jedoch nicht. So ist es halt. Und besser als der Kosovo. „Wenn ich meinen Sohn aus dem Kindergarten hole, ist er so glücklich und strahlt über das ganze Gesicht.“

Und so sitzen er und seine Frau da, in ihrem kleinen Reich aus einem Bett, einem Schrank, einer Couch, einem Sessel, einem Tisch, einem kleinen Herd, einer Spüle und einem Kühlschrank – und ohne Todesangst.

(Der vollständige Artiktel heute, Montag, 13. Oktober, im Altenaer Kreisblatt)

Von Lydia Machelett

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