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Von Wollmützen im Wohnzimmer und Lachs, der für das Frühstück gestrichen wird

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Für jeden Spaß zu haben: Das Team der Nachrodter Mahlzeit. Und doch waren die Themen ernst.
Für jeden Spaß zu haben: Das Team der Nachrodter Mahlzeit. Und doch waren die Themen ernst. © Fischer-Bolz, Susanne

Spitzkohl könnte es nächste Woche geben. Dann ist er nämlich im Angebot. Für 1,11 Euro. Oder Möhren. Das Bund (750-Gramm) kostet 88 Cent. „Ich lass mich jetzt immer von den Angeboten inspirieren“, erzählt Bernd Greif im Rahmen der Nachrodter Mahlzeit. Früher hat er gekauft, was ihn anlachte, heute schaut er in die Prospekte. Die Wahnsinns-Preise fordern ein Umdenken.

Nachrodt-Wiblingwerde – „Wenn der Blumenkohl im Angebot ist, überlege ich, ob ich dazu Bratwürstchen mache.“ Den Lachs zum Sonntagsfrühstück, für den er bislang 2,99 bezahlte und der jetzt 4,99 Euro kostet, hat Bernd Greis ersatzlos gestrichen. Viele Nachrodt-Wiblingwerder machen es jetzt so wie er. Sie haben ihr Einkaufsverhalten verändert.

Das Leben wird für einige Menschen unbezahlbar

Und das wundert nicht. Die Preise sind gepfeffert, Butter ist um 72,2 Prozent teurer geworden, Schweinefleisch (+46,3). Auch für Käse und Quark (+39,7) sowie Milch (+37,5) und Kaffee (+32 Prozent) sind die Preise kräftig gestiegen. „Das ist besonders schlimm für alle, die bislang schon rechnen mussten, die knapp über der Armutsgrenze liegen“, sagt Andrea Gruß und möchte auf diese Menschen aufmerksam machen. Das Leben scheint für manche Menschen unbezahlbar zu werden.

Mehr Gäste bei der Nachrodter Mahlzeit?

Werden deshalb zukünftig immer mehr Gäste zur Nachrodter Mahlzeit kommen, wo sie für „kleines Geld“ ein Drei-Gänge-Menü bekommen? „Das ist nicht unwahrscheinlich. Jeder ist willkommen, es gibt genug für alle“, sagt Andrea Gruß. Am Donnerstag jedoch gab es keinen riesigen Andrang trotz der Reibeplätzchen vom Bürgerbusverein. Insgesamt 32 Essen gingen über die Theke, viele Gäste nahmen die Reibeplätzchen mit nach Hause, andere, wie Siegfried Figge oder Fritz Mattke freuten sich, in Gesellschaft zu essen. Der 79-jährige Siegfried Figge ist alleinstehend und kommt gern zur Nachrodter Mahlzeit. Normalerweise kocht er für sich allein. Und weil sich kleine Portionen nicht lohnen, friert er auch Essen ein. „Ich kann ja nicht sechs Tage hintereinander Linsensuppe essen“, erzählt er schmunzelnd. Sorgen macht er sich um die Nebenkosten für seine Wohnung. Was auf die Mieter zukommen wird, mag er sich gar nicht ausmalen.

Der Bürgerbusverein spendierte die Reibeplätzchen. Diesmal halfen am Herd: Jürgen und Anita Ruyther, Jürgen Röthing, Rolf Schulze und Dieter Nölke.
Der Bürgerbusverein spendierte die Reibeplätzchen. Diesmal halfen am Herd: Jürgen und Anita Ruyther, Jürgen Röthing, Rolf Schulze und Dieter Nölke. © Fischer-Bolz, Susanne

„Er schimpft über die Preise“

Bei Fritz Mattke steht der Sohn am Herd. „Und wenn er vom Einkaufen nach Hause kommt, dann schimpft er immer über die Preise“, erzählt der Senior, der in der Kummer-Siedlung Nachrodter Feld wohnt. In seinem Haus an der Freiherr-vom-Stein-Straße gab es jetzt aktuell drei Wochen kein Öl. „Die Immobilienriesen machen mit uns, was sie wollen. Und die Gemeinde hat uns im Stich gelassen“, findet Fritz Mattke. Friseur war er früher in der Gemeinde, deshalb kennt er auch sehr viele Menschen, die jetzt zur Nachrodter Mahlzeit kommen. Niemand beschwert sich, dass die Preise von 2,10 auf 3,50 Euro für Suppe, Hauptgericht und Nachspeise angehoben wurden.

Annette und Peter Schürmann und Charlotte Schmidt (links) bei der Nachrodter Mahlzeit
Annette und Peter Schürmann und Charlotte Schmidt (links) bei der Nachrodter Mahlzeit © Fischer-Bolz, Susanne

Nicht mit Wollmütze im Wohnzimmer sitzen

„Ich habe sowieso nie verstanden, wie 2,10 Euro jemals möglich waren“, sagt Annette Schürmann, die mit ihrem Mann Peter und mit Charlotte Schmidt zum Essen gekommen ist. Auch sie haben ihr Kaufverhalten der Situation angepasst. „Wir haben aber schon immer bewusst eingekauft. Wenn es Rouladen nicht im Angebot gibt, dann nehme ich sie nicht“, erzählt Annette Schürmann. Alles, selbst das Vogelfutter, sei teurer. Das Kilo Sonnenblumenkerne koste jetzt statt 99 Cent 1,99 Euro. „Jetzt nehme ich weniger als früher.“ Schwierig ist es für alle beim Thema Heizen. 17 Grad im Wohnzimmer? „Das geht nicht. Wir tun, was wir können. Aber ich kann mir ja nicht noch Handschuhe und eine Wollmütze im Wohnzimmer aufsetzen“, findet Annette Schürmann. 19 Grad ist die Devise für viele. Niemand lebt einfach so, als wäre alles wie früher. Sorgen und Ängste überschatten diese Tage – auch bei der Nachrodter Mahlzeit.

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